Das literarische Talent der Hexen

25. September 2007, 18:34
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Das Hexenthema ist uferlos. Die australische Historikerin Lyndal Roper schränkt es auf einige süddeutsche Gemeinden ein

Hexen auf dem Scheiterhaufen sind seit Längerem von Interesse. Es gibt literarische oder kriminologische Verarbeitungen von Einzelschicksalen zuhauf. Auch und gerade in der Schweiz, wo, nachdem sich in den 80er-Jahren die Autorin Evelyn Hasler dem Thema widmete, nun der Schweizer Jurist Walter Hauser anhand der Gerichtsakten noch einmal den Fall der letzten in Europa verurteilten Hexe aufrollt: Anna Göldi, Magd aus Glarus, geköpft (nicht verbrannt, und zwar aus Pietät!) im Jahre 1782.

Die Prozessgeschichte der Anna Göldi mit ihren gesellschaftlichen Implikationen wurde nicht nur zu einem Publikumserfolg in der Schweiz, sondern zog auch die englische und italienische Presse in die Innerschweiz. Und das Kantonsparlament von Glarus wird bis Ende September darüber entscheiden müssen, ob die arme Frau nach knapp 230 Jahren rehabilitiert wird, ein weltweit einmaliger Vorgang. Touristisch wird die Anna Göldi natürlich auch entdeckt (Museum, Events), die späte Reue soll sich bezahlt machen.

Jeder Einzelfall, der dokumentiert ist, verrät Elemente jener kollektiven Teufels- und Hexenhysterie, die Europa im späten Mittelalter heimsuchte und ihren Höhepunkt zwischen 1570 und 1630 als Hexenjagd fand, der Tausende von Männern, Abertausende von Frauen und auch einige Kinder zum Opfer fielen. Das Phänomen trägt immer auch lokale Züge und kann in seiner Gesamtheit nicht überblickt werden. Gleichzeitig lassen sich jedoch wiederkehrende Themen, kollektive Vorstellungen, archaische Fantasien der damaligen Agrargesellschaft herausarbeiten – falls man über Einzelfälle hinausgeht und gleichzeitig das Feld drastisch beschränkt.

Das hat die australische Historikerin Lyndal Roper getan, indem sie sich auf Nördlingen, "den Inbegriff einer süddeutschen Kleinstadt", und die ländliche Umgebung beschränkte. Allein in Nördlingen mit seinen wenigen tausend Einwohnern wurden während der 90er-Jahre des 16. Jahrhunderts 35 Menschen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, zumeist Frauen. In dem Haus am Weinmarkt, in dem Roper an ihrem Werk arbeitete, lebte einst eine als Hexe verurteilte Frau – wie übrigens in jedem Gasthof am Hauptplatz.

In Nördlingen fand Roper auch genügend Quellen, um ein detailliertes und stimmiges Bild des "Hexenwahns" zu zeichnen. Geständnisse wurden – meist durch die weltliche Gewalt – systematisch durch Folter erpresst, das ist bekannt. Wie sich hingegen die Fantasien der Richter mit den Erzählungen der Hexen verschränken, darüber erfährt man in diesem Buch Erstaunliches.

Verfolger und Verfolgte teilten den Glauben an Hexen und Teufel, nur dass die Angeklagten sich selbst in der Regel für unschuldig hielten – und sich entsprechend oft durch Denunziation der angeblich wirklichen Hexen zu verteidigen suchten. Es gab aber auch Frauen und Männer, von denen man annehmen musste, sie glaubten am Ende selbst, der Teufel habe sie verführt, mit ihnen am Sabbat getanzt und sie hätten des Nachbarn Kinder oder Vieh verzaubert. Sorgsam und nachvollziehbar arbeitet Lyndal Roper das Muster kollektiver Hexenfantasien heraus, in deren Zentrum die Fruchtbarkeit steht. Auffällig oft wurden Ammen angeklagt und verbrannt; konnten sie Leben bewahren, konnten sie es auch verhexen und töten: durch Zauberspruch, giftige Milch, Berührungen im Sexualbereich des Kindes, teuflische Ausdünstungen. Unter diesen waren die Opfer oft alte Frauen, die als Ammen tätig gewesen waren und selbst Kinder hatten, die nun zusammen als Mutter-Tochter-Hexen bezichtigt wurden. Greisinnen waren unfruchtbar, daher unbrauchbar und schädlich, mithin für die Zaubereien des Teufels geradezu ausersehen. Dabei traf es manchmal auch begüterte und angesehene Frauen, denen man den Prozess während der Abwesenheit des Ehemannes machte. Hatte man mit der Folter begonnen, halfen auch gute Beziehungen nicht mehr, um das Opfer loszueisen.

Eine zentrale Rolle in den Fantasien spielt der Kannibalismus: Kinder wurden zerstückelt, eingekocht, gegart, gesotten und verzehrt; deren Blut getrunken, deren Fleisch zu Salben verarbeitet. Es gibt hier einen unheimlichen Zusammenhang mit dem Abendmahl, verzehren die Christen doch in der Eucharistie den Leib Christi – Zwingli hielt den Katholiken vor, sie seien "Menschenfresser", glaubten sie tatsächlich an diese mysteriöse Umwandlung. Religiöse Orientierungslosigkeit in jener Zeit der Reformation und Gegenreformation und der Hostienstreit zwischen Katholiken und Protestanten begünstigte womöglich solche Fleischfresserfantasien.

Freilich gab es auch Freisprüche oder gnädige Urteile: köpfen statt verbrennen, Wegweisung aus der Gemeinschaft, Brandmarkung. Keineswegs waren die Hexenjagden einfach nur Instrumente der Obrigkeit zur sozialen Disziplinierung. Die Richter glaubten tatsächlich an Teufel und Hexen. Sie gaben sich daher nicht mit einfachen Geständnissen zufrieden: Die Angeklagten hatten sich anzustrengen und eine detailreiche, ausgeschmückte und in sich plausible Geschichte abzuliefern – ein kleines literarisches Werk, das sich zur öffentlichen Lektüre vor dem Scheiterhaufen eignete, bevor dieser angefacht wurde. Sogar Kinder, auf die sich die Verfolgung gegen Ende des Hexenwahns konzentrierte – meist angezeigt von den eigenen Eltern! –, hätten eine vollständige Geschichte abliefern sollen, was ihnen kaum gelang: Name und Signalement des Teufels (Schwarzer Mann oder Gärtner), der Hexe (eine reale Figur: Näherin, Bettlerin) sowie die Details ihrer meist harmlosen "Doktorspiele", die durch allerlei von den Erwachsenen Gehörtes und Missverstandenes angereichert wurden. Die späten Kinderprozesse mit ihren infantilen und widersprüchlichen "Geständnissen" trieben den Hexenwahn vollends ad absurdum. Den Richtern selbst begann es zu dämmern, dass die Kinder ihnen aus Gefälligkeit Geschichterln auftischten. Die Abschaffung der Folter stand bereits auf dem Programm der Aufklärer, die Hexe wurde bald zur literarischen Figur in den Märchensammlungen. Der Spuk war vorbei, der Zauber verflogen. Er hatte in ganz Europa mehr als zwei Jahrhunderte gedauert, von 1550 bis 1750.

Übersichtlich und überschaubar, verständlich geschrieben und gut übersetzt, liefert dieses Werk einen Überblick über den kollektiven Hexenwahn, der vermutlich alle wichtigen, jedenfalls eine Vielzahl jener Elemente und Urbilder enthält, die dem mittelalterlichen Hexenglauben zugrunde lagen. Man wird sie heute noch in einigen Horrorstreifen aus Hollywood, in den Fantasien von TV-Serienmördern und in Fastnachtsritualen gewisser Bergtäler finden. Was einst real war (oder schien), besteht im Reich des Symbolischen fort – als Fortschreibung jener Literatur, die einst die Hexen selbst in ihren Geständnissen unter großen Qualen erschaffen haben. (Dante Andrea Franzetti, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.09.2007)

Lyndal Roper, "Hexenwahn. Geschichte einer Verfolgung". Aus dem Englischen von Holger Fock und Sabine Müller. € 27,70/470 Seiten. C. H. Beck, München 2007.

Walter Hauser, "Der Justizmord an Anna Göldi. Neue Recherchen zum letzten Hexenprozess in Europa". € 21,40/200 Seiten, mit 13 Abbildungen. Limmat Verlag, Zürich 2007.
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    cover: limmat verlag
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