"Situation begreifen
- Schritte setzen"

3. Oktober 2007, 15:01
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Diagnose Brustkrebs: Eine Diskussion zwischen Chirurg und Brustkrebsspezialist über die unmittelbaren Folgen für Betroffene

Die Bösartigkeit von Tumoren erklären: Für Christian Marth schwieriger Alltag, Jörg Knabl unterstützt Patientinnen bei Operationsentscheidungen. Am 29. September ist Brustkrebstag. Karin Pollack bat den Innsbrucker Brustkrebsexperten Christian Marth und den plastischen Chirurgen Jörg Knabl zum Gespräch über die Schockdiagnose Brustkrebs, Strategien der Bewältigung und Therapieentscheidungen.

STANDARD: Wie erleben Frauen die Diagnose Brustkrebs?

Marth: Frauen, die zu uns kommen, sind ursprünglich nur für eine Vorsorgeuntersuchung da. Sie haben keinen Knoten getastet, kommen also nur zur Mammografie. Wenn das Ergebnis nicht in Ordnung ist, machen wir eine Ultraschalluntersuchung, dann eine Gewebsentnahme. Die Analyse dauert zwölf Minuten, dann wissen wir, ob eine Frau Brustkrebs hat oder nicht, und müssen sie mit der Diagnose konfrontieren.

STANDARD: Was passiert dann?

Marth: Es reißt den Frauen den Boden unter den Füßen weg. Im ersten Affekt dominieren Fragen wie "Warum ich?", "Was ist der Auslöser?", "Wofür werde ich bestraft?" Im Affekt suchen viele Frauen Erklärungen. Wir Ärzte müssen Mutmaßungen entkräften, die Diagnose erklären und die Zukunft besprechen.

STANDARD: Ist das in der Stresssituation überhaupt möglich?

Marth: Erst einmal geht es darum, eine Vertrauensbasis zu schaffen. Vor allem für ältere Patientinnen ist das nicht leicht. Krebs war vor 30 Jahren ja noch ein verbotenes Wort. Und dann gilt es klar zu machen, dass Brustkrebs zwar eine gefährliche Krankheit ist, aber dass es Heilung gibt und in vielen Fällen eine ausgezeichnete Prognose. Viele Frauen können das aber gar nicht aufnehmen und vergessen alles wieder. Dann besprechen wir es nach ein paar Tagen noch einmal.

STANDARD: Und dann beginnt die Therapie?

Marth: Nach einer Kernspintomografie und einer Reihe von weiteren Untersuchungen fassen wir die Befunde zusammen und beginnen.

STANDARD: Mit einer Kombination aus Operation, Chemotherapie und Bestrahlung?

Marth: Am Beginn steht meist die Operation. Jede weitere Therapie kann erst nach Einlangen der Operationsbefunde erstellt werden. In seltenen Fällen ist eine Chemotherapie vor der Operation notwendig.

STANDARD: Sind Frauen in dieser Phase mit Entscheidungen konfrontiert?

Marth: Bei der onkologischen Behandlung des Krebses wenige, denn hier wird nach internationalen Standards behandelt. Hinsichtlich der Operation müssen sie aber sehr wohl Entscheidungen fällen.

STANDARD: Als plastisch-ästhetischer Chirurg bieten Sie Frauen mit Brustkrebs kostenlos Beratung an. Warum?

Knabl: Weil Frauen in so einer belastenden Situation Entscheidungen treffen müssen, für die ihnen oftmals die Grundlagen fehlen. Während sich in der onkologischen Behandlung Standards etabliert haben, gibt es diese bei den Operationen nicht. Es gibt viele Varianten und unterschiedliche Zeitpunkte, eine Brust zu rekonstruieren.

Und plötzlich müssen Frauen, die gerade die Diagnose Krebs erfahren haben, auch noch über Aspekte der plastisch-ästhetischen Chirurgie nachdenken. Für 50 bis 70 Prozent der Frauen war das zuvor niemals ein Thema, und nun müssen sie in kurzer Zeit Meinungen einholen. Da unterstütze ich.

STANDARD: Weil es im Krankenhaus zu wenig passiert?

Marth: Aber natürlich machen wir das, das ist Routine. Wir arbeiten bei der Behandlung von Brustkrebs interdisziplinär mit allen Spezialisten zusammen und besprechen sämtliche Varianten.

Knabl: Es gibt sicherlich genug engagierte Ärzte in den Spitälern. Letztlich sind diese aber mit einer enormen Zahl von Patienten konfrontiert, und die Zeit ist begrenzt. Viele Krebspatientinnen wollen noch mehr Information und mehr reden, um die Situation zu begreifen und richtige Schritte zu setzen.

STANDARD: Welche Varianten gibt es?

Marth: Wir haben es heute dank der Vorsorgeuntersuchung häufig mit kleinen Tumoren zu tun, also können Operationen oft brusterhaltend durchgeführt werden. Erfahrene Operateure erzielen kosmetisch sehr gute Ergebnisse. Schwieriger ist es, wenn die Brust amputiert werden muss, denn dann geht es auch um Fragen des Wiederaufbaus.

Es gibt viele Techniken, die aufwändigste ist eine mehrstündige Operation, in der mit Eigengewebe aus dem Oberschenkel eine Brust rekonstruiert wird. Auch Silikonprothesen sind eine Alternative.

Knabl: Oftmals geht es aber weniger um technische als um psychologische Fragen. Sofortrekonstruktionen sind derzeit modern, aber in meinen Gesprächen mit Brustkrebspatientinnen geht es am Ende immer um ganz andere Fragestellungen, die vor allem mit der persönlichen Situation einer Frau zu tun haben. Oft kommt heraus, dass das Nichtrekonstruieren die bessere Möglichkeit sein kann.

Da gibt es an den einzelnen Kliniken auch verschiedene Philosophien und Möglichkeiten. Unabhängig davon muss jede Frau die Möglichkeit haben, jede Situation für sich persönlich gedanklich durchzuspielen. Da geht es um Erwartungen, die Frauen an sich und ihr Leben stellen, weniger um Operationstechniken.

Marth: Die Brust ist für viele Frauen ein zentrales Organ und sehr stark mit Sexualität verbunden. Der Verlust wird mit Verstümmelung verbunden. Doch das, was momentan wie ein Schock erlebt wird, kann nach einiger Zeit ganz gut akzeptiert werden.

Langzeitstudien haben gezeigt, dass für Frauen in glücklichen Beziehungen der Verlust einer Brust sehr viel einfacher zu bewältigen ist als für Single-Frauen, die sich fürchten, künftige Partner vor den Kopf zu stoßen.

Dabei darf man nie vergessen, dass eine Krebserkrankung das Leben verändert. Der Sieg über die Erkrankungen ist eines Tages vielleicht viel entscheidender, als die Frage, ob eine Frau nun mit einer Brust weiterlebt.

STANDARD: Sind Frauen mit der Beratung im Spital unzufrieden?

Knabl: Grundsätzlich arbeite ich mit den behandelnden Ärzten zusammen. Aber teilweise gibt es schon Patientinnen, die viel über Operationstechniken wissen, sich aber niemals die Frage gestellt haben, was sie sich davon erwarten dürfen. Als plastisch-ästhetischer Chirurg habe ich damit Erfahrung. Denn in jedem Fall geht es darum, mögliche Enttäuschungen von vornherein zu vermeiden.

Marth: Wir Ärzte im Krankenhaus stecken in einem Dilemma. Wir müssen Patientinnen, die in einer Schocksituation sind, beraten und wollen, dass sie langfristig die richtige Entscheidungen treffen.

STANDARD: Wie viel Zeit hat eine Frau zwischen Diagnose und Behandlungsbeginn?

Marth: Ich rate Frauen immer, sich etwas Zeit zum Überlegen zu nehmen. Sie müssen Diagnosen verarbeiten, mit Familie und Verwandten sprechen, sich eine Meinung bilden. Mit der Operation ist es ja nicht vorbei, die anstrengenden Phasen danach brauchen auch eine mentale Vorbereitung. Vielen Frauen gelingt es nicht, in dieser belastenden Situation nüchtern zu überlegen, sie drängen zur Operation.

Knabl: Die Ungeduld der Betroffenen ist berechtigt. Derzeit gibt es keine technische Möglichkeit, den Zeitpunkt der Metastasierung zu bestimmen.

Marth: Die Wahrscheinlichkeit, dass dies dann aber in genau den paar Tagen Bedenkzeit passiert, ist sehr gering.

STANDARD: Wann müssen Lymphknoten entfernt werden?

Marth: Wenn sich in den so genannten Wächterlymphknoten Krebszellen finden, gehen wir davon aus, dass die Krankheit bereits die Brustdrüse verlassen hat und einen Schritt weiter ist, sich in den ganzen Körper zu verbreiten. In dem Fall entfernen wir alle Lymphknoten.

STANDARD: Wie genau werden Frauen über die Art ihres Brustkrebses und das Stadium der Erkrankung aufgeklärt?

Marth: Brustkrebs ist nicht gleich Brustkrebs, es gibt zahlreiche Formen. Es sind letztlich aber drei bis vier Typen, die 95 Prozent der Erkrankungen ausmachen. Wir erklären im individuellen Fall das biologische Verhalten des Tumors. Dabei besprechen wir Untersuchungsergebnisse, die Auskunft geben, ob eine Brustkrebszelle auf Hormone anspricht, ob sie bestimmte Marker aufweist - etwa HER-2, eine besonders bösartige Variante - und welche Implikationen sich daraus ergeben.

STANDARD: Welche Rolle haben Charity-Aktionen?

Knabl: Charity sollte nicht Selbstzweck der Veranstalter sein. Was Krebspatientinnen stark brauchen, sind Akzeptanz und Einfühlungsvermögen ihrer Umgebung.

Marth: Die Kosten für die Behandlung von Brustkrebs sind für jede Patientin in Österreich gedeckt. Charity kann auf drei Ebenen Dinge bewegen. Es bringt Aufklärung und Sensibilisierung. Jede Frau sollte an die Vorsorgeuntersuchung erinnert werden. Wenn Brustkrebs Frauen in finanziell schwierigen Lebenssituationen trifft, ist Geld wichtig. Und Charityaktionen unterstützen Forschungsprojekte.

STANDARD: Weil zu wenig geforscht wird?

Marth: Dort, wo Medikamente zum Einsatz kommen, wird geforscht, weil die Pharmaindustrie ein Interesse daran hat. Aber dort, wo das nicht der Fall ist - etwa bei der Evaluierung von neuen Operationstechniken - wäre es Aufgabe des Staates. Es ist traurig, dass es nicht passiert. Da füllen Charity-Aktionen eine Lücke. Das nützt Betroffenen.
(Karin Pollack, MEDSTANDARD, Printausgabe, 24.09.2007)

Zur Person

Christian Marth, (48) ist Vorstand der Universitätsklinik für Frauenheilkunde der Meduni Innsbruck und im Vorstand der ABCSG, der Austrian Breast & Colorectal Cancer Study Group.

Der geborene Südtiroler hat in Graz und Innsbruck studiert, seine Facharztausbildung in Innsbruck begonnen und zwei Jahre in Oslo beim Aufbau einer zentralisierten Krebsklinik mitgearbeitet.

Seit 1998 ist der Brustkrebsspezialist Leiter der gynäkologischen Abteilung.

Jörg Knabl, (44) ist plastisch-ästhetischer Chirurg, Mitglied der Österreichischen Gesellschaft für Plastische, Ästhetische und Re- konstruktive Chirurgie.

Der Steirer hat in Wien studiert und als Chirurg an der Kiefer- und Gesichtschirurgie begonnen. Seine Ausbildung zum Facharzt für Plastische Chirurgie hat er bei Hanno Millesi an der Universitätsklinik Wien absolviert.

Seit 2000 ist er an der Abteilung für Plastische Chirurgie im Wilhelminenspital in Wien. (pok)

  • Christian Marth: "Dort, wo Medikamente zum Einsatz kommen, wird geforscht. Es wäre Aufgabe des Staates, Studien zu Operationsmethoden zu fördern. Das passiert nicht."
    foto: matthias cremer

    Christian Marth: "Dort, wo Medikamente zum Einsatz kommen, wird geforscht. Es wäre Aufgabe des Staates, Studien zu Operationsmethoden zu fördern. Das passiert nicht."

  • Jörg Knabl: "Frauen müssen in einer extrem belastenden Situation eine Operationsentscheidung treffen, für die ihnen oftmals die Grundlagen fehlen."
    foto: matthias cremer

    Jörg Knabl: "Frauen müssen in einer extrem belastenden Situation eine Operationsentscheidung treffen, für die ihnen oftmals die Grundlagen fehlen."

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