"Ich hoffe, ich komme in den Himmel"

21. September 2007, 17:06
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Andreas Treichl mag sich mit Wachstum allein nicht zufrieden geben. Er will, dass "die Kunden uns gern haben", sagt der Erste-Bank-Chef im STANDARD-Interview

Lesen Sie hier die Langfassung des Gesprächs, das Renate Graber mit Andreas Treichl führte.

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STANDARD: Demnächst erscheint ein Buch über einen österreichischen Banker: "Ostwärts". Untertitel: "Wie Stepic den Osten aufrollt." Nichts über Treichl. Werden Sie es lesen?

Treichl: Ich werde wahrscheinlich jemanden bitten, dass er's liest und mir dann die wichtigsten Sachen erzählt.

STANDARD: Wie wäre es mit einem Buch über Sie?

Treichl: Ich halte es für unnötig, dass man über Unternehmen Bücher schreibt zu einem Zeitpunkt, da der Manager, der das Unternehmen maßgeblich mitgestaltet hat, noch am Leben ist. Wenn die Erste 50 Jahre nach meinem Ableben etwas so Tolles ist, dass jemand darüber schreiben will, werde ich mich im Himmel sitzend sehr drüber freuen. Aber zu Lebzeiten würde ich es gern vermieden wissen.

STANDARD: Sie glauben, Sie kommen in den Himmel?

Treichl: Ich hoffe, ich komme in den Himmel. Wäre schön.

STANDARD: Wir waren bei Stepic, Chef von Raiffeisen International. Würde die Erste mit RI zusammenpassen? Wäre gut gegen eine Übernahme.

Treichl: Lustige Idee, aber langfristig nicht sehr sinnvoll.

STANDARD: Die Erste darf bis 2009 nicht übernommen werden, sonst verlieren Sie eine 10-Euro-Wette gegen profil. Die Übernahmegefahr ist aber Ihr größtes Problem derzeit.

Treichl: Das mit der Wette ist richtig. Aber die Übernahme ist überhaupt nicht mein größtes Problem. Gegen den Willen des Managements wird niemand die Erste Bank übernehmen. Hätte ich ein Problem mit einer Entscheidung, die wir selbst treffen können, und wäre das mein größtes Problem, dann hätte ich ein wirkliches Problem.

STANDARD: Was ist Ihr größtes Problem?

Treichl: Beruflich, oder insgesamt?

STANDARD: Was Sie mir gerne sagen wollen.

Treichl: Ich sage ihnen das strategische: Wie können wir es schaffen, dass wir uns langfristig so von der Konkurrenz unterscheiden, dass ein Großteil unserer potenziellen Kunden in der Region, in der wir tätig sind, sagt: Wir wollen unbedingt zur Ersten.

STANDARD: Womit wir bei Ihrer Stiftungsidee wären. Die Erste Stiftung, der 30 Prozent der Bank gehören und die ihr Geld vor allem für Soziales ausgibt und damit die Sparkassen-Gründungsidee fortsetzt, hat 2006 die Zweite Sparkasse gegründet. Sie gibt Leuten Konten, die bei anderen Banken keine bekommen. Jetzt möchten Sie die Stiftung zur größten Europas machen. Ist diese Idee eine Alterserscheinung? Wenn man älter wird, stellt man sich ja immer öfter die Sinnfrage.

Treichl: Ich wollte das immer schon.

STANDARD: Also wären Sie nicht gern zur Creditanstalt gegangen? Sie haben sich ja 1992 dort für den Vorstand beworben.

Treichl: Das war mehr eine Spielerei, die hätte ich eigentlich unterlassen sollen. Weil mir das Lustige daran das Resultat war: Alle haben gefunden, ich wäre eigentlich der Richtige, aber es musste ein Roter werden. Aber natürlich, ich war damals 38, der Job des CA-Vizechefs hätte mir schon Spaß gemacht. Aber das wäre eine Berufsentscheidung gewesen, keine Aufgabe. In der sinnvollen und sinnstiftenden Verbindung zwischen Bank und Stiftung sehe ich meine wirkliche Aufgabe. Ich merke an mir selbst, dass man völlig anders arbeitet, wenn man seinen Job mit Emotion macht. Unsere Mitarbeiter sollen mit Freude arbeiten, das überträgt sich auf den Kunden.

STANDARD: Wie viele Ihrer 56.000 Mitarbeiter sind schon emotionalisiert? Mir kommt das alles sehr romantisch vor.

Treichl: Ein paar hundert, vielleicht tausend, zweitausend? Wir sind noch in den Kinderschuhen. Aber mit Romantik hat das nichts zu tun. Ich erklär's Ihnen: Wir sind ein Dienstleistungsunternehmen mit Produkten, die zum Teil sehr sophistiziert, zum Teil sehr einfach sind. Auch wenn ich manche Leute in anderen Instituten damit kränke: Menschen, die in Banken arbeiten, sind keine Genies, sondern durchschnittliche Menschen. Genies gehen nicht in eine Bank; sie machen etwas, wo sie sich ganz spezifischen Gebieten mit viel Talent widmen können. Genies werden Wissenschafter oder Golfspieler.

STANDARD: Sie spielen aber nicht auf Helmut Elsner an.

Treichl: Nein, an ihn denke ich nicht so sehr. Außerdem verdient er kein Geld mit Golfen. Also: Hochtalentierte Menschen gehen nicht ins Bankgeschäft, werden in den seltensten Fällen Journalisten...

STANDARD: ...danke. Sie wollten doch selbst Journalist werden, oder Dirigent oder Papst.

Treichl: Genau...

STANDARD: Mit Ihrer Gutbank, um ein Wort zu verwenden, das Sie nicht mögen, sind Sie auf dem besten Weg in den Vatikan...

Treichl: Das hat mit guter Bank oder Romantik nichts zu tun. Nur damit, dass Menschen, die ihre Arbeit gern tun, wesentlich besser sind als solche, die nur Geld verdienen wollen. Punkt. Mit dieser Motivation bringe ich unsere wertvollste Ressource, die Mitarbeiter, dazu, erfolgreicher zu sein.

STANDARD: Spüren Sie schon etwas davon?

Treichl: Natürlich. Es gibt Mitarbeiter und Kunden, die wegen der Zweiten Sparkasse zu uns kommen. Bei einer Bank zu arbeiten, in der man etwa als Serbe oder Ukrainer dasselbe macht wie bei Morgan Stanley oder Goldman Sachs, bei der man aber weiß, dass 30 Prozent von jedem für die Bank verdienten Euro in die Heimat zu den Menschen zurückfließen, die nicht für sich sorgen können – das holt die Leute herbei.

STANDARD: Der Gegenentwurf zur großen Gier?

Treichl: Immer mehr junge, gut ausgebildete Menschen gehen in den sozialen Bereich, weil sie meinen, dass sie von dort aus die wirklichen Probleme unserer Welt bekämpfen können. Die, die nur Kasse machen wollen, sind wesentlich deformierter und unglücklicher. Ich kenne genügend Leute, deren ausschließliches Bestreben es ist, viel Geld zu machen: Durch die Bank Menschen, die man extrem bedauern muss, weil sie ein völlig hohles, blödes Leben führen.

STANDARD: Ihre Theorie vom untalentierten Banker: Wer hat Sie deshalb schon gerügt?

Treichl: Ein paar waren persönlich gekränkt.

STANDARD: Glaube ich gern. Weil Sie gerade von gekränkter Eitelkeit sprechen: Sie sagten vorhin, eine Übernahme der Erste Bank gegen den Willen des Managements wäre unmöglich. Sie glauben, Ihre Manager würden die Bank diesfalls in Scharen verlassen?

Treichl: Ja.

STANDARD: Weil niemand die Bank so gut führen kann wie Sie und Ihr Team?

Treichl (nickt): Mhm. Sehr viele würden das Schiff verlassen, und zwar nicht nur sechs Leute, sondern unsere Top-500-Leute. Eben weil viele davon sich mit der Stiftungsidee und unseren Plänen identifizieren. Die, die blieben, wären nicht die, auf die es ankommt.

STANDARD: Und das hat nichts mit Überheblichkeit zu tun?

Treichl: Finden Sie das überheblich?

STANDARD: Sehr selbstbewusst. Sie können es jetzt ja auch nicht beweisen.

Treichl: Vielleicht ist es Einbildung, ja. Dann lassen Sie sie mir.

STANDARD: Ich nehm' sie Ihnen nicht. Sie sagten jüngst, "es wäre schön, wenn ich ein Unternehmen einer Größenordnung hinterließe, die Österreich noch nie gesehen hat". Die Erste hat jetzt schon 181 Milliarden Euro Bilanzsumme, 16 Millionen Kunden, fast eine Milliarde Gewinn. Zudem haben Sie das Ziel, die größte Stiftung Europas zu formen. Alles sehr ambitiös, oder?

Treichl: Ja, schon. Wobei, bei der Stiftung läuft's manchmal mit mir davon, ist eigentlich kindisch. Es geht mehr um Ausstrahlungskraft als um Größe. Was aber sicher passieren wird, ist, dass die Zweite Sparkasse in unserer Geschäftsregion Zentraleuropa überall vertreten sein wird. Wenn wir unsere Mitarbeiter für diese Idee gewonnen haben, haben wir's geschafft.

STANDARD: Sie werden eine Art Missionar...

Treichl: Nennen Sie es missionarisch oder halten Sie mich für naiv – ich bin hundertprozentig davon überzeugt, dass sich das in unseren Zahlen widerspiegeln wird.

STANDARD: Also geht es um soziales Engagement als Marketingidee. Ihrer Meinung nach sind Banken ja "unsympathisch", auf diese Weise steuern Sie dagegen?

Treichl: Ich will, dass uns unsere Kunden sympathisch finden und uns gern haben. Das geht nicht, wenn sich die Mitarbeiter selbst nicht gern haben. Wenn Sie an der Kassa stehen und von 8 bis 17 Uhr Geldscheine ausgeben, dann ist das kein Spaß. Wenn Sie aber wissen, dass von einem Euro Gebühr 30 Cent in die Stiftung gehen und die tut was Kluges damit, bringt es etwas. Wir haben zudem eine gesellschaftspolitische Aufgabe, wir wollen Zentraleuropa bilden: Wenn es uns kleinen Staaten innerhalb der EU nicht gelingt, Zentraleuropa wirtschaftlich zusammenzuschließen, werden uns die Großen wie Deutschland oder Russland irgendwann auffressen. Wir als Bank bilden Zentraleuropa ab. Auch wenn das enorm viel Geld kostet: Was glauben Sie, was es kostet, einen slowakischen Manager nach Österreich zu bekommen, der daheim 19 Prozent Flattax zahlt?

STANDARD: Stichwort unsympathisch: Die Banken haben nach Bawag, Kärntner Hypo und Meinl imagemäßig keinen guten Lauf. Worauf führen Sie die Skandale zurück?

Treichl: Man kann viele Schuldige finden. Ein Teil der Schuld liegt bei der Politik, die versäumt hat, die richtigen Eigentümer und Kontrollorgane für die Banken zu finden. Es ist kein Zufall, dass der Großteil der Banken, die in der Subprime-Krise stecken, aus öffentlichen Sektoren kommt. Wegen der Beherrschung durch nicht-gewinnorientierte Aktionäre sind die Marktkonditionen so schwach, dass diese Institute auf Risikomärkte ausgewichen sind. Das sieht man bei den deutschen Landesbanken, das sieht man bei der Bawag. Der einzige, der diese Argumentation verdirbt, ist Herr Meinl. Aber nichts ist perfekt.

STANDARD: Auch nicht die Aufsicht.

Treichl: Nein, aber man muss da auch das Grundsätzliche überdenken: Auf der einen Seite werden viele fachkundige Manager aufgrund der Corporate-Governance-Regeln aus Aufsichtsräten ausgeschlossen, auf der anderen Seite würden genau sie die steigenden Qualifikationserfordernisse an die Aufsichtsräte besonders in Banken erfüllen. Und: Wenn Vorstände bereit sind, betrügerisch zu handeln, kann sich der allerbeste Aufsichtsrat auf den Kopf stellen, und wird wahrscheinlich nie draufkommen.

STANDARD: Ihre Stiftungsidee ist aber auch nicht perfekt. Als Erste-Bank-Chef werfen Sie gegebenenfalls tausende Mitarbeiter raus, als Stiftungschef tun Sie Gutes. Ist doch schizophren.

Treichl: Eben nicht, Frau Graber, eben nicht. Als Vorstandsvorsitzender der Ersten muss ich die Bank möglichst profitabel machen, im Interesse unserer Kunden, Mitarbeiter und Aktionäre. Ich werde nicht dafür bezahlt, wohltätige Veranstaltungen zu betreiben. Das steht aber nicht in Konflikt dazu, dass 30 Prozent vom Gewinn an den Aktionär Stiftung fließen, die damit auftragsgemäß Menschen hilft, die nicht für sich selbst sorgen können. Wenn ich in der Bank zehn Leute auf die Straße stellen muss, weil das für die Rentabilität besser ist, korreliert das nicht negativ mit meiner Tätigkeit als Chef der Stiftung.

STANDARD: Die Rausgeworfenen dürften das anders sehen.

Treichl: Das ist doch eine unglückliche, dumme Diskussion: Kein Manager setzt aus Spaß oder wegen seines Bonus Leute auf die Straße. Gerade jetzt werfen wieder viele Investmentbanken Leute raus, einfach, weil sie kein Geschäft mehr machen. Zack, aus.

STANDARD: Die haben aber keine wohltätigen Stiftungen als Eigentümer.

Treichl: Das ist richtig. Aber ich meine trotzdem, dass das alles zusammengeht.

STANDARD: Stichwort Bonus. Sie verdienen sehr viel Geld, Ihre Frau sagte in einem Interview, Ihr einziger Luxus sei eine Nespresso-Maschine. Jetzt im Ernst: Was ist Ihr Luxus?

Treichl: Eine Harley Davidson, die in der Garage steht.

STANDARD: Tat sie doch schon bei Ihrem Dienstantritt, 1997.

Treichl: Ja, heute hat sie ungefähr hundert Kilometer mehr drauf. Aber ich schau' sie gern an. Unser Luxus ist das Familiengut, und Reisen, wenn wir denn reisen. Wissen Sie, ich mache mir nicht viel aus Besitz. Und bevor Sie jetzt was sagen: Ich weiß, das ist sehr schwer zu erklären, weil ja 99 Prozent der Bevölkerung finden, dass ich stinkereich bin.

STANDARD: Passt zu meiner letzten Frage: Worum geht's im Leben?

Treichl: Dass man versucht, etwas zu hinterlassen, das den Menschen, mit denen man zusammengelebt hat, etwas gebracht hat. Damit die sagen können: He or she made a difference in my life. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22./23.9.2007)

Zur Person
Andreas Treichl (55) studierte Ökonomie, arbeitete in US-Banken, leitete 1978 Erhard Buseks Wahlkampf, sanierte die VP-Finanzen. In Österreich führte der Sohn von CA-Chef Heinrich T. die Chase Manhattan, seit 1997 die Erste. Er brachte sie an die Börse und nach Osten, ihr Wert stieg von einer auf 18 Mrd. Euro. Er hat drei Söhne, ist mit Journalistin und Opernball-Beraterin Desirée Treichl-Stürgkh verheiratet.
  • Andreas Treichl: "Menschen, die in Banken arbeiten, sind keine Genies, sondern durchschnittliche Menschen. Genies gehen nicht in eine Bank."
    foto: standard/regine hendrich

    Andreas Treichl: "Menschen, die in Banken arbeiten, sind keine Genies, sondern durchschnittliche Menschen. Genies gehen nicht in eine Bank."

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