Absturz in Raten

24. September 2007, 18:21
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Polyphones Toben des Krieges: A. L. Kennedys Roman "Day"

Wenige Autoren widmen sich mit solcher hartnäckigen Konsequenz den labyrinthischen Innenwelten ihrer Figuren wie die schottische Schriftstellerin Alison Louise, besser bekannt als A. L. Kennedy. In ihrem letzten Roman, Paradies, ist es der Wahn des Alkoholismus, der die Gedanken- und Sprachwelt einer Frau bestimmt. In dissonanten Stimmen dringt die Autorin immer tiefer in ihre Persönlichkeit vor. Kennedy ist bekannt dafür, dass sie großen Rechercheaufwand betreibt. Wie durch einen Trichter flößt sie ihr Wissen um die Materie in eine neue Subjektivität. Es gehe ihr vor allem darum, den richtigen Sound zu treffen, sagte sie einmal über ihre Methode. Das verrät bereits das musikalische Prinzip ihrer Arbeit.

In ihrem neuen Roman Day ist das polyphone Toben des Krieges die zentrale Melodie. Der Titelheld ist ein junger Mann, der seiner einfachen Herkunft entflieht und sich freiwillig für den Dienst im Zweiten Weltkrieg meldet. Alfred Day wird in der Crew eines Lancaster-Bombers eine Ersatzfamilie finden. In der Kameradschaft reift er aber nur äußerlich zu einem Mann.

Das heroische Miteinander, die Überzeugung, auf der richtigen Seite zu kämpfen, kontrastiert Kennedy mit einer Allgegenwart des Todes, die jede Zukunft suspendiert. 1943 schießen die Deutschen die Maschine ab, Day überlebt als Einziger und verbringt die restlichen Jahre des Krieges in einem Gefangenenlager. Nach dem Krieg findet sich Day nicht mehr zurecht: Er lebt eine Schattenexistenz, die von Phantomen der Vergangenheit bestimmt wird. Es ist dieser Bewusstseinszustand, von dem das Buch eigentlich seinen Ausgang nimmt.

Kennedy spiegelt das Trauma ihres Protagonisten in der Form wider. Es stellt sich keine erzählerische Kontinuität ein – die Handlung springt fortlaufend über mehrere Zeitebenen hinweg –, darüber hinaus treten in Days Perspektive auch Leerstellen, Erinnerungslücken oder abrupte Umleitungen auf. Fast zwanghaft entscheidet sich der angeschlagene Held dazu, seine Kriegsgefangenschaft nochmals in einer spielerischen Form zu durchleben.

In Deutschland nimmt er als Komparse an einem Filmdreh teil, bei dem er die Schatten seiner Tätigkeit als Scharfschütze des Bombers keineswegs abschütteln kann, sondern sie nur noch bestimmter weckt: Die Erfahrungen sind viel zu nah, als dass sie über Mimikry in Bewegung geraten würden. Sein finsterer Kollege Vasyl, dem Day hier unter den Mitwirkenden begegnet, steht beispielsweise für eine Gewalt, die auch ihm längst in Fleisch und Blut übergegangen ist und immer wieder, anfallsartig, aus ihm hervorzubrechen droht. Es findet sich aber noch eine weitere Spur in Day, die den anderen zuwider läuft, weil sie für das Prinzip Hoffnung steht.

Mitten im Londoner "Blitz" begegnet Day der jungen Joyce, die wie er Schutz in einem Keller sucht. Kennedy lässt sich lange Zeit, bis sie dieses erste Zusammentreffen schildert; davor ist Joyce nicht mehr als eine imaginäre Person, und irgendwie bleibt sie das auch danach. Diese beinahe nur aus Andeutungen bestehende Liebesgeschichte, bei der schon die kleinste Berührung zur Geste großer Leidenschaft wird, führt dem Buch seine betörendsten Momente zu. Obwohl auch in der Beziehung zur schon verheirateten Joyce die Hindernisse keineswegs gering sind, gerät sie für Day zur fast schon obsessiven Idee, wenn es darum geht, in scheinbar ausweglosen Situationen Kraft fürs Weitermachen zu schöpfen. Jeder Soldat braucht eine Braut, die zu Hause auf ihn wartet.

Die Verfassung des Helden bleibt allerdings zu ambivalent, um diese Art Happyend nahe zu legen. Kennedy lässt die Utopie der Liebe in Days Kopf bloß anklingen; solange, bis man schließlich nicht mehr weiß, wie viel davon Wirklichkeit und wie viel Einbildung ist. An anderen Stellen geht das Ich ihres Protagonisten in einem soldatischen Wir auf, in einem Gruppenerlebnis unter Männern. Day wird zum Teil einer Kriegsmaschine, die den überlebensnotwendigen Adrenalinkick beschert: "Nicht nervös, bloß randvoll: Etwas Fremdes, Wildes kauert wartend in deinem Inneren. Es nährt dich, ermüdet dich, frißt dich, nährt dich durch die Nacht. Aber nervös bis du nicht."

Die sprachliche Anverwandlung an das Innenleben des in anderen lebenspraktischen Bereichen doch einigermaßen naiven Schützen wird allerdings in dem Maße zum Problem des Romans, als er auf einer gesellschaftspolitischen Ebene ziemlich schweigsam ausfällt. Die ethischen Implikationen des Bombenkriegs über Deutschland muss Kennedy gar nicht ausführen, weil sie nicht Teil der Reflexionen ihres Protagonisten sind. Aus dessen Perspektive sind Fragen, die über das augenblickliche Erlebnis hinausgehen, im Grunde gar nicht beantwortbar. Ähnliches gilt für den Schauplatz des Filmdrehs, der in seiner Repräsentation eines erst kurz zurückliegenden Geschehens eine Ironie in sich birgt, die dem traumatisierten Day entgehen muss: Denn die dafür notwendige Distanz fehlt ihm.

Kennedys eigenes Konstruktionsprinzip kommt ihr somit in Day in die Quere: Als Resonanzkörper für eine historische Situation ist ihr Held in einiger Hinsicht schlicht zu wenig facettenreich geraten. Er mag als Stellvertreter für eine Vielzahl anderer Soldaten taugen, aber für einen Zeugen der Verwerfungen, die ein Einzelner innerhalb eines ihn überragenden Konflikts erfährt, erscheint sein Blick zu eng. (Dominik Kamalzadeh, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 22./23.09.2007)

A. L. Kennedy, "Day". Aus dem Englischen von Ingo Herzke. € 23,60/352 Seiten, Wagenbach Verlag, Berlin 2007.
  • "Nicht nervös, bloß randvoll:Etwas Fremdes, Wildes kauert wartend in deinem Inneren. Es nährt dich, ermüdet dich, frißt dich, nährt dich durch die Nacht. Aber nervös bist du nicht": A. L. Kennedy
    cover: wagenbach

    "Nicht nervös, bloß randvoll:Etwas Fremdes, Wildes kauert wartend in deinem Inneren. Es nährt dich, ermüdet dich, frißt dich, nährt dich durch die Nacht. Aber nervös bist du nicht": A. L. Kennedy

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