P2P-Mobilfunk: "Wollen die nächsten vier Milliarden Menschen erreichen"

1. Oktober 2007, 09:58
1 Posting

Anders Carlius, CEO von TerraNet, im Interview über den Vorstoß mit neuem Handysystem in Entwicklungsländer

Mobile Kommunikation ohne Sendemasten oder aufwendige Infrastruktur von Mobilfunkbetreibern ist die Vision des schwedischen Start-Up-Unternehmens TerraNet. Um dies zu verwirklichen, hat das Unternehmen ein System entwickelt, in dem Handys in ein Peer-to-Peer-Netzwerk eingebunden werden und sich somit untereinander verbinden. In diesem sogenannten Mesh-Netzwerk werden Anrufe solange von Handy zu Handy weitergeleitet bis sie das Zielgerät erreicht haben. Das Netz ist somit selbst der Betreiber, wodurch keine Kosten für einen Anruf entstehen. TerraNet startet 2008 das erste große Projekt in Ecuador, wo die Mesh-Handy-Technologie zum Einsatz kommen soll. Im Interview mit pressetext erklärt Firmengründer Anders Carlius, wie es zu der Idee kam und wie das TerraNet-System den Mobilfunkmarkt ergänzen kann.

***

Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Mobiltelefone mithilfe eines Mesh-Netzwerks zu verbinden?

Carlius: 2002 war ich mit meiner Familie und mit Freunden in Tansania auf einer Safari. Wir hatten vor Ort das Problem, dass wir von einem Jeep zum nächsten keine Sprechverbindung herstellen konnten, sobald wir aus den Städten hinausgefahren sind. Es waren zwar nur 100 Meter, die die Fahrzeuge trennten, aber aufgrund der fehlenden Mobilfunkinfrastruktur konnten wir nicht miteinander kommunizieren. Das gab mir zu denken und so wurde die Idee der Peer-to-Peer-Verbindung von Mobiltelefonen geboren.

Frage: Sie sind derzeit dabei, Projekte mit der Mesh-Handy-Technologie in Tansania und Ecuador aufzuziehen. Was passiert dort?

Carlius: Unser Fokus liegt derzeit auf Ecuador. Wir wollen dort im nächsten Jahr mit der Installation unseres Systems beginnen. Im Endeffekt soll das Netzwerk das ganze Land umfassen. Im Prinzip ist es ein eigenes Netz, in dem alle Telefonate abgewickelt werden. Allerdings ist es auch möglich, von Europa aus einen Anschluss anzurufen oder umgekehrt. Dazu werden Zugangspunkte in das IP-Datennetz installiert. Die Gespräche werden also via VoIP weitergeleitet.

Frage: Welche Endgeräte werden dafür benutzt? Was können diese Handys?

Carlius: Die Geräte, die wir einsetzen werden, sehen aus wie herkömmliche Mobiltelefone, wie wir sie auch im Alltag benutzen. Allerdings sind sie angepasst an die lokalen Gegebenheiten und die Menschen, die sie einsetzen. Speziell an ihnen ist vor allem ihre Einfachheit. Das Kontaktmanagement beispielsweise oder die Systemsteuerung sind sehr simpel aufgebaut, um die Benutzung zu erleichtern. Zudem verfügen die Geräte über keine Zusatzausstattung. Sie haben weder Kamera, Bluetooth oder andere Features, die wir in Europa von einem aktuellen Handy gewohnt sind. Unser Mesh-Handy bedient die Grundfunktionen eines Kommunikationsgerätes: Sprachtelefonie, SMS und eine Art Text-Chat.

Frage: Ist es denn denkbar, dass sie die Technologie auch nach Europa bringen?

Carlius: Das kann ich jetzt noch nicht sagen. Es ist natürlich in unserem Sinn, wenn wir auch in Europa Fuß fassen können. Allerdings fokussieren wir uns derzeit auf Entwicklungsländer, wo die Telekommunikation noch in den Kinderschuhen steckt und die Infrastruktur noch schlecht ausgebaut ist. Diesen Menschen wollen wir mit unserer Technologie die Möglichkeit zur Kommunikation geben - verbunden mit dem Vorteil, dass die Telefonate innerhalb des Mesh-Netzwerks nichts kosten. Für den Sprung nach Europa gib es auch noch Hindernisse. So erwarten die Menschen hier, dass Handys Zusatzfunktionen und eine erweiterte Ausstattung wie eine Fünf-Megapixel-Kamera, Bluetooth und einige Computerfunktionen haben. Unsere Mobiltelefone bieten lediglich Basistools zur Kommunikation.

Frage: Können aktuelle Mobiltelefone mit der Mesh-Technologie aufgerüstet werden - beispielsweise mit einem Adapter?

Carlius: Natürlich ist es kein Problem, ein herkömmliches Mobiltelefon von Nokia, Samsung oder Sony Ericsson mit unserer Technologie auszustatten. Das funktioniert genauso, wie wenn Hersteller ihre Geräte mit einer Kamera oder einem GPS-Empfänger ausrüsten. Dabei werden unsere Komponenten in das Gerät integriert und bieten somit eine weitere Zusatzfunktion. Ich denke, dass das auch in der Art passieren wird. Wenn Handyhersteller das Potenzial der Technologie erkennen und der Markt es wünscht, werden sie unsere Technologie ebenfalls verbauen. Dass derzeit verwendete Handys mit einem Adapter die Mesh-Funktion bekommen, ist eher unwahrscheinlich. Hier denke ich, dass der Markt diese Möglichkeit nicht braucht.

Frage: Wie hoch ist die maximale Anzahl der Teilnehmer in einem Mesh-Netzwerk? Wie groß ist das Gebiet, das damit abgedeckt werden kann?

Carlius: Bei der Teilnehmeranzahl gibt es prinzipiell keine Begrenzung nach oben. Allerdings muss man bedenken, dass es eine gewisse Zeitverzögerung gibt, wenn die Distanz zwischen zwei miteinander kommunizierenden Telefonen zu groß wird. So ist es problemlos möglich, eine direkte Verbindung zwischen Wien und Lund herzustellen. Dadurch, dass das Gespräch jedoch von Gerät zu Gerät weitergeleitet wird, ergibt sich eine zeitliche Verzögerung, die für ein Telefonat inakzeptabel ist. Allerdings gibt es andere Dienste - beispielsweise SMS - bei denen der Faktor Zeit weniger wichtig ist und kleine Verzögerungen nicht stören. Üblicherweise sollte ein Telefonat nicht mehr als zehn bis 20 Zwischenstationen haben. Dann ist die Verzögerung klein genug, dass sie vernachlässigbar ist. Wie weit nun die Gesprächspartner entfernt sein können, hängt auch von der Umgebung ab - je nachdem, ob man sich in einer Stadt mit hohen Gebäuden aus Beton und Stahl befindet oder in einer Landschaft, die sehr flach ist.

Frage: Wie wird ihrer Meinung nach die Mesh-Technologie die Mobilkommunikation verändern?

Carlius: Die große Frage der Telekommunikations-Wirtschaft ist derzeit, wie man die nächste Mrd. Menschen erreichen kann. Unser Anspruch ist, wie man die nächsten vier Mrd. Menschen erreichen kann. Wir wollen jene Leute mit unseren Mobiltelefonen ausstatten, die derzeit von Mobilfunkbetreibern nicht abgedeckt werden. (pte)

  • Anders Carlius, CEO von TerraNet
    pte

    Anders Carlius, CEO von TerraNet

Share if you care.