Mit dem Virus infiziert

3. Februar 2008, 17:47
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In Götzendorf trainieren Österreichs Soldaten für Auslandseinsätze - Der nächste ist im Kosovo - Eine derStandard.at- Reportage

Götzendorf: Niederösterreichisches Familienidyll, 2.000 Einwohner, eine Feuerwehr, ein Musikverein – und ein Camp. Keines für übergewichtige Kinder oder Pfadfinder, sondern eines für Soldaten. Hier stören nur Panzer, Hubschrauber und Transportwägen die ländliche Harmonie. Bei einer Übung steht innerhalb von fünf Minuten jedes der Fahrzeuge an seiner ihm zugedachten Stelle und die Männer, mit ihren Sturmgewehren im Anschlag, auf Position. Von einem angeblich undisziplinierten und unausgebildeten Haufen, wie es Kritiker dem Bundesheer öfters vorwerfen, ist nichts zu sehen. Doch die Übungen sind nicht für eine, in Österreich vermutlich nie eintreffenden Notsituation, sondern die Realität.

Kosovo, Golan oder Bosnien

Ab 1. Oktober werden die etwa vierhundert Soldaten im Zug der KFOR-Truppe (engl. Kosovo Force) in das Camp Casablanca in das Kosovo verlegt. Seit 1999 unterstützt Österreich im Rahmen der "Partnership for Peace"-Kampagne den Wiederaufbau des Kosovo unter der Schirmherrschaft der Nato. Ausgebildet werden Soldaten für Auslandseinsätze in der Wallenstein-Kaserne in Götzendorf – dort befindet sich das Zentrum für Einsatzvorbereitung (ZEV) für internationale Einsätze des österreichischen Bundesheeres. Derzeit ist Österreich mit insgesamt 1.100 Soldaten an 15 Missionen im Ausland beteiligt. Die meisten sind im Kosovo, auf den Golan-Höhen oder in Bosnien. "Die Österreicher müssen den Vergleich mit anderen Soldaten nicht scheuen“, sagt Claus Amon, Kommandant der Kaserne zu derStandard.at. „Wir machen uns immer selber schlecht."

Eignungsprüfung

Wie um seine Worte zu untermauern und die Wehrfähigkeit der Truppe unter Beweis zu stellen, tauchen über den Baumspitzen hinter Amons Büro drei, in grün-brauner Tarnfarbe gehaltene Hubschrauber auf – ein bedrohliches Szenario, das an amerikanische Kriegsfilme erinnert. Die Transporthubschrauber vom Typ Agusta Bell 212 fliegen knapp über eine Wiese, heraus springen sechs Soldaten, die sich sofort hinkauern. Einer läuft geduckt vor und gibt seinen Kameraden mittels Handzeichen Anweisungen über das weitere Vorrücken. Die anderen folgen. Auch hier überraschen Konzentration und Sicherheit. Es fällt schwer, diese Soldaten in Einklang mit den nicht weit davon entfernt stationierten Grenzsoldaten im Burgenland zu bringen, wo es schon mal vorkommt, dass sich unbeabsichtigt ein Schuss löst und einen Kollegen verletzt. Der Unterschied: in Götzendorf melden sich die Männer freiwillig. Nach bestandener dreitätiger Eignungsprüfung können sich die Interessierten entweder auf drei Jahre verpflichten oder in einen Pool aufnehmen lassen, aus dem bei Bedarf Leute rekrutiert werden. Das Gehalt von 2.500 bis 3.000 Euro pro Monat ist ein zusätzlicher Reiz. Ein in Österreich stationierter Soldat verdient nur etwa 1.400 Euro.

Camp Casablanca

Volkmar Ertl wird gemeinsam mit der etwa 440 Mann starken Truppe ein tausend Quadratkilometer großes Gebiet in der Mitte des Kosovo beaufsichtigen. Er ist der Bataillonskommandant des 17. Kontingents, jenem Kontingent, das die momentan stationierten Soldaten im Kosovo ablösen wird. Das überwachte Gebiet ist Teil einer Brigadesektion, die gesamt unter der Verantwortung von österreichischen, deutschen und türkischen Truppen steht. Die Österreicher sind im Kosovo im Camp Casablanca stationiert, einer stillgelegten Gummi-Fabrik nahe der nördlich gelegenen Stadt Suva Reka. "Derzeit ist es dort relativ ruhig, deshalb kommen wir mit unseren Kräften aus", sagt Ertl. Dreimal täglich wird momentan patrouilliert, so genannte "Hot Spots" ständig beobachtet. "Es gibt ein serbisch-orthodoxes Kloster in Zociste, also in albanischem Gebiet. Dort haben die Serben eine Fahne gehisst, was bei den Albanern natürlich nicht gut ankommt", sagt Ertl. "Das Gebiet muss man aufgrund der Spannungen im Auge behalten."

Drei Bier

Bevor die Soldaten im Ausland zum Einsatz kommen, werden sie in Kursen geschult. Die Ausbildung umfasst neben praktischen Übungen wie Konditionstests und Waffenübungen auch Unterricht in Kultur und Gesellschaft. "Es ist wichtig, dass die Männer wissen, wie sie sich der Bevölkerung gegenüber zu verhalten haben", sagt Helmut Sadnikar, beim Kosovo-Einsatz für die Personalführung verantwortlich. "Unnötige Provokation ist zu vermeiden." Wenn sich die Männer in den Kosovo aufmachen, bekommen sie ein Handbuch mit, in dem die wichtigsten Bräuche und Sitten eines Landes stehen: "KFOR – das Buch zum Einsatz". Laut diesem Buch hätte Heinz-Christian Strache auch im Kosovo Probleme bekommen, als er sich drei Bier bestellte und ihm "unterstellt" wurde, den nationalsozialistischen Kühnegruß anzuwenden: dieser Gruß gilt dort als "serbisches Victory-Zeichen und wird von muslimen Albanern als Beleidigung und Provokation aufgefasst." Robert Pezzi, Kommandant der Aufklärergruppe, die im Oktober in das Kosovo fährt, findet es wichtig, solche Verhaltensregeln zu kennen. "Man kommt ja nicht als Eroberer in das Land, sondern um beim Aufbau zu helfen. Da ist es wichtig einen Einblick in die Gesellschaft zu haben."

Nachschulung

Nach sechs Monaten werden die Männer aus dem Auslandsdienst entlassen, dann besteht die Möglichkeit einmal um sechs weitere Monate zu verlängern. "In extremen Ausnahmefällen kann man 18 Monate bleiben.", sagt Sadnikar. "Das ist das Maximum." Die Gefahr eines Lagerkollers ist nach einem zu langem Aufenthalt zu groß. Deshalb hat auch jeder Soldat innerhalb der sechs Monate zweimal jeweils zehn Tage Heimaturlaub. Nach ihrer Rückkehr gibt es für alle Soldaten eine psychologische Nachschulung. Wie viel Prozent der Heimkehrer gern wieder einen Auslandseinsatz machen würden ist unklar. "Aber es kommt selten vor, dass die Soldaten sagen: Das mach ich nie wieder", sagt Claus Amon. "Die meisten sind mit dem Virus infiziert und sagen: Wie komme ich zu meinem nächsten Auslandseinsatz?". (Saskia Jungnikl, derStandard.at, 24.9.2007)

  • Inmitten der niederösterreichischen Einöde: Ein Panzer auf Aufklärermission.
    foto: bh/patrick reich

    Inmitten der niederösterreichischen Einöde: Ein Panzer auf Aufklärermission.

  • Die Soldaten bei einem Manöver.
    foto: bh/patrick reich

    Die Soldaten bei einem Manöver.

  • Nach dem Sprung aus dem Hubschrauber: der Soldat wartet auf ein Zeichen seiner Kameraden, um seinen Platz zu verlassen.
    foto: bh/patrick reich

    Nach dem Sprung aus dem Hubschrauber: der Soldat wartet auf ein Zeichen seiner Kameraden, um seinen Platz zu verlassen.

  • Die Einfahrt zur Wallenstein-Kaserne in Götzendorf.
    foto: saj

    Die Einfahrt zur Wallenstein-Kaserne in Götzendorf.

  • Volkmar Ertl, der Bataillonskommandant des 17. Kontingents, das Anfang Oktober in den Kosovo versetzt wird.
    foto: bh/patrick reich

    Volkmar Ertl, der Bataillonskommandant des 17. Kontingents, das Anfang Oktober in den Kosovo versetzt wird.

  • Die Soldaten formieren sich, um einem etwaigen Sturm an Demonstranten entgegen treten zu können.
    foto: bh/patrick reich

    Die Soldaten formieren sich, um einem etwaigen Sturm an Demonstranten entgegen treten zu können.

  • Ein Übungsgelände des Bundesheeres - zur besseren Vorbereitung wurden die Kulissen originalgetreu den Vorgaben aus dem Kosovo nachgebaut.
    foto: bh/patrick reich

    Ein Übungsgelände des Bundesheeres - zur besseren Vorbereitung wurden die Kulissen originalgetreu den Vorgaben aus dem Kosovo nachgebaut.

  •    Robert Pezzi (Mitte) inmitten seines Trupps.
    foto: bh/patrick reich

    Robert Pezzi (Mitte) inmitten seines Trupps.

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