Kevin Ayers: "The Unfairground"

  • Kevin Ayers: "The Unfairground" (Tuition/Alive 2007)
    coverfoto: tuition/alive

    Kevin Ayers: "The Unfairground" (Tuition/Alive 2007)

Der Himmel weiß, was ihm im sonnigen Frankreich widerfuhr, sau(teu)rer Wein oder ein existenzielles schwarzes Loch: Kevin Ayers oder wie das Leben tönt

Nach fünfzehn geruhsamen Jahren ein neues Werk. Für "The Unfairground" lässt Kevin Ayers sich wieder einmal aus dem französischem Süden hervor und ins Studio hinein locken. Zu verdanken hat diese Tatsache die Welt vermutlich Künstlerfreund Tim Shepard, der ein wunderbar surrealistisches Cover beisteuerte. Weniger surrealistisch denn ganz erdnah geht es dann musikalisch weiter: Kevin Ayers lässt die gesammelte Entspanntheit einer 15jährigen Pause in zehn Songs einfließen und auferstehen.

Zeit seines Musikerlebens ließ sich der heute 63-jährige in Kent Geborene nicht in den Produktionsstrudel ziehen. Mag sein, dass die Orte, die er dabei mehr oder weniger streifte, ihren Einfluss geltend machen. Die Jugend verbrachte er bis zu seinem zwölften Lebensjahr in Malaysia, mit 20 landete er auf Ibiza, am Weg lagen Mallorca, mehr als einmal zieht es ihn nach Frankreich. Genau von dort taucht er nun auf.

Ayers, Gründungsmitglied von Soft Maschine, tut sich mit alten Kumpels und jüngeren Verehrern zusammen, um ein unspektakuläres Album einzuspielen: Musik gereift wie guter Rotwein. Dass alte Mitstreiter wie Soft-Machine-Mitbegründer Hugh Hopper, Phil Manzanera, Bridget St. John und Robert Wyatt die Gelassenheit derer, die sich nichts mehr beweisen müssen, auch an Jüngere weiter zu geben in der Lage sind, zeigen Architecture In Helsinki, Gorkys Zygotic Mynci, Ladybug Transistor, Trash Can Sinatras, Bill Wells Trio und Teenage Fanclub (die Ayers übrigens auf einer kommenden Tour begleiten werden).

Ob es nun die ins astronomisch gestiegenen Preise für guten Bordeaux oder doch die Sehnsucht danach, das kreative Potenzial wieder einmal auszuschöpfen, gewesen sind: Was ihn bewog, den Weg in Studios in New York City, Tucson/Arizona und London zu beschreiten, wird wohl nur er selbst oder der Himmel wissen - only heaven knows!

Wie das Leben tönt

Bläser, Chöre und Ayers' Stimme: Der Takt wird vorgegeben, aber schön gemütlich - mit der für das Album charakteristischen Gelassenheit des Mannes, der Wein, Strand und schönen Damen mehr abgewinnen kann als pekuniärem Erfolg. In die Kategorie Superstar schafft man es mit der unbekümmerten Haltung offenbar nicht: Erste Klasse fliegen ist somit nicht drin – und die Qualität des Weins, den Ryan Air bietet, lasse zu wünschen übrig, wird gelästert. Vielleicht ist das schon die titelgebende Inspiration: Die Ungerechtigkeit des Lebens besteht darin, dass nicht jeder weiß, wie wichtig guter Wein ist. Das neue Werk ist jedenfalls in keiner Weise darauf aus sich Trends anzubiedern, um vielleicht doch noch in die Luxusklasse aufzusteigen – in der Businessclass neben der Upperclass Platz zu nehmen: Dann schon lieber schlechter Wein, vorübergehend.

Man hört's der Musik an, und die hebt sich positiv ab von vielem, was die Ohren zeitweise strapaziert. Das mag auch noch am Besuch liegen, denn "Geister" aus der Vergangenheit tauchen bei den Sessions auf. Robert Wyatt leiht Ayers sein Wyattron, das Keyboard mit seiner gesampelten Stimme – zu hören im melancholischen "Cold Shoulder". Phil Manzanera unterlegt mit seinen Gitarrenkünsten das grüblerische "Brainstorm", Hugh Hopper von Soft Machine übernimmt den Bass im Titeltrack. Und Bridget St. John, die John Peel so sehr mochte, dass er sie bei seinem Label Dandelion Records veröffentlichte, singt im Duett mit Kevin in "Baby Come Home" - das letzte Mal hatten sie es 1970 zu einem gemeinsamen Auftritt geschafft.

Welcome to The Unfairground

Trotz der – hörbaren - Mitsprache der "jüngeren" Musiker: Sie drängen sich und ihre in den eigenen und anderen Bands gepflegten Sounds nicht auf. Die Zügel hält Ayers in lockerer Hand. Der hat zweifellos was zu erzählen, der hat bewegenden Songs Ausdruck verliehen. Ob er in "Only Heaven Knows" dem Tod ins Antlitz schaut, sich in "Walk On Water" an die Ausgelassenheit seines alten Freundes Syd Barrett erinnert oder in "Run Run Run" der Unvermeidlichkeit das Wort redet: Ayers spricht, und man ist geneigt zu hören und zu glauben, was er erzählt: Welcome to The Unfairground. (mareb)

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