Passabler Opernkonflikt

24. September 2007, 17:09
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Premiere von Verdis "Maskenball" an der Grazer Oper: Regisseur Anselm Weber verzichtet auf inszenatorische Irritationen

Dirigent Johannes Fritzsch animiert das Orchester, Verdis Melos angemessen erblühen zu lassen.

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Graz – Nach dem "Aufsteirern", einem deftigen wein- und bierseligen Volksfest, bei dem die Grazer ihre Seelen baumeln lassen wie die Krainer an den Haken der Würstelstände, und nach dem eher der geistig asketischen Elite vorbehaltenem herbst-Start, brachte nun Giuseppe Verdis Maskenball zum Saisonauftakt der Grazer Oper endlich eine Produktion, in der sich sämtliche Schattierungen des ästhetischen Anspruchs wohl- fühlen konnten.

Alle wurden gut bedient, und keiner wurde überfordert. Eine Premiere so recht nach dem Herzen und (zum Teil) auch nach den Ohren eines jeder inszenatorischen Verstörung abholden Opernpublikums. Vor derlei Irritationen hat Anselm Weber, Intendant in Essen, seine Verdi-Freunde wirksam beschützt.

Er beschränkte sich nämlich in der Hauptsache darauf, die ausgeprägte rhythmische Musterung, welche Verdis Musik in Un ballo in maschera in reichlichem Ausmaß anbietet, in gestische Gestaltung zu übertragen. Da Weber bei dieser Technik sehr viel Fantasie entwickelt, ließ sich diese Premiere recht passabel an.

Schon deshalb, weil Hermann Feuchter als szenischer Gestalter im ersten Bild recht imposant zwischen die in Reih und Glied dastehende Maskenball-Gesellschaft aus dem Schnürboden für einen jeden einen schwarzen Mantel nebst Zylinder (Kostüme Michaela Mayer-Michnay) niederfahren lässt und damit einen eindrucksvollen Effekt erzielt.

Konventioneller Ball

Bedauerlicherweise hält Feuchter in der Folge nicht, was er zu Beginn verspricht. Ein riesiger Totenkopf gibt der Szene der wahrsagenden Ulrika noch ein gewisses makabres Flair, doch auf dem Schauplatz von Amelias Liebesszene mit Riccardo ist der szenische Einfallsreichtum zu Ende und erholt sich auch in der äußerst konventionell gestalteten Ballszene nicht.

Bevölkert wird diese Szenerie von einem durchaus passablen Ensemble, aus dem der Argentinier Gustavo Porta als Riccardo von Anfang an hervorragt und auch bis zum Ende durchhält. Sein Tenor hat bei aller Dramatik stets auch lyrische Strahlkraft, und sein Spiel ist sympathisch. Alexej Markov hat zwar schon am St. Petersburger Mariinski-Theater den Onegin gesungen. Doch als Riccardos Gegenspieler Renato hatte er zunächst noch Schwierigkeiten, seinen warm timbrierten Bariton frei tönen zu lassen, was erst bei seiner imponierend gestalteten großen Szene wirklich glückte.

Amelia, die Frau, deretwegen sich die beiden in den Haaren liegen, lässt trotz hochkultivierter Technik, mit dem sie ihren angenehm tönenden Sopran einsetzt, seltsamerweise doch ein bisschen kalt. Vielleicht auch, weil sie angesichts des durch ihren Gemahl angekündigten Todes nichts Besseres zu tun weiß, als sich mit ihrem aus einem Glas Milch und einem Apfel bestehenden kargen Nachtmahl zu beschäftigen.

Verdis Melos

Tichina Vaughns Ulrica war stimmlich und darstellerisch von jenem für diese Partie erforderlichen Schwergewicht, und Hyon Lee gab ihrem musikalisch perfekt gestalteten Pagen Oscar kess-burschikose Züge. Zu Beginn des Vorspiels meinte man schon ein Harnoncourt-Klon würde am Pult stehen und diesen Verdi zur Nebenstimmenhölle machen. Doch schon bald ließ das Orchester unter seinem Chefdirigenten Johannes Fritzsch Verdis Melos bis zum Schluss in angemessener Weise voll erblühen. (Peter Vujica, DER STANDARD/Printausgabe, 25.09.2007)

  • Bühnenbildner Hermann Feuchter gibt dem "Maskenball" auch Düsternis: Tichina Vaugh (als Ulrica).
    foto: grazer oper

    Bühnenbildner Hermann Feuchter gibt dem "Maskenball" auch Düsternis: Tichina Vaugh (als Ulrica).

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