"Als ob ich der letzte Dreck wäre"

  • Elisabeth Scharang porträtiert Friedrich Zawrel: "Das einzige Wahre, dass Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.‘"
    foto: domenigg

    Elisabeth Scharang porträtiert Friedrich Zawrel: "Das einzige Wahre, dass Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.‘"

Dem Spiegelgrund-
Überlebenden Friedrich Zawrel hat die Filmemacherin Elisabeth Scharang eine bewegende Dokumentation gewidmet - Ein Gespräch

Wien – "Ich glaube nicht dass man noch mehr erreichen kann, wenn man so tief unten war." Ein kleiner älterer Herr sitzt im Kaffeehaus, er sagt, dass er sich "nicht so gut ausdrücken kann". Was er zu erzählen weiß: Atemberaubende Geschichten aus einem Leben, das man, wie es so schön blöd heißt, nicht erfinden könnte: Leben und Überleben als "Asozialer" in der gespenstischen NS-Euthanasie- und Fürsorge-Anstalt des Dr. Heinrich Gross am Wiener Spiegelgrund Anfang der 40er Jahre. Abdriften in eine kleinkriminelle Existenz. Mehrere Haftstrafen. Schließlich, 1975, der horrible Moment, in dem niemand anderer als Gross, mittlerweile renommierter und hofierter Gerichtsgutachter, die Zelle eines Diebes betritt, und das alte böse Spiel von Neuem loszugehen scheint.

"Er hat mich nicht wieder erkannt. Er behandelte mich grausam, als ob ich der letzte Dreck wäre. Irgendwann sagte Gross: ,Sind Sie schon einmal psychiatriert worden?’ Mit dem Satz war’s aus. Ich sagte zu ihm: ,Für einen Akademiker ham S’ a sauschlechtes Gedächtnis.’ Als er dann wieder wusste, wer ich war, hat er mir alle gutachterliche Hilfe versprochen. Aber das Gutachten, das er mir ausgestellt hat: Da braucht man eigentlich nur mehr einen Strick um den Hals, und aus."

Von wegen "aus": Friedrich Zawrel, 1915 geboren, hat sich zur Wehr gesetzt. Er war "tief unten", und er hat einiges erreicht. Er hat von Menschen mit Zivilcourage, darunter dem Journalisten Florian Klenk und dem Mediziner und Publizisten Werner Vogt, Unterstützung erfahren. Mittlerweile hat die Filmemacherin Elisabeth Scharang zwei Filme über ihn gedreht: Zuerst einen Spielfilm, Mein Mörder – der war eher schematisch und nicht so gut. Und jetzt eine Dokumentation, Meine liebe Republik, die ist einfach fantastisch, weil sie nicht mehr und nicht weniger zeigt, als einen Mann, Friedrich Zawrel, der der an der Sprache leidet, in der über ihn geurteilt wird.

Einen, der das Schicksal, das ihm vorhergesagt und zugeschrieben wird, nicht nachvollziehen will: ",Er wird sich nie mehr sozial anpassen können’ hat Gross über mich geschrieben", sagt Zawrel. "Der sollte mich heute sehen. 1981 bin ich aus der Haft entlassen worden, den Führerschein hab ich gemacht, 15 Jahre war ich dann noch Fahrer für eine Lieferfirma, habe eine kleine Gemeindewohnung bekommen und seither habe ich nie wieder einen Gerichtssaal betreten, nicht einmal ein Strafmandat habe ich bekommen."

Zellentür in Stein

Meine liebe Republik erzählt eine kleine Geschichte, durchzogen von großen gespenstischen, bedrohlichen Momenten. Wie sagt Zawrel im Film: "Eines Abends ist meine Zellentür in der Gefangenenanstalt Stein aufgegangen, und ein großer Mann ist herein gekommen. ,Kennst mich?’, hat er gefragt. Es war der Berater in Sachen Strafvollzug und Psychiatrie des damaligen Justizministers. ,Was hast du eigentlich mit dem Heinrich Gross?’ hat er gefragt. ,Sie können mir nicht helfen’, hab ich geantwortet. ,Ich brauche einen Richter oder Staatsanwalt, keinen neuen Psychiater.’ Da ist er richtig böse geworden und hat gedroht: ,In der Psychiatrie ist es nicht so schön wie im Gefängnis. Pass’ nur auf.’" Ab da konnte ich nicht mehr schlafen."

Zawrel hat sich trotzdem zur Wehr gesetzt: "Gross hat so viele Urkunden gefälscht. Ein Totenschein ist doch eine Urkunde, oder? Es stimmt schon: Kinder sind an Lungenentzündung gestorben. Aber die wurde ärztlich herbeigeführt.

Darf also ein Arzt, der so belastet war, ein Meuchelmörder – darf der 1975 in einem Prozess ein psychiatrisches Gutachten aus dem Jahr 1944 zitieren? Ein Gutachten, das sich auf Schwesternberichte beruft, in denen Passagen stehen wie: ,Bei Kriegsmeldungen zeigt er Schadenfreude über die Missgeschicke des Reiches. Er würdigt Siege und Erfolge zu wenig.’ Oder: ,Nicht mehr erziehbar. Staatsfeindlich eingestellter Jugendlicher.’Am meisten verletzt hat mich aber, dass er meine Mutter und meine Geschwister so angegriffen hat." Dort, wo etwas aus der Welt geschafft werden soll, tun sich im Film Abgründe auf. "Der Fall Gross wurde von denselben Kollegen verhandelt, mit denen er gearbeitet hat", sagt Scharang. Dazu passen Momente in Verhandlungen, die Zawrel noch heute fassungslos wiedergibt: "Der Richter fragte: ,Haben Sie am Spiegelgrund Angst gehabt?’ Ich sagte: ,Entschuldigen schon, ich hab nur Angst gehabt.’ Da fragte der: ,Warum haben Sie das nicht den Ärzten gesagt?’ Es dreht einem den Magen um."

Meine liebe Republik, das ist: Eine Geschichte aus Österreich. Über Verschleimungen und Verzerrungen in einem Land, das in seiner Enge größere Klärungen nicht zulassen will, weil sonst Dominoeffekte zu befürchten wären. "Viele Leute haben gemeint, dass das der Breitenwirkung des Films schaden könnte, weil er eine sehr spezifische, wenn man so will: regionale Thematik hat", sagt Scharang.

Aber auch da im Zentrum ein Protagonist steht, der jeden Richter, jeden Politiker, jedes Gegenüber auf seinem Leidensweg genau zu benennen weiß, gibt es eine höhere Wucht. "Das einzig Wahre, das Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.’" (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.09.2007)

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