Pendeln und Fahrplan

4. Juli 2007, 18:00
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In Wien, meinte die Arzthelferin, habe man es ja leicht: Da könne man im schlimmsten Fall sogar zu Fuß gehen. Aber am Land ...

Es war am Freitag. Da nahm mich die Sprechstundenhilfe meiner Ärztin "auf ein Wort" zur Seite und meinte, ich solle mich nicht so aufpudeln. Oder, korrigierte sie mich dann, meinem Kumpel P. sagen dass das alles halb so wild sei: Dass der nämlich – wie in der letzten Stadtgeschichte beschrieben – dreimal überpünktlich (und, diese Anmerkung sei erlaubt: schon beim ersten Mal mit der telefonischen Zeitansage nachgeprüft) an Haltestellen der Wiener Linien gestanden hatte und er den letzten Bus oder die letzte Bim trotzdem versäumte, sei zwar ärgerlich und lästig – aber eigentlich gar nicht so schlimm.

Denn, sagte die Sprechstundenhilfe, P. habe ein paar Vorteile: Erstens lebe er in Wien – und das sei deutlich kleiner als Niederösterreich. Zweitens gäbe es genügend Taxis. Und drittens könne er sich die auch leisten. Nicht zuletzt, weil er volljährig und voll erwerbsfähig sei. Und weil ein Zu-Spät-Heimkommen keine Konsequenzen habe.

Schulbus

Und dann erzählte mir die Arzthelferin ihre Geschichte. Genauer. Die vom Busfahrer ihrer Tochter. Zum Setting: Die Arzthelferin wohnt im Weinviertel. Und pendelt jeden Tag. Ihre Tochter ist 16 – und geht anderswo zur Schule. Und das heißt, dass die junge Dame jeden Tag mit dem Bus zur Bahn fahren muss – und dann mit der S-Bahn in die Schulstadt fährt.

Das Mädchen, so die Arzthelferin, muss den Bus erwischen, der eine Minute nach sieben Uhr früh 200 Meter vom Haus entfernt abfährt. Versäumt sie den, versäumt sie den Zug – und kommt erst gegen neun in die Schule. Und weil Mademoiselle nichts lieber will, als aus dem Kaff am Land so bald wie möglich in die Stadt zu ziehen und zu studieren, hat sie gelernt pünktlich zu sein. So wie die meisten Kinder der Umgebung.

Nette Fahrer

Die Strecke, erzählte die Arzthelferin, wird meistens von drei Fahrern bedient. Zwei, sagt sie, wären supernett: Kinder, die zur Station rennen, würden – im Grunde ja illegal - am Straßenrand eingesammelt. Aussteigen zwischen den Stationen sei – solange kein Verkehr sei und der Fahrplan eingehalten werden könne - sowieso kein Problem. Und wenn noch nicht alle Kinder im Bus sind, warten, so die Arzthelferin, die Fahrer so lange es irgendwie geht in der Station – die Pufferzeiten für den Weg zur nächsten Haltestelle würden immer zugunsten der Spätankommer geopfert.

Aber dann gäbe es, so die Sprechstundenhilfe, eben noch Fahrer Nummer drei. Und dem sei seine Pause an der Endstation wichtig: Wo er Zeit gutmachen könne, tue er das. Und wenn da um eine Minute vor sieben fünf Kinder gut sichtbar aus den verschiedensten Richtungen auf die Station zuliefen, dann gäbe der Mann noch Gas – und halte bestimmt nicht. Nicht erst einmal, so die Frau, hätten sie oder andere Eltern dann die Kinder zum Bahnhof gebracht. Oder gleich in die Schulen. Aber wenn alle Eltern schon ausgependelt sind, käme es eben auch vor, dass die Kids kurz nach sieben wieder daheim wären – und eine Stunde warten müssen.

Sinnlos

Den Fahrer zur Rede stellen, sagte die Frau, sei sinnlos. Er räche sich dann an den Kindern. Vergangenen Mai etwa habe er begonnen, Fahrscheine zu kontrollieren. Bei Kindern, die er namentlich kennt, weil er sie seit Jahren chauffiert. Und wenn da einer seinen Fahrausweis einmal nicht dabei hatte, habe er auf Bezahlung des Fahrpreises bestanden. Oder die Beförderung verweigert. Formal, so die Arzthelferin, sei das zwar korrekt - und trotzdem einfach letztklassig. Aber weil der Mann Dienst nach Vorschrift mache, wären Beschwerden sinnlos: Wer glaubt schon einem Kind, wenn der Fahrer sagt, dass er pünktlich da, die Station aber leer gewesen sei?

P., sagte die Sprechstundenhilfe dann, könne ihr vielleicht helfen. Irgendwie fehle ihr nämlich der Punch & die Power, sich beim Beschweren durchzusetzen. Weil sie nie gelernt habe, sich aufzupudeln und so in Rage zu reden, dass der Mensch am anderen Ende der Leitung plötzlich glaubt, Zeus höchstselbst schleudere gerade seine Blitze: Ob ich P. nicht bitten könne, in ihrer Sache die Kundendiensthotline anzurufen – schaden könne es jedenfalls nicht.

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