"Weichmacher sind überall"

26. September 2007, 17:09
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Phthalate belasten die Umwelt und kommen in fetten Nahrungsmitteln vor - gesundheitlich bedenklich ist vorallem die reproduktions­schädigende Wirkung

Weichmacher sorgen dafür, dass Dosendeckel dicht sind oder Blut- und Transfusionsbeutel elastisch bleiben. Sie werden als Trägersubstanzen in Parfums oder Haarspray eingesetzt und sind in Teppichböden, Dispersionsfarben und Klebstoffen zu finden. Bedenklich wird es dann, wenn sie in den Körper gelangen.

Chemisch nicht gebunden

"Neben ihrem ubiquitären Vorkommen in der Umwelt ist es wichtig zu wissen, dass Phthalate im Kunststoff chemisch nicht gebunden sind. Das heißt sie sind fettlöslich", so der Mediziner Wilfried Bursch, der sich am Institut für Krebsforschung schon länger mit den Weichmachern beschäftigt. "Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass Weichmacher während der Verarbeitung, Lagerung oder während des Transportes von Lebensmittel leicht in fetthaltige Nahrung gelangen."

Warnungen der Konsumentenschützer

Anfang September ließ der Verein für Konsumenteninformation in Österreich mit einem Olivenöl-Test aufhorchen: Ausgerechnet das Bioprodukt von "Spar Natur Pur" wurde hinsichtlich seines Gehaltes an Weichmachern (DEHP) negativ beurteilt.

Im Juni berichtete die Deutsche "Stiftung Warentest" von "alarmierend hohen Werten" und warnte vor Rückständen in Asiasoßen: Von 25 getesteten Produkten waren 18 stark belastet. Bei einer Currypaste wurde der Grenzwert des leberschädigenden Diisononylphthalat (DINP) um das 165-fache überschritten. Der Grund dafür ist bekannt: Die Gummidichtungen der Schraubverschlüsse bestehen zu einem hohen Anteil aus Weichmachern.

Weichmacher in Lebensmittelverpackungen

Sigrid Scharf, die im Umweltbundesamt für die organische Analytik zuständig ist, sieht vor allem Verpackungen als Kontaminationsquelle von Nahrungsmitteln: "Erst kürzlich wurde wieder Diisobutylphthalat in Lebensmitteln festgestellt. Der Weichmacher stammte aus der Papierverpackung, der sich aus Klebstoffen von wiederverwertetem Altpapier herauslöste."

Ablagerung im menschlichen Fettgewebe

Ähnliche Untersuchungen gibt es für viele fetthaltige Lebensmittel wie Karpfen, Pastasaucen, Pestos oder Milch - Muttermilch inklusive: "Der Mensch ist das letzte Glied der Nahrungskette und Phthalate haben die Eigenschaft sich im Fett anzulagern. Wenn diese nun in der Umwelt sind, gelangen sie zuletzt auch ins menschliche Fettgewebe. Wir haben einen langen Generationnszyklus und das heißt, dass wir auch lange die Möglichkeit haben Phthalate im Körper anzulagern", so die Expertin vom Umweltbundesamt.

Täglich tolerierbare Aufnahmemenge

Wilfried Bursch vom Institut für Krebsforschung, Toxologie und Prävention: "Studien lassen erkennen, dass Phthalate in den kritischten Wirkungen wesentliche Unterschiede aufweisen. So scheinen DBP, DEHP oder BBP zwar das gleiche Zielorgan (Hoden) zu schädigen, das Wirkprofil auf hormoneller und zellulärer Ebene ist aber nicht identisch." Dementsprechend gäbe es auch keine Möglichkeit zu einheitlichen Grenzwerten. Die tolerierbare tägliche Aufnahmemenge, TDI (Tolerable Daily Intake)ist deshalb bei den unterschiedlichen Phthalaten unterschiedlich hoch. (siehe Tabelle)

Endokrin wirksam

"Phtalate stehen in Verdacht eine Asthma und allergieauslösende Wirkung zu haben. Sie sind kanzerogen und endokrin wirksam, das heißt sie mindern die Fortpflanzungsfähigkeit", bringt es Sigrid Scharf vom Umweltbundesamt auf den Punkt. "Das ist das Problem."

Alleine in einem Kilogramm Hausstaub befände sich heute ein halbes Gramm (= eine Aspirintablette)Weichmacher. Die Zeit zur Umkehr drängt.

EU-Regelung

Ein erstes Ziel wurde mit einer EU-Regelung zur Beschränkung von Phthalaten in Dichtmassen von Lebensmittelverpackungen erreicht. "Phthalate wie DEHP,DBP, BBP, DIDP, DINP sollen aus PVC-Dichtmassen für Verpackungen öl- beziehungsweise fetthaltiger Lebensmittel gänzlich verbannt werden und der maximal tolerierbare Gehalt auch in den anderen Lebensmitteln reduziert werden", so der Mediziner Bursch, "besonders die Werte für DEHP und DBP wurden auch für nicht fetthaltige Lebensmittel in die Bedeutungslosigkeit gesenkt."

Human-Biomonitoring: Phthalate in Blut und Harn

Sigrid Scharf setzt auf die langfristige Laborarbeit: "Phthalate sind im Harn in Mikrogrammbereich pro Liter nachweisbar. Meines Erachtens ist es wichtig, das Human-Biomonitoring zu fördern, um zu evaluieren, in wie weit Regelungen gegriffen haben. Dazu brauchts regelmäßige Analysen von Phthalaten im Blut und im Harn. Die Ergebnisse lassen sich dann vergleichen: Wie ist es jetzt, wie wird es in fünf Jahren, in zehn Jahren sein und wie war es früher." (Andrea Niemann, derStandard.at)

  • Phthalat-TDI Wert-Toxizität
Schlüsselstudien für die toxikologische Neubewertung von Phthalaten zur Verwendung in Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen
    grafik: med uni wien/wilfried bursch

    Phthalat-TDI Wert-Toxizität
    Schlüsselstudien für die toxikologische Neubewertung von Phthalaten zur Verwendung in Materialien, die mit Lebensmitteln in Kontakt kommen

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