Ein Käfig ohne Narren

24. September 2007, 17:21
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Badora eröffnet mit "Wie es Euch gefällt": Shakespeare inszenieren heißt, aus prall gefüllten, gut erhaltenen Text-Schatzkisten schöpfen können

Graz – Manche mögen es derb und schrill – und wer will, kann auch das aus Shakespeares Komödien herausklauben, putzen und polieren und den Rest weit gehend unbeachtet lassen. So ging wohl Anna Badora, Intendantin des Grazer Schauspielhauses, bei ihrer Saisoneröffnung mit Wie es Euch gefällt vor. Hier wird mit Travestiemaskerade das Naturidyll und der Mythos vom edlen Wilden demaskiert.

Frauen spielen Männer, Männer dafür Frauen – nicht nur auf dem Blatt, sondern zwecks Verdoppelung auch auf der Bühne. Letzteres war freilich zu Shakespeares Lebzeiten auch nicht ungewöhnlich. Allein: Es bleibt unklar, ob die Regie mit dem Polieren nicht ganz fertig wurde oder das gesamte Ensemble nicht auf die gleiche Tonhöhe eingestimmt wurde. Denn von hysterisch, leicht überdreht bis zu parodistisch bot sich die Darstellung in verschiedensten Stimmungsgewändern dem Publikum feil.

Stark ist vor allem die Performance von Jan Thümer, der zwar wie ein Travestiestar nach Feierabend angezogen wurde, aber die Grenze zum Klamauk im Hoffen und Bangen der von ihrem Onkel verstoßenen Rosalind nie überschreitet. Objekt ihrer Liebe, der ebenso entflammte Orlando, ist bei Max Mayer ein etwas hilfloser, manchmal leicht übergeschnappter, aber überzeugend liebender junger Mann in Unterhose.

Gerhard Balluch gibt die herzöglichen Brüder auf seine Art schräg und unterhält dabei ebenso köstlich wie der als Tarzan-Klon aus dem Dschungel brechende Oliver. Das Bühnenbild wird durch Projektionen und etwas Wasser in Sekunden von der schicken Welt der Shoppingmeilen und durchdesignten Menschen in in einen kitschigen Urwald, der an Pierre-et-Gilles-Bilder erinnert, verwandelt.

Martina Stilp und Andrea Wenzl schälen aus den Herrenklamotten konsequent zwei Typen von Männern heraus: Einen Jaques der Kategorie extrahart und einen völlig eingeschüchterten kleinen Buben von einem Silvius. Als solcher wirbt Wenzl um Phoebe, für die Julian Greis als erbarmungswürdige Dragqueen herhalten muss. Franz Solar amüsiert durch musikalische Coverversionen, Susanne Weber und Erik Göller persiflieren die Pflegedebatte. Der Text wurde mit galligen Kalauern von Christian Winkler angereichert. Dafür wurde der Narr gestrichen. Wobei Jaques andeutet, dieser sei im Publikum. Wer weiß. (Colette M. Schmidt, DER STANDARD/Printausgabe, 25.09.2007)

  • Orlando (Max Mayer, li.) erkennt Rosalind im Anzug (Jan Thümer) nicht.
    foto: manninger

    Orlando (Max Mayer, li.) erkennt Rosalind im Anzug (Jan Thümer) nicht.

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