Accenture baut Softwareentwicklung in Österreich aus

3. Oktober 2007, 10:50
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100 zusätzliche Jobs - Fachkräfte sind Mangelware - Mitarbeiterstand in "Auslagerungs-Fabriken" um 50 Prozent gestiegen

In den kommenden zwölf Monaten will das Beratungsunternehmen Accenture rund hundert Mitarbeiter in Österreich einstellen - jeweils die Hälfte im klassischen Consulting beziehungsweise in der Softwareentwicklung. "Aber der Markt ist brutal. Die gut ausgebildeten Abgänger können sich derzeit die Arbeitgeber aussuchen", erklärte Country Manager Klaus Malle.

"Das ist ein starker Markt in Österreich, den wir jetzt angreifen"

Mittelfristig werde man den Anwendungsbereich massiv ausbauen. "Das ist ein starker Markt in Österreich, den wir jetzt angreifen. Hochqualitative Software, die in kritischen Bereichen eingesetzt wird, ist sehr gefragt. Die Unternehmen sind bereit, dafür mehr zu bezahlen, um das Risiko im Griff zu haben", ist der Accenture-Österreich-Chef überzeugt.

Exportorientierung

Mit der Geschäftsentwicklung im Beratungsbereich ist Malle ebenfalls sehr zufrieden. "Die extreme Exportorientierung und hohe Wertschöpfung der heimischen Betriebe im Ausland bietet viele Chancen. Wir begleiten die Unternehmen bei ihrer Expansion in den Osten und ermöglichen die 'Synchronisation' der zugekauften Filialen bzw. die Zusammenführung der verschiedenen IT-Systeme", sagte Malle. Der nächste Schritt sei die Auslagerung der IT oder bestimmter Prozesse. In Österreich werde derzeit ein Viertel des Umsatzes mit Consulting, der Rest mit Systemintegration gemacht.

Kundschaft

Als Kunden gewinnen will Accenture die Top 10 jeder Branche, aber auch mittelständische Betriebe. In nächster Zeit werde man vor allem den Handel und die produzierende Industrie ins Visier nehmen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit rund 240 Mitarbeiter in Österreich und hat unter anderem BA-CA, Erste Bank oder UPC Telekabel als Kunden.

Das Geschäft mit der Auslagerung von IT-Infrastruktur hat sich etabliert, nun geht der Trend zum Outsourcing von Geschäftsprozessen an externe Dienstleister, ist Accenture überzeugt. Das internationale Beratungsunternehmen beschäftigt bereits rund 65.000 Mitarbeiter in 40 Outsourcing-Zentren, die in Indien, China, Osteuropa, Amerika und den Philippinen angesiedelt sind. "Wir betreiben Fabriken, die keine Waren, sondern Dienstleistungen produzieren", erklärte Radomir Sabela, Leiter des europäischen Outsourcing-Netzwerks, vor Journalisten in Prag.

"Jetzt holen europäische Unternehmen auf"

Begonnen habe der Trend zu Business Process Outsourcing in den 90er Jahren in den USA und Großbritannien. "Jetzt holen europäische Unternehmen auf, weil die höheren Margen, die durch die Auslagerung erzielbar sind, im harten Wettbewerb fehlen", so Sabela. "Wenn die Konkurrenz die Ausgaben für Forschung und Entwicklung aufgrund der Einsparungen erhöhen kann, ist das ein Problem." Derzeit betreibt Accenture vier europäische "Outsourcing-Fabriken" in Prag, Bratislava, Warschau und Bukarest. Hier werden Dienstleistungen wie Beschaffung, Beschwerdemanagement, Buchhaltung, Personalwesen oder Datenmanagement in 16 europäischen Sprachen angeboten.

Wie solche Prozess-Auslagerungen ablaufen, zeigt ein Beispiel aus dem Bankenbereich: In der Prager Scanning-Abteilung werden monatlich rund 25.000 Rechnungen und Belege digitalisiert und für die Kunden aufbewahrt. Anschließend schickt Accenture die gescannten Bilder - wegen der billigeren Löhne - nach Indien, wo sie in das System der Bank eingegeben werden. Wie viel die Mitarbeiter in Prag verdienen, wollte das Unternehmen nicht beantworten. Ein mehrsprachiger Jungakademiker sei aber für weniger als 1.000 Euro im Monat zu haben.

Geld

"Da jede Firma Bereiche hat, die kein Geld bringen, kann man durch die Auslagerung in Billiglohnländer rund 20 bis 40 Prozent der Kosten einsparen. Neben der Konzentration auf die Kernkompetenzen ist auch eine Qualitätsverbesserung erzielbar. Wenn ein Unternehmen in zehn Ländern aktiv ist, gibt es veraltete und moderne Systeme. Klüger ist, alle Niederlassungen von einem Standort, der immer auf dem neuesten Stand ist, aus zu betreuen", sagte Sabela. Und hier gebe Accenture den osteuropäischen Ländern den Vorzug: Während man in Prag zwölf Euro pro Quadratmeter Bürofläche zahle, sei es in Frankfurt das Vierfache.

Im Bereich Prozess-Auslagerung beschäftigt Accenture bereits 18.000 Mitarbeiter - den Großteil davon in Indien, rund 2.200 in Europa. "Im vergangenen Jahr ist der Personalstand um 50 Prozent gestiegen und das rasante Wachstum hält an", so Sabela. Die Unternehmen könnten sich natürlich aussuchen, in welche Länder sie ihre Prozesse auslagern. Allerdings rät Accenture dazu, gewisse Kriterien zu berücksichtigen. Neben der Lohnsituation würde auch die Verfügbarkeit von hochqualifizierten Fachkräften und deren Sprachkenntnisse eine Rolle spielen. "Das Land, das alles perfekt erfüllt, gibt es nicht", meint der Experte.

Osteuropa

In Indien und China gebe es zwar billigere Arbeitskräfte, da aber hauptsächlich Englisch gesprochen werde, sei eine Auslagerung in diese Länder vor allem für Großbritannien und die USA interessant. Bei nicht so weit verbreiteten europäischen Sprachen sollte man eher nach Osteuropa ausweichen. Obwohl die Personalkosten in Prag um 60 Prozent höher seien als in Indien, habe sich ein britischer Konzern dennoch für Tschechien entschieden. Ausschlaggebend bei der Auslagerung des Personalwesens sei gewesen, dass man die sensiblen Daten nicht außerhalb von Europa geben wollte. "Trotz standardisierter Sicherheitsstandards zahlen die (Briten) jetzt 120 Mitarbeiter in Prag", erklärte Sabela.

Accenture beschäftigt eigenen Angaben zufolge 158.000 Mitarbeiter in 49 Ländern. Im Geschäftsjahr 2006 erwirtschaftete der Konzern einen Nettoumsatz von 12,37 Mrd. Euro.(APA)

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