Der große Unterschied

25. Oktober 2007, 16:05
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Es ist fraglich, ob die Steuerpolitik der entscheidende Hebel zur Verbesserung von Erwerbs- und Einkommenssituation der Frauen sein kann - Von Margit Schratzenstaller

Mit dem Modell einer geschlechterdifferenzierten Besteuerung ließ jüngst der Harvard-Ökonom Alberto Alesina aufhorchen. Die Grundidee: Frauen sollen niedriger besteuert werden als Männer, da ihr Arbeitsangebot vergleichsweise empfindlich auf die Erhebung lohnbezogener Abgaben reagiert.

In Österreich ebenso wie in Deutschland stehen nicht wenige PolitikerInnen - vor allem jene, die sich mit Frauen- bzw. Genderfragen befassen - dem Vorschlag aufgeschlossen gegenüber. Seine Protagonistinnen erwarten, dass eine reduzierte Besteuerung der Arbeitseinkommen die Anreize für Frauen erhöhe, überhaupt einer bezahlten Erwerbsarbeit nachzugehen beziehungsweise nach einer Babypause schneller wieder ins Berufsleben einzusteigen. Auch könne ein günstigerer Einkommensteuertarif für Frauen die bestehende geschlechtsspezifische Ungleichverteilung der Erwerbseinkommen abmildern.

Es vermag kaum zu verwundern, dass dieses Besteuerungskonzept, das bisher in keinem Land der Welt praktiziert wird, gerade in Österreich auf Resonanz stößt. Denn im europäischen Vergleich sind hierzulande die Ungleichheiten in der Erwerbs- und Einkommenssituation von Frauen und Männern besonders ausgeprägt. So ist die österreichische Frauenerwerbsquote mit 67 Prozent deutlich geringer als jene der Männer, die gut 80 Prozent erreicht. Noch immer gehen weniger als fünf Prozent der Väter in Karenz. Über vierzig Prozent der erwerbstätigen Frauen, aber nur sieben Prozent der Männer arbeiten in Teilzeit. Unter anderem deshalb verdienen Frauen im Durchschnitt weniger als zwei Drittel des durchschnittlichen Männereinkommens.

Allerdings ist fraglich, ob die Steuerpolitik der entscheidende Hebel zur Verbesserung von Erwerbs- und Einkommenssituation der Frauen sein kann. Wenn die Rahmenbedingungen für die Vereinbarkeit von Beruf und Familie mangelhaft sind, können steuerliche Anreize für eine Arbeitsaufnahme oder einen schnelleren Wiedereinstieg von Müttern nur beschränkte Wirkung entfalten. Zielführender als eine ineffektive und teure steuerliche Privilegierung von Fraueneinkommen ist daher die Investition öffentlicher Mittel in Maßnahmen, die an der Ursache ansetzen: der primären Zuständigkeit von Frauen für die Betreuungs- und Pflegearbeit. Hierzu gehört der Ausbau von Kinderbetreuungseinrichtungen ebenso wie Antidiskriminierungsvorschriften und Regelungen zur Förderung der stärkeren Einbeziehung der Väter.

Es gilt ähnliches für die verteilungspolitische Funktion des Abgabensystems. Laut einer neueren Studie des Finanzministeriums gleichen die lohnbezogenen Abgaben (Lohnsteuer und Sozialversicherungsbeiträge) etwa ein Zehntel des geschlechtsspezifischen Einkommensunterschiedes aus - das ist ein Ergebnis des progressiven Lohnsteuertarifes. Eine (darüber hinaus gehende) Korrektur der auf dem Arbeitsmarkt wurzelnden Ungleichverteilung der Einkommen zwischen Frauen und Männern durch das Abgabensystem würde jedoch lediglich auf die Symptome abzielen.

Es gibt aber sehr wohl Reformbedarf im österreichischen Abgabensystem - unabhängig vom Geschlecht der Abgabenpflichtigen. Derzeit sind Arbeitseinkommen oberhalb einer Geringfügigkeitsgrenze von 340 Euro nämlich voll sozialversicherungspflichtig. Eine Senkung der Beiträge für die unteren Einkommen, etwa durch einen einkommensabhängigen Freibetrag, würde die verfügbaren Einkommen und damit auch die Arbeitsanreize stärken. Auch wenn Frauen hiervon stärker profitieren würden, weil sie in diesem Einkommenssegment überrepräsentiert sind: diese Reform ist aus Sicht beider Geschlechter geboten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.9.2007)

Zur Person
Margit Schratzenstaller ist promovierte Finanzwissenschafterin und seit Oktober 2006 stellvertretende Leiterin des Wirtschaftsforschungsinstitutes (Wifo) in Wien.
  • Margit Schratzenstaller
    foto: standard/cremer

    Margit Schratzenstaller

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