Das Publikum als Studienobjekt

23. September 2007, 19:08
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Der neue Chef des Wiener Konzerthauses, Bernhard Kerres, übernimmt ein attraktives Haus mit erheblichen finanziellen Altlasten

Ein Gespräch über zwei neue Festivals, Jugendprojekte und einen Beschwerdebrief dreier Mitarbeiter

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Wien – Zweifellos ist für Bernhard Kerres das Glas halb voll und nicht halb leer. "Ich habe ein wunderbares Haus übernommen", meint der neue Konzerthauschef. Allerdings, ohne dass sich seine Miene verdüstert, ohne also, dass man ihm etwas anmerken würde, kann man aus seinen Worten schon ein leicht verärgertes Staunen heraushören, dass man ihm – verursacht durch die erfolgreiche Generalsanierung des Hauses, die Vorgänger Christoph Lieben-Seutter vollbracht hat – einen Schuldenberg von 13,2 Millionen hinterlassen hat.

"Zum Finanziellen gibt es auch Positives", so Kerres. "Das Schöne ist etwa, dass wir mit Kapsch einen Sponsor haben, der schon seit 1992 dabei ist. Diese Kontinuität ist einzigartig. Auch habe ich zwei neue Sponsoren mitgebracht – die Beratungsfirmen asp.ConsultingGroup und Booz Allen Hamilton, wo ich selbst gearbeitet habe. Die Mehrkosten aus dem Umbau, die ich geerbt habe, sind aber dramatisch."

Gute Gespräche

Die Handlungsfähigkeit des Hauses sei dadurch etwas gehemmt, "wir müssen sehr vorsichtig sein, können künstlerisch wenig riskieren". Immerhin: Auch die Gespräche mit der öffentlichen Hand deutet Kerres positiv. "Da ist viel Verständnis. Ich hoffe, dass wir das Problem mittelfristig lösen können. Wie, ist noch nicht ganz klar." Vorerst hat der Bund die Subventionen für das Konzerthaus um stattliche 14 Prozent erhöht, er überweist also 900.000 Euro. Der Dreijahresvertrag mit der Stadt läuft noch und garantiert 1,1 Millionen.

Dass der 40-Jährige in die Lage kam, die schönen und die weniger lustigen Aspekte dieses Jobs verbinden zu können, war irgendwie Zufall. Als sein Vorgänger beschloss, nach Deutschland zu gehen, um in Hamburg den Neubau der Elbphilharmonie zu managen, war Kerres zwar schon Teil der Konzerthausdirektion.

Zunächst allerdings war er einfach Teil der Findungskomission, die den Nachfolger mithilfe einer Headhunter-Firma suchen sollte. Wie sich die Findungssache jedoch zu entwickeln begann, musste Kerres bemerken, dass sein Appetit auf die Position geweckt worden war. "Als mir dies bewusst wurde, habe ich zur Findungskomission, bevor wir noch Interviews mit Kandidaten geführt hatten, gesagt, dass ich da eine Unvereinbarkeit sehe und aus der Komission rausmuss. Danach habe ich mich der normalen Bewerbungsprozedur unterzogen."

Was immer letztlich den Ausschlag für ihn gegeben hat – seine Erfahrungen in wirtschaftlichen Belangen (London Business School, Jahre bei Beratungsfirmen) und seine Verankerung im Kulturbereich (Gesangsstudium, Gründung und Leitung der Taschenoper Wien, Aufsichtsrat der London Mozart Players) war sicher kein Nachteil. Ein Konzerthauschef kommt um die Verbindung von Kostenbewusstsein und programmatische Ideen nicht herum. Wobei: Das Konzerthaus läuft gut, es hat eine Auslastung von über 90 Prozent, und die Abozahlen waren zuletzt wieder gestiegen. Da geht es vielleicht nur noch darum, einen vorhandenen Erfolg zu verwalten. "Das zu glauben wäre gefährlich. Die Dinge verändern sich doch sehr. In diesem Jahr etwa mussten wir bemerken, dass wir bei den Abos zwei Prozent verloren haben, zwei Zyklen sind eingebrochen. Das gibt uns zu denken, wir müssen also immer an dem Neuen dran sein." Neues wird es von Kerres zwar nicht sofort geben, die kommende Spielzeit trägt noch die Handschrift des Vorgängers. Aber manches hat er sich schon ausgedacht, etwa zwei neue Festivals. Das eine soll spontan auf national und international erfolgreiche Uraufführungen reagieren und diese an zwei Tagen ins Konzerthaus bringen. "Wir wollen schnell reagieren, die eingeladenen Ensembles wissen jetzt schon, wann sie spielen werden, aber sie wissen nicht, was. Das Ganze trägt den Arbeitstitel ,Auf Wiederhören‘".

Jüdische Kultur

Ein zweites kleines Festival soll jeweils die Saison eröffnen. "Da geht es um Schwerpunkte, als Erstes werden wir uns 2008 der jüdischen Kultur in ihrer ganzen Vielfalt widmen. Es wird einen Generalpass geben, das Haus wird als Ganzes bespielt." Um Weihnachten herum kommt die erste Neuheit: "Das Ganze heißt ,Sing along‘ und lädt das Publikum ein, mit der Singakademie Weihnachtslieder anzustimmen. Keiner muss sich fürchten, die Akademie wird da sein, an ihr wird man sich anhalten können. Da geht es schlicht um aktives Musizieren. Zusätzlich werden wir in Schulen gehen und so eine Suiten erarbeiten, die wir dann präsentieren."

Auch bei den Abos "wollen wir noch mehr differenzieren. Es soll etwas für Einsteiger geben, denn es gibt schon noch Hemmschwellen. Und es wird etwas für Spezialisten geben. Wir sind dabei, unser Publikum zu studieren, um noch kundenorientierter zu sein."

Sein Team sieht er voller Motivation. Die Anfangsprobleme, die es in Form eines Beschwerdebriefes dreier Mitarbeiter gab, scheinen überwunden. "Man warf mir Konzeptlosigkeit vor, auch dass man sich auf meine Entscheidungen nicht verlassen könne und dass ich mich zu wenig mit technischen Details des Hauses auseinandergesetzt habe. Der Brief kam aber im Juni, da war ich noch gar nicht im Amt. Ja, die drei werden das Haus verlassen, aber die Trennung läuft nun sehr professionell ab. Und das Haus hat ja 80 Mitarbeiter." (Ljubiša Tošic, DER STANDARD/Printausgabe, 21.09.2007)

  • Bernhard Kerres: "Die Mehrkosten, die ich aus dem Umbau des Hauses geerbt habe, sind schon dramatisch. Das schränkt unsere Bereitschaft, künstlerische Risiken einzugehen, durchaus ein."
    foto: newald

    Bernhard Kerres: "Die Mehrkosten, die ich aus dem Umbau des Hauses geerbt habe, sind schon dramatisch. Das schränkt unsere Bereitschaft, künstlerische Risiken einzugehen, durchaus ein."

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