Ikonen auf dem Highway

31. Oktober 2007, 16:26
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Der Lastwagenfahrer als Cowboy der Landstraße – das war einmal. Heute ist der Trucker ein dem Just-in-time-Prinzip des Warenaustausches unterworfener Logistik-Arbeiter

Am Eingang des Rasthofs steht kein Türsteher, der auf die Einhaltung eines Dresscodes achten würde, wie dies in noblen Nachtclubs geschieht. Trotzdem tragen die Gäste an den hinteren Tischen ein seltsam homogenes Outfit: Bluejeans von Lee oder Wrangler, rot-blau-weiße Karo-Hemden, dazu Carhartt-Westen aus schwerem Baumwollstoff, ein paar vielleicht Lederstiefel. Es ist immer wieder schön, im Straßenbild einem Stereotyp zu begegnen, denkt man sich beim Anblick des Fernfahrer-stammtisches, das macht die Welt mit ihrem Straßengewirr, all den Kreuzungen und Geheimwegen so übersichtlich.

Der Trucker. Er existiert. Spätestens seit Filmen wie "Smokey and the Bandit" oder "Convoy", in dem Kris Kristofferson mit Vollbart und in Jeans, Weste und Schirmmütze (Mesh Hat) dem Fernfahrer für alle Zeiten Gesicht und Körper gab, eine Figur von ähnlich hoher ikonografischer Strahlkraft wie der Marlboro Man. Klaus, der Wortführer am Stammtisch, findet diese unsere vorgetragenen Überlegungen ein bisschen verschwurbelt und am Thema vorbei gedacht. Geht es in seinem Business doch ums Ankommen und nicht ums Anziehen. "Hauptsache man kommt an." Sagt er. Und schweigt.

Der Trucker ist ein Cousin des Cowboys. Wir verorten ihn im Raumkontext des Rio Grande, ein Reisender am Rande des Horizonts, ein einsamer Wolf auf dem Highway, immer in Bewegung, nie zu Hause. Und genau wie der Cowboy, der in den Pioniertagen des amerikanischen Westens die Rinderherden auf staubigen Trails zum nächsten Markt brachte, damit die Städter ja ihre Corned-Beef-Dosen bekamen, stellen auch die Fern_fahrer unsere Versorgung mit Konsumgütern sicher. Karohemd, Jeans, Cowboyhut oder Truckerkappe, das ist die Uniform des ehrlichen Arbeiters. Trucker, Farmer, Waldarbeiter, all jene, die bei der Urbarmachung der Welt und der Überwindung von Raum-ZeitSchranken beschäftigt sind, gehen offensichtlich im Western-Store shoppen.

Authentischer Stil Als zu Beginn der 90er-Jahre ein paar Skater an der amerikanischen Westküste den Mesh Hat, die Kappe mit Schaumstoffschild und Plastiknetz, zum Style-Item erklärten, da war dies ein klares Anti-Fashion-Statement, die Subkulturaktivisten hatten genug von den Neonfarben, den schweren, angeberischen Golduhren und Anzügen der 80er-Jahre.

Die Mesh Hats hatten im Idealfall Aufschriften wie "Western American Transport Ltd." oder "Desert Inn", das Accessoire diente dem Rollbrett fahrenden Mittelschicht-Nachwuchs zur Assoziierung mit den Außenseitern und zur Aneignung ihres vermeintlichen authentischen Lebensstils.

Der Mesh Hat machte in der darauf folgenden Dekade eine steile Modekarriere. Die Kappe, deren Schaumstoff- und Plastikapplikationen für Schweißabsorbation und Ventilation unter der Wüstensonne sorgen sollten, wurde im coolen New York in der HipHop-Szene populär, Star-Produzent Pharrell Williams trug das Teil in diversen Musikvideos, später sorgte Ashton Kutcher, Ehemann von Demi Moore und MTV-Posterboy, für die endgültige Mainstream-Kompatibilität. Plötzlich trugen all die reichen Jungs aus Orange County, Grünwald und Grinzing das Symbol der Arbeiterklasse. Mesh Hats gehörten zum Pflichtprogramm der urbanen Marken, eine Kappe von Von Dutch kostete 80 Dollar.

Der große Mesh-Hat-Trend ist natürlich vorbei. Unter österreichischen Fernfahrern sieht man das Trucker-Symbol freilich immer noch, wenngleich die Asphaltcowboy-Mütze heute schlicht unzeitgemäß scheint.

Der moderne Trucker fährt längst nicht mehr selbstbestimmt über einsame Straßen, sondern ist ein Logistikarbeiter, der dem Just-in-time-Prinzip des globalisierten Warenaustausches unterworfen ist. Pünktlichkeit, Vorhersehbarkeit, Planungssicherheit sind heute die heiligen Wörter des Fernverkehrs und das genaue Gegenteil einer Freiheitsideologie.

Neues Outfit Notebook-Halter, GPS-Systeme und Mautcomputer gehören zur Standardausstattung des modernen Cockpits. In der Raststätte sieht man deshalb auch viele Sweatshirts, Buttondown-Hemden, randlose Brillen – das Outfit des Betonbeamten. Die modische Oberfläche, an der sich Trucker abarbeiten, ist ohnehin nicht der eigene Körper, sondern das eigene Fahrzeug. Wer den ganzen Tag in einer Metallkapsel eingeschlossen ist, beginnt irgendwann, sich mit ebendieser zu identifizieren. Wer im Internet "Trucker-Mode" in eine Suchmaschine eingibt, wird auf die Webseite der Firma "Jumbo" umgeleitet. Im Katalog finden sich Chromrammschutz, Alu-felgen und andere Edelstahl-accessoires. Um sicherzustellen, dass der Truck auf der Straße auffällt, können die Fernfahrer Dachlampenbügel und LED-Lichtleisten bestellen. Auf Wunsch bietet die Firma auch individuelle Airbrush-Arbeiten für die Zugmaschine an. Das Interior Design scheint sich eher an der Mode barocker Herrscherhäuser zu orientieren denn an jener des guten alten Wilden Westens. "Edle Veloursbezüge" für die Sitze sind da im Angebot, mit Steppungen und eingearbeiteten Wappen aus Silberfäden. Die Innengardine, informiert der Katalog, "kann selbstverständlich mit oder ohne Bordüre" geordert werden. Der edle und schwere Veloursstoff, erklärt mir dann aber Klaus, steht nicht wegen der glänzenden Oberfläche so hoch im Kurs. "Er ist einfach blickdicht." Der Fernfahrer ist eben ein modischer Pragmatiker. (Tobias Moorstedt, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.9.2007)

www.vondutch.com www.ashton-kutcher.net www.meshhat.com
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    foto: standard/fischer
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