Besuch statt Urlaub

24. September 2007, 17:00
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An der kroatisch-serbischen Grenze plustert sich die Donau zu einem spektakulären, besuchenswerten "Binnendelta" auf

Wenn sich, so wie unlängst, ein Mittelmeertief in die Alpen dreht, wenn also die Enns, die Steyr, die Traisen zu Bedrohlichkeiten schwellen, dann schüttelt Vera Eftimov die Betten auf. Das jedenfalls ist der Plan, wenn auch bloß der Plan B.

Vera Eftimov ist in Bilje zu Hause, keine vier Kilometer nördlich von Osjiek, also am östlichsten Rand Ostslawoniens, wo es, neben den Kriegsschäden, hauptsächlich Kriegsschäden gibt. Aber wenn sich, so wie unlängst, ein Mittelmeertief in die Alpen dreht und die hochwasserführenden Flüsse die Donau speisen, dann keimt so etwas wie Normalität auf in Bilje. Denn dann stehen die Chancen gut, dass der ostslawonische Fluss namens Donau über die Ufer tritt und die Kopatschker Au, das Kopacki rit, flutet. Und dann kommen zehn-, ja hunderttausende Vögel. Und mit ihnen die zwei, drei Touristen, die einem das Gefühl vermitteln können, es sei eh alles im Plan. Zumindest im Plan B.

Pannonische Gastfreundschaft

Das Kopacki rit ist ein Teil des gewaltigen Augebietes, das die Donau von Südungarn an begleitet, bis hinunter eben nach Osijek, wo der Fluss sich anschickt, in sein zweites Knie, also wieder ostwärts umzuschwenken. Das bremst die Strömung spürbar. Und wenn sich ein Mittelmeertief in die Alpen dreht und nicht nur die Donau, sondern auch die Drau zum Steigen bringt, dann ist es so, dass die geradlinigere Drau ihr Kärntner Wasser schneller in Osijek hat als die Donau, der dann nichts anderes übrig bleibt, als über die Ufer zu treten. Experten sprechen, wenn sie über das Kopacki rit sprechen, gar von einem "Binnendelta", so sehr prägt der Fluss das flache Land.

Die Eftimovs und ein paar andere Familien aus Bilje haben die Au und ihre möglichen Besucher - Naturkundler, Vogelbeobachter, vor allem aber Jäger - zu einem ökonomischen Standbein gemacht, ihre Einfamilienhäuser mit Gästezimmern bestückt, die sie mit der bekannt gnadenlosen pannonischen Gastfreundschaft bewirtschaften, auf dass neben der slawonischen Natur auch die Kultur nicht zu kurz komme.

Das Dumme - oder das Gescheite - an der Sache ist allerdings, dass der Natur und allem, was damit zusammenhängt, die neuere politische Entwicklung völlig wurscht ist. Es also so ist, dass die Donau - von der man hierzulande oft meint, sie sei ein ziemlicher österreichischer Fluss - nicht nur ein kroatischer Fluss ist, sondern selbstverständlich auch ein serbischer. Das zwingt dazu, jede Naturschutzanstrengung grenzüberschreitend anzulegen. Und das wiederum verführt dazu, der neueren politischen Entwicklung insgesamt ein wenig reservierter gegenüberzutreten bis hin zu dem, was man hierzulande "Politikverdrossenheit" nennt.

"Sich-dem-Tourismus-Verschreiben"

Kaum ein Gespräch, das sich nicht um den Krieg dreht. Hier, in Ostslawonien, wütete er besonders schlimm. Ortsnamen wie Vukovar, Vinkovci oder Osijek haben sich auch tief ins mitteleuropäische Gedächtnis gebrannt, Vukovar trägt immer noch die Schandmale der neueren politischen Entwicklung. Ökonomisch ist das Land an Donau und Drau durchaus im Abseits. Was die Menschen hoffen lässt, ist der Tourismus - jene Naturkundler, Vogelbeobachter und Jäger, die es sich in den Kopf gesetzt haben, ein unversehrtes Stück Donau zu genießen, Auhirsche und Wildsauen zu beobachten oder zu schießen.

Und zwar hier wie da. In Bilje oder, gleich hinter der Brücke von Batina, in Backi Monostor, einem kroatisch geprägten Dorf auf vojvodischem, also serbischem Gebiet, wo sie versuchen, sich als Ganzes dem Tourismus zu verschreiben. Wohl auch aus Mangel an Alternativen.

Allerdings scheint es, dass dieses "Sich-dem-Tourismus-Verschreiben" mit einer gehörigen Portion Selbstbewusstsein geschieht. Zumindest vorderhand sind da an der Donau noch keine Skilehrer zu finden, Almkasperl also, die einzig dem Gaudium, dem Event, verpflichtet sind. Die Menschen laden, wenn sie denn laden, zu sich. Und nicht in den Reiseprospekt. Das macht die Sache, von der anderen Seite gesehen, weniger zum Urlaub als zum Besuch. Wenn man ganz ehrlich sein will, ließe sich sogar sagen: zu einem bei Freunden. (Wolfgang Weisgram/Der Standard/rondo/21/09/2007)

Gebiet: Die kroatisch-serbische Donau-Au umfasst zwei Naturschutzgebiete. Das rechtsufrige Kopacki rit und das linksufrige Gornje Podunavlje.
Übernachtung: Privatzimmervermittlung Biljeplus
Veranstaltung: Regionales Highlight - das "Bodrog Fest" Backi Monostor.
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    foto: kroatische zentrale für tourismus
  • Im Naturschutzgebiet Kopacki rit.
    foto: kroatische zentrale für tourismus

    Im Naturschutzgebiet Kopacki rit.

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    foto: kroatische zentrale für tourismus
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