"Ich trete gegen den Einheitsbrei an"

24. September 2007, 18:08
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Wiener Seidenweberei webte einst für die Kaiserin Sisi – heute ordern Designer

Wien – Frau Rusicay streicht sanft über die bunten Tücher. Ein falsch gelegter Faden, und das feine Muster sei dahin, erklärt sie. Ihre Kollegin ordnet Spulen. Rote, grüne, gelbe Fäden laufen auf einer Trommel zu Bändern zusammen. Sie arbeite hier wie die meisten anderen seit über 20 Jahren, sagt sie. Präzision und Geduld seien dafür notwendig. Ihr Blick durch die Brille ist streng.

"Ich hätte nicht die Ruhe dafür", sagt Georg Flemmich freimütig. 80 bis 90 Jahre habe die Maschine, die gemächlich vor sich hin rattert, auf dem Buckel. Bei dieser komplizierten Webkette dürfe man nicht hetzen. Und um derart genau arbeiten zu lernen, brauche es Jahre, betont er. Flemmich ist Geschäftsführer der gleichnamigen Seidenweberei.

Seine Fabrik verbirgt sich am Wiener Stadtrand in einem unscheinbaren grauen Betonbau. Drinnen erstreckt sich ein Farbenmeer. Damen bügeln und polieren feine Stoffe. An den Wänden erinnern Schwarz-Weiß-Fotografien an die Blütezeit des mehr als 170 Jahre alten Familienunternehmens.

Flemmich zählte vor dem Zweiten Weltkrieg 1000 Webstühle, gut 200 Mitarbeiter in Wien und 1000 in Tschechien. Man entwarf und webte Stoffe für Kaiserin Elisabeth, führte Schulen und Kindergärten. Flemmichs Urgroßvater wurde enteignet – sein Großvater baute die Fabrik in Wien mit zwei Webstühlen neu auf. "Wir haben alle Höhen und Tiefen erlebt", resümiert Flemmich.

Eines der Tiefs: "Wir mussten während des Krieges erst Seide für Fallschirme, dann für Sargfutter erzeugen."

Von der einstigen Größe ist auf den ersten Blick nicht viel geblieben. 28 Mitarbeiter und 21 Webstühle zählt das Unternehmen heute. In den alten Schränken, Archiven und Blumenkisten birgt Flemmich jedoch einen wertvollen Schatz: 4000 verschiedene Muster mit 80.000 Farbstellungen lagern dort. Flemmich verwendet sie für Jacquards, Schals, Tücher und Trachtenstoffe. Er wolle nicht arrogant sein, sagt Flemmich. Aber mit dieser Vielfalt und Präzisionsarbeit sei sein Betrieb wohl einer der letzten der Branche weltweit.

"Dieses Tuch hier geht nach Spanien", ruft er und versucht in der angrenzenden Produktion, die dröhnenden Webstühle zu übertönen. "Das werden Krawatten, dort sind die Trachtenstoffe." Und jene mit den grellbunten Farben seien für Skandinavien bestimmt.

40 Prozent Export

40 Prozent seiner Seide sind Spezialanfertigungen. Ebenso viel geht in den Export. Unter den Kunden sind Trachtenerzeuger wie Tostmann, Sportalm und Geiger. "Aber auch Lagerfeld, Bogner und Escada kennen uns." Im Handel komme ein Tuch aus der Wiener Weberei auf rund 100 Euro. Flemmich selbst setze heuer 3,4 Millionen Euro um.

Er und sein Vater wollten nie groß expandieren, sagt Flemmich. "Es geht uns nicht um die Menge, ich trete gegen Einheitsbrei und Masse an." Eingekauft werde die Reinseide in Italien, für das Färben sorgt ein kleiner Wiener Betrieb. "Wir brauchen zum Teil nur Apothekermengen."

Zweimal die Woche sieht Otto Flemmich, 83-jähriger Senior und Spezialist für alles Technische, nach dem Rechten. Auch auf Messen ist er gern präsent. Sein Sohn will die Weberei langfristig in Familienhand bewahren. "Alle meine Mitarbeiter sollen hier in Pension gehen können." (Verena Kainrath, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 25.09.2007)

  • Georg Flemmich, Chef der gleichnamigen Seidenweberei am Stadtrand von Wien: "Wir haben alle Höhen und Tiefen erlebt."
    foto: standard/foto: andy urban

    Georg Flemmich, Chef der gleichnamigen Seidenweberei am Stadtrand von Wien: "Wir haben alle Höhen und Tiefen erlebt."

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