Oberstleutnant gegen Rassismus

20. September 2007, 17:05
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Friedrich Kovar, Menschenrechts-
Koordinator der Wiener Polizei, über "harte Burschen" und den Umgang mit Fehlern

Rassismus in der Polizei: Das ist ein Thema, über das Friedrich Kovar, seit Anfang März der erste offizielle Menschenrechtskoordinator in der Geschichte der Wiener Polizei, nicht gerne öffentlich spricht: "Lesen Sie den Rassismusbericht von Zara", empfiehlt er - und lässt Zahlen für ihn sprechen.

Harte Burschen

Anstatt KollegInnen anzuprangern, unterhält sich Kovar lieber über Grundsätzlicheres: "Die Gesellschaft muss sich entscheiden, was für eine Polizei sie haben will." Denn es könne nicht angehen, dass einerseits polizeiliche Willkür kritisiert wird, man andererseits aber bei kleinen Verstößen gegen die Straßenverkehrsordnung erwarte, dass ein Auge zugedrückt wird. Und man könne von den Beamten nicht verlangen, dass sie unverletzliche "harte Burschen" sind, und gleichzeitig Sensibilität gegenüber den Benachteiligten in der Gesellschaft - wie etwa psychisch Kranken oder MigrantInnen - einfordern.

"Dort, wo alle anderen wegschauen, dort geht die Polizei hin", sagt Kovar. Im Fall des "Kannibalen von Wien" seien es zum Beispiel "ganz junge Beamte" gewesen, die mit dem grauenhaften Bild der Tat konfrontiert wurden - "diese Menschen sind traumatisiert", sagt Kovar. Nicht immer sind es Extremeinsätze wie dieser - auch bei Abschiebungen komme es vor, "dass Polizisten sagen: Ich pack' das nicht, um fünf Uhr früh eine Mutter mit einem Kleinkind aus der Wohnung holen zu müssen". Die Möglichkeit, bestimmte Vollzugshandlungen aus Gewissensgründen zu verweigern, stehe den BeamtInnen jedoch nicht offen - ebenso wenig wie psychologische Beratung nach einem seelisch belastenden Einsatz.

Lästige Fehler

Diese Tatsachen präsentiert der Oberstleutnant als Symptome eines tiefer liegenden Problems: Der Polizei, aber auch dem Innenminister, fehle die "Fähigkeit zur Selbstreflexion." So seien Fehler, die im Lauf der polizeilichen Arbeit auftreten, oft weniger ein Anlass für Lernprozesse, als für Anschuldigungen: "Welches Schwein hat den Fehler öffentlich gemacht", laute dann die Kritik, anstatt zu analysieren, wie es zum Fehler gekommen ist.

Diese Systematik erkläre denn auch, warum Rassismen oder Menschenrechtsverletzungen in der Polizei oft zu geringe Folgen nach sich ziehen. So habe der Fall des während einer Polizeihandlung verstorbenen Seibane Wague lediglich bewirkt, dass "eine Studie über den lagebedingten Erstickungstod" erstellt wurde. "Wozu brauche ich dafür eine Studie?", gibt Kovar zu bedenken. "Es muss doch jedem klar sein, dass ich mich nicht auf einen Menschen knien kann, der im Gesicht schon blau angelaufen ist."

Mit seinem Argument, dass "Menschenrechte den Polizeijob vereinfachen", dürfte Kovar bereits erfolgreiche Überzeugunsarbeit geleistet haben: Ihm ist zu verdanken, dass angehende PolizistInnen während ihrer Grundausbildung nun bald vier Lehreinheiten zum Thema Menschenrechte durchlaufen werden. Darüber hinaus organisiert er in Kooperation mit NGOs immer wieder Weiterbildungen zu diversen Menschenrechtsthemen. Ein wichtiges Anliegen ist ihm, den BeamtInnen "Argumentationshilfen" zu geben - um "den üblichen Phrasen mancher Kleinformate etwas entgegen zu setzen". (Maria Sterkl, derStandard.at, 20.9.2007)

Zur Person
Friedrich Kovar wurde vom amtsführenden Landespolizeikommandanten Karl Mahrer im März 2007 in die neu geschaffene Position des Koordinators für Menschenrechtsangelegenheiten beim Landeskommando Wien berufen. Für die Funktion wurde (noch) kein Posten geschaffen, Kovar betreut die Agenden sozusagen in einem luftleeren Raum und ohne MitarbeiterInnen. KritikerInnen, die ihn als menschenrechtliches "Feigenblatt" der Wiener Polizei bezeichnen, pflegt er zu entgegnen: "Falls das die Absicht war, dann hat man sich den Falschen ausgesucht."
  • Querdenker im Polizeikommando: Friedrich Kovar
    foto: standard/urban

    Querdenker im Polizeikommando: Friedrich Kovar

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