"Als ob ich der letzte Dreck wäre"

Redaktion
6. November 2007, 20:02
  • Elisabeth Scharang porträtiert Friedrich Zawrel: "Das einzige Wahre, dass Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.‘"
    foto: domenigg

    Elisabeth Scharang porträtiert Friedrich Zawrel: "Das einzige Wahre, dass Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.‘"

Dem Spiegelgrund-
Überlebenden Friedrich Zawrel hat die Filmemacherin Elisabeth Scharang eine bewegende Dokumentation gewidmet - Ein Gespräch

Wien – "Ich glaube nicht dass man noch mehr erreichen kann, wenn man so tief unten war." Ein kleiner älterer Herr sitzt im Kaffeehaus, er sagt, dass er sich "nicht so gut ausdrücken kann". Was er zu erzählen weiß: Atemberaubende Geschichten aus einem Leben, das man, wie es so schön blöd heißt, nicht erfinden könnte: Leben und Überleben als "Asozialer" in der gespenstischen NS-Euthanasie- und Fürsorge-Anstalt des Dr. Heinrich Gross am Wiener Spiegelgrund Anfang der 40er Jahre. Abdriften in eine kleinkriminelle Existenz. Mehrere Haftstrafen. Schließlich, 1975, der horrible Moment, in dem niemand anderer als Gross, mittlerweile renommierter und hofierter Gerichtsgutachter, die Zelle eines Diebes betritt, und das alte böse Spiel von Neuem loszugehen scheint.

"Er hat mich nicht wieder erkannt. Er behandelte mich grausam, als ob ich der letzte Dreck wäre. Irgendwann sagte Gross: ,Sind Sie schon einmal psychiatriert worden?’ Mit dem Satz war’s aus. Ich sagte zu ihm: ,Für einen Akademiker ham S’ a sauschlechtes Gedächtnis.’ Als er dann wieder wusste, wer ich war, hat er mir alle gutachterliche Hilfe versprochen. Aber das Gutachten, das er mir ausgestellt hat: Da braucht man eigentlich nur mehr einen Strick um den Hals, und aus."

Von wegen "aus": Friedrich Zawrel, 1915 geboren, hat sich zur Wehr gesetzt. Er war "tief unten", und er hat einiges erreicht. Er hat von Menschen mit Zivilcourage, darunter dem Journalisten Florian Klenk und dem Mediziner und Publizisten Werner Vogt, Unterstützung erfahren. Mittlerweile hat die Filmemacherin Elisabeth Scharang zwei Filme über ihn gedreht: Zuerst einen Spielfilm, Mein Mörder – der war eher schematisch und nicht so gut. Und jetzt eine Dokumentation, Meine liebe Republik, die ist einfach fantastisch, weil sie nicht mehr und nicht weniger zeigt, als einen Mann, Friedrich Zawrel, der der an der Sprache leidet, in der über ihn geurteilt wird.

Einen, der das Schicksal, das ihm vorhergesagt und zugeschrieben wird, nicht nachvollziehen will: ",Er wird sich nie mehr sozial anpassen können’ hat Gross über mich geschrieben", sagt Zawrel. "Der sollte mich heute sehen. 1981 bin ich aus der Haft entlassen worden, den Führerschein hab ich gemacht, 15 Jahre war ich dann noch Fahrer für eine Lieferfirma, habe eine kleine Gemeindewohnung bekommen und seither habe ich nie wieder einen Gerichtssaal betreten, nicht einmal ein Strafmandat habe ich bekommen."

Zellentür in Stein

Meine liebe Republik erzählt eine kleine Geschichte, durchzogen von großen gespenstischen, bedrohlichen Momenten. Wie sagt Zawrel im Film: "Eines Abends ist meine Zellentür in der Gefangenenanstalt Stein aufgegangen, und ein großer Mann ist herein gekommen. ,Kennst mich?’, hat er gefragt. Es war der Berater in Sachen Strafvollzug und Psychiatrie des damaligen Justizministers. ,Was hast du eigentlich mit dem Heinrich Gross?’ hat er gefragt. ,Sie können mir nicht helfen’, hab ich geantwortet. ,Ich brauche einen Richter oder Staatsanwalt, keinen neuen Psychiater.’ Da ist er richtig böse geworden und hat gedroht: ,In der Psychiatrie ist es nicht so schön wie im Gefängnis. Pass’ nur auf.’" Ab da konnte ich nicht mehr schlafen."

Zawrel hat sich trotzdem zur Wehr gesetzt: "Gross hat so viele Urkunden gefälscht. Ein Totenschein ist doch eine Urkunde, oder? Es stimmt schon: Kinder sind an Lungenentzündung gestorben. Aber die wurde ärztlich herbeigeführt.

Darf also ein Arzt, der so belastet war, ein Meuchelmörder – darf der 1975 in einem Prozess ein psychiatrisches Gutachten aus dem Jahr 1944 zitieren? Ein Gutachten, das sich auf Schwesternberichte beruft, in denen Passagen stehen wie: ,Bei Kriegsmeldungen zeigt er Schadenfreude über die Missgeschicke des Reiches. Er würdigt Siege und Erfolge zu wenig.’ Oder: ,Nicht mehr erziehbar. Staatsfeindlich eingestellter Jugendlicher.’Am meisten verletzt hat mich aber, dass er meine Mutter und meine Geschwister so angegriffen hat." Dort, wo etwas aus der Welt geschafft werden soll, tun sich im Film Abgründe auf. "Der Fall Gross wurde von denselben Kollegen verhandelt, mit denen er gearbeitet hat", sagt Scharang. Dazu passen Momente in Verhandlungen, die Zawrel noch heute fassungslos wiedergibt: "Der Richter fragte: ,Haben Sie am Spiegelgrund Angst gehabt?’ Ich sagte: ,Entschuldigen schon, ich hab nur Angst gehabt.’ Da fragte der: ,Warum haben Sie das nicht den Ärzten gesagt?’ Es dreht einem den Magen um."

Meine liebe Republik, das ist: Eine Geschichte aus Österreich. Über Verschleimungen und Verzerrungen in einem Land, das in seiner Enge größere Klärungen nicht zulassen will, weil sonst Dominoeffekte zu befürchten wären. "Viele Leute haben gemeint, dass das der Breitenwirkung des Films schaden könnte, weil er eine sehr spezifische, wenn man so will: regionale Thematik hat", sagt Scharang.

Aber auch da im Zentrum ein Protagonist steht, der jeden Richter, jeden Politiker, jedes Gegenüber auf seinem Leidensweg genau zu benennen weiß, gibt es eine höhere Wucht. "Das einzig Wahre, das Gross über mich geschrieben hat: ,Er verfügt über ein fotografisches Gedächtnis.’" (Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.09.2007)

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Ich bin beschämt

Die Geschichte der so genannten "Asozialen" ist noch nicht geschrieben.
Ich schäme mich für dieses Land. Menschen werden in die Kriminalität gedrängt. Massenmörder legen eine Traumkariere hin. Die Täter richten über die Opfer.
Es kommt der Tag und diese bodenlose Ungerechtigkeit wird restlos aufgeklärt werden.
Unbestechliche Historiker sind schon daran.
Hut ab, vor der Frau hinter der Kamera und dem Reporter die soviel Mut bewiesen haben.
Diese Menschen sind die Zukunft in unserem Land.

JKV

aktueller Schlüsselsatz

"Meine liebe Republik, das ist: Eine Geschichte aus Österreich. Über Verschleimungen und Verzerrungen in einem Land, das in seiner Enge größere Klärungen nicht zulassen will, weil sonst Dominoeffekte zu befürchten wären. "
Der BSA dokumentiert die "Braunen Flecken", die aktuellen werden vertuscht
Dr. Florian Klenk
http://www.falter.at/print/F20... _39_1.php, "Herr Doktor, hören S´ auf!"

laut kronen zeitung

übrigens ein gaaaanz langweiliger film, in dem das ns-regime "wieder mal für eine dokumentation her halten muss"...

Töten ist abscheulich genug, aber wenn Ärzte töten, ist es besonders abscheulich.

In Wels, OÖ;

gibt es eine Dr.Großstrasse, ein Pschychiater hat in dieser Strasse auch seine Ordination.
Kann es sein, daß damit dieser Dr. Groß geehrt wurde? Ich hoffe denn doch nicht !

gebjahr 1915 kommt aber nicht hin.... dann wär er am spiegelgrund kein jugendlicher gewesen und jetzt schon 92... peinlich für österreich, solche geschichten!
die psychiatrie ist auch heute noch ein sehr bedenkliches feld... nirgendwo sonst gibt es noch zwangsbehandlung! netzbetten, festbinden, niederspritzen, (quasi oder echte) endmündigungen... psychisch kranke werden auch heute noch an den rand der gesellschaft gedrückt. zum glück nicht gar so arg wie damals.

richtiges Geburtsjahr

...des Fritz Zawrel: 1929

Danke für die Info

... dachte mir auch schon, dass er nicht wie 92 aussieht!

Geburtsjahrverwechslung

Primarius Groß und Fritz Zawrel wurden beide Mitte November geboren.
Groß 1915, Zawrel 1929.
Bei einer eiligen Recherche kam es anscheinend zu der Verwechslung.

in diesem land hat die bösartigkeit und niedertracht system

herr Zawrel ist ein opfer erst der NS, dann der staatstragenden wiederbetätigung!

dass dabei sozialisten alte nazis in scharen aufgenommen, gefördert, befördert und selbst im offensichtlichsten fall wie bei gross in schutz genommen haben, ist zwar ein skandal, aber normalität.

das erschreckende ist aber das völlige fehlen jedes unrechtbewusstseins bei gross und seinen mittätern! das sind menschliche monster! und solche haben zig existenzen im dienste der 2. republik vernichtet. als richter, als ärzte, als gutachter, als minister etc.

fehlendes unrechtsbewußtsein

das ist ja fast das schlimmste: diese selbstgerechtigkeit. die täter haben nicht einmal einen hauch von scham. und sie müssen sich auch nicht schämen, denn sie kommen aus der mitte der gesellschaft, haben familien und karrieren. sie sind nicht die marginalisierten, kriminalisierten und psychatrierten.

ich habe herrn zawrel einmal im rahmen eines seminars am spiegelgrund kennen gelernt. bei seinen schilderungen läuft es einem kalt den rücken runter.
und wer weiß, wieviele menschen noch im gefängnis sitzen aufgrund von gutachten des dr. groß oder seiner kohorten.

Fritz Zawrel ist nicht absolut glaubwürdig...

...auf Grund seiner Ausstrahlung. Er erzählt nicht nur sehr "anschaulich", er zeigt auch Originalfotos vom Spiegelgrund und Kopien aus seinen diversen Akten.
Ich konnte nach seinem Vortrag zwei Nächte lang kaum schlafen.
Übrigens: Im Philipp-Interview soll Zarel gesagt haben "Ich kann mich nicht gut ausdrücken.". Das stimmt meiner Erfahrung überhaupt nicht. Im Gegenteil, er redet mit ruhiger, verständlicher Stimme. Und kann seine Zuhörer - egal ob älter oder jung - richtig "bewegen".

Und noch was: Zawrel ist Geburtsjahr 1929. Und nicht 1915 wie im Philipp-Artikel zu lesen ist...

Haben Sie sich in der Überschrift geirrt? Wollen Sie wirklich das Wort "nicht" drinnen haben? Es passt so gar nicht zum Rest Ihres Postings.

herr hofrat, wandern sie sofort aus. keiner wird sie aufhalten (ihre frau wird sogar dankbar sein, nehme ich mal an!;)

wer

sind sie, das sie anderen die auswanderung empfehlen?
ist es fuer ihren schlichten verstand zuviel wenn andere die wahrheit schreiben? ihre einstellung ist es eher auf die man als mensch in oesterreich verzichten koennte.

na bitte

da ist er wieder, der "österreich ist das mieseste land der welt"-reflex.

Der "Vernaderer-Reflex" ist voellig Ihrerseits !!!
Anstelle reflexhaft zu reagieren, waere es angebracht genau zu ueberlegen wie man erkannte Fehler in Zukunft vermeiden kann.

sicher

aber wird das mit sätzen wie "in diesem land hat die bösartigkeit und niedertracht system" getan?
daß ich damit das posting von hr. hofrat und nicht den film oder dessen aussage meine, erkennt jeder, der sich die mühe macht, seite 2 diese threads zu lesen anstatt sich aufzupudeln.

Bezogen auf

den Umgang mit der Vergangenheit des zweiten Weltkriegs in diesem Österreich ist das keine so falsche Aussage. Mies ist ein Hilfsausdruck.

Wenn der geistige Horizont nur bis zur Landesgrenze reicht, dann haben Sie sicherlich recht.

Was wollen Sie aufrechnen und mit welcher Absicht?

Und wieso ist Vergangenheitsbewältigung oder auch nur die Auseinandersetzung mit Vergangenheit eine Frage des geistigen Horizonts? Oder wollten Sie einfach nur stänkern?

alles supi, gell?

wo sage ich das?

brille vergessen?

Ihr Kommentar

ist ebenfalls Reflex: Ihr Reflex, bei jeder noch so leisen Kritik schon einen Nestbeschmutzer ausfindig zu machen. Was sowohl Sie als auch "herr hofrat" nicht akzeptieren, ist dass Gross in uns allen sitzt - Wir sind nach wie vor dabei, diese grausamen Ungerechtigkeiten auszuüben.

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