"Jeder ist zu Bösem fähig"

24. September 2007, 18:11
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Ein Gespräch mit der Vielschreiberin und "Furie" A. L. Kennedy

Wien - "Alfred hatte beschlossen, sich freiwillig zu melden, bevor er eingezogen wurde. Alfred hatte beschlossen, Heckschütze und nichts anderes zu werden. Alfred hatte beschlossen, seinen Vater umzubringen. Alfred hatte beschlossen, nach Deutschland ins nachgebaute Lager zurückzukehren."

Alfred Day, der Mann, um dessen Wahrnehmung sich in dem Roman Day alles dreht, hat in seinem Leben genau vier Entscheidungen getroffen, und nicht die klügsten. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs will er vor seinen Erinnerungen fliehen, doch sie holen ihn ein.

A. L. Kennedy, die 1965 im schottischen Dundee geborene Autorin gefeierter Romane und Kurzgeschichten, ist eine Rollenspielerin. In Paradies versetzte sie sich in eine Alkoholikerin hinein, nun in einen verstörten Weltkriegsveteranen. "Ein Großteil meiner Arbeit ist Einfühlung", sagt sie. "Das Interessante am Schreiben ist doch, jemand anderer zu sein. Das kann auch furchtbar sein, aber es ist notwendig."

Die Vielschreiberin ("Meine sozialen Kontakte sind eher beschränkt") gilt als Spezialistin für Tabuthemen, und es soll Leser geben, denen ihre Bücher zu heftig sind. Kennedy, die von britischen Medien gern als Furie beschrieben wird, in Wien jedoch einen sehr umgänglichen Eindruck machte, nimmt's gelassen: "Du kannst nicht jeden zufriedenstellen. Die Art, wie ich schreibe, ist ein bisschen wie Analsex. Nicht jeder mag das. Es soll auch Leute geben, die die Bücher von Joanne K. Rowling nicht gut finden."

Bei aller Düsternis gestalten sich ihre Texte nie trostlos oder einseitig. Liebe ist fast immer ein Thema darin (auch wenn sie selten gelingt). Humor kann manchmal helfen ("Das Magazin der ,Royal Air Force' war im Krieg auch voll von tief schwarzen Witzen").

In Bezug auf den Zweiten Weltkrieg und die Erfahrungen von Soldaten hat sich die Autorin bemüht, schnelle Urteile zu vermeiden. Sie will die Ambivalenzen aufzeigen: "Menschen sind kompliziert. Auch Monster sind Menschen, sie sind nicht 24 Stunden am Tag böse. Das interessiert mich an meinen Figuren. Es geht nicht darum, alles zu entschuldigen, aber wenn wir ehrlich sind, sind es nicht nur die Eichmanns dieser Welt, die böse Dinge tun. Jeder ist dazu fähig."

Seit 2000 schreibt Kennedy neben ihrer literarischen Arbeit schwerpunktmäßig Kolumnen für den Guardian, in denen sie die politische Entwicklung Großbritanniens vehement kritisiert. "Diesmal sind wir auf der falschen Seite und tun die Dinge, gegen die wir im Zweiten Weltkrieg gekämpft haben", ist sie überzeugt. Ihr neuer Roman ist auch zu lesen als Versuch, die Anziehungskraft von Kriegen zu verstehen:

"Wenn man ein Kriegsgegner ist, lohnt es sich zu untersuchen, warum der Krieg derart attraktiv ist. Vor allem ist er immer gut promotet. Wir könnten auch Krankenschwestern und Lehrern Paläste bauen, weil sie Wichtiges für unsere Gesellschaft leisten. Das tun wir aber nicht. Denkmäler bekommen nur Soldaten."

Nach Lesungen aus Day in Großbritannien wurde Kennedy mehrfach von Veteranen angesprochen. Deren Reaktionen auf ihre Schilderungen des Bombenkriegs waren durchwegs positiv. "Es sind noch so viele Menschen aus der Zeit am Leben. Ich habe gewusst, ich muss in diesem Buch verdammt überzeugend sein, und extrem viel recherchiert", erzählt sie. "Aus meiner Familie konnte ich niemand fragen. Die waren nicht besonders militärisch, haben lieber am Schwarzmarkt Geld verdient - auch ein Weg, durch den Krieg zu kommen."

Aber warum muss ihr Alfred Day eigentlich ein klein gewachsener Mann sein? "Die meisten Heckschützen waren klein. Ich war in so einer Maschine, da ist nicht viel Platz. Aber ich mochte natürlich auch die Idee, dass er dieser kleine, wütende Mann ist, der sich gegen alle stellt. Das war mein erstes Bild von Alfie." (Sebastian Fasthuber, DER STANDARD/Printausgabe, 21.09.2007)

Eine Rezension von "Day" lesen Sie am Freitag im ALBUM.
  • "Ein großer Teil meiner Arbeit ist Einfühlung." A. L. Kennedy in Wien.
    foto: corn

    "Ein großer Teil meiner Arbeit ist Einfühlung." A. L. Kennedy in Wien.

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