Neue New Labour setzt auf altes Erfolgskonzept

29. Oktober 2007, 18:33
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Premierminister nannte auf dem Parteitag der Labour-Party in Bournemouth Kernthemen für das kommende Jahrzehnt

Mit einem patriotischen Auftritt hat der britische Premierminister Gordon Brown an die englische Mittelschicht appelliert. Bei seiner ersten Parteitagsrede als Labour-Vorsitzender blieb inhaltlich aber vieles im Vagen. Vorzeitige Neuwahlen erwähnte er mit keinem Wort.

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Bis zum Auftritt des neuen Parteivorsitzenden hatten die Beleuchter die Kongresshalle im südenglischen Bournemouth in das Rot der Arbeiterbewegung getaucht. Als Gordon Brown am Montagnachmittag zum Rednerpult schritt, wurde der Hintergrund plötzlich tiefblau – traditionell die Farbe der Konservativen Partei. Der farblich abgestimmte Auftakt passte zur Rede des 56-jährigen Schotten: Wie sein Vorgänger Tony Blair appellierte Brown in bester New-Labour-Manier über die Köpfe der sozialdemokratischen Parteifreunde im Saal hinweg an die eher konservativ denkenden Wähler und Wählerinnen im Land.

Er strebe ein „starkes und faireres Britannien“ an, sagte Brown: „Ich will allen Familien die besten Chancen dazu geben, im Leben voran zu kommen.“ Genau 71 Mal verwendete der Sozialdemokrat die Worte „(Groß)-Britannien“ oder „britisch“, in einer gut einstündigen Rede also durchschnittlich mehr als einmal pro Minute.

„Mut zur Veränderung Großbritanniens“ lautete das Motto der Rede, aber sie zeigte: Die Veränderung der Labour-Party hält sich unter ihrem neuen Vorsitzenden in Grenzen. Ausgerechnet ein Intimfeind des Premierministers brachte Browns Botschaft am besten auf den Punkt. Großbritannien erlebe den „Übergang von einer Version von New Labour zur nächsten“, freute sich Peter Mandelson, der frühere enge Vertraute von Browns Vorgänger Tony Blair und derzeitige EU-Handelskommissar.

„Weltbeste Standards“

Tatsächlich schloss Brown mit den Hauptthemen der Rede nahtlos an die Ära Blair an. Im Kampf gegen die Kriminalität werde sich die Polizei auf die Metropolen konzentrieren, kündigte er an, denn: „Zwei Drittel aller Straftaten mit Schusswaffen werden in vier Städten begangen.” Die Krankenhäuser des Nationalen Gesundheitssystems NHS sollen einer Intensiv-Reinigung unterzogen werden, um der Epidemie so genannter Super-Viren Herr zu werden. Im Bildungssektor, den Blair einst als seine erste Priorität gekennzeichnet hatte, will sich Brown „mit den besten Standards der Welt messen“. Jeder Jugendliche solle bis zum 18. Lebensjahr in Schule oder Ausbildung bleiben.

Zwar betonte der Premier die wichtige Rolle des öffentlichen Dienstes bei den geplanten Reformen, stellte aber die Wünsche und Ziele der Bürger in den Vordergrund. Ihren Erwartungen müsse der Staat entgegenkommen, sagte Brown. „Das nationale Gesundheitsystem muss auf die individuellen Patienten zugeschnitten sein.“ Der Premierminister kündigte mehr Vorsorge-Untersuchungen für Brust- und Darmkrebs an.

Zukunftsaufgaben

Immer wieder sprach der 56-Jährige von „Aufgaben für die nächste Dekade“ – Teil einer Verunsicherungs-Strategie, die der Opposition von Konservativen und Liberaldemokraten den Schneid abkaufen soll. Die anhaltenden Spekulationen um vorgezogene Neuwahlen erwähnte er mit keinem Wort. Sollte sich der als vorsichtig bekannte Premierminister aber wirklich dazu durchringen, noch in diesem Herbst das Votum der Wähler einzuholen, sagen ihm die Demoskopen einen sicheren Sieg voraus: Am Montag erfreute das Boulevardblatt Sun die Delegierten mit einer Umfrage, wonach Labour mit 42 Prozent um acht Punkte vor den Konservativen (32) liegt. (Sebastian Borger aus Bournemouth/DER STANDARD, Printausgabe, 25.9.2007)

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    Jeder Jugendliche soll bis zum 18. Lebensjahr in der Schule oder in Ausbildung bleiben, sagte Premier Gordon Brown am Labour-Parteitag. Ein Referendum über den EU-Reformvertrag lehnte Brown ab.

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