Euro erklimmt lichte Höhen

21. September 2007, 19:12
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Die Gemeinschaftswährung ist vorübergehend über 1,41 Dollar gestiegen, auf Exporteure kommen harte Zeiten zu

Wien/New York – Erstmals in der Geschichte ist der Euro mehr wert als 1,40 US-Dollar. Die Gemeinschaftswährung brach am Mittwoch durch diese psychologisch wichtige Schwelle und stieg am Abend bis zu einem Rekordhoch von 1,4099 Dollar. Am Freitagmorgen durchbrach die Gemeinschaftswährung vorübergehend auch die Linie von 1,41 Dollar, kam danach aber wieder etwas zurück (siehe aktueller Kurs).

Der Dollar fiel auch gegen andere Währungen ab und erreichte erstmals seit 31 Jahren eine Parität mit dem kanadischen Dollar. Auslöser für die Dollarschwäche war die Zinssenkung der US-Notenbank Federal Reserve infolge der aktuellen Finanzkrise. Analysten rechnen mit einem weiteren Verfall der US-Währung.

Auch der Goldpreis kletterte auf einen neuen Höchststand von 738,15 Dollar pro Unze. Der Ölpreis stieg wegen der Angst, ein Sturmtief im Golf von Mexiko könnte sich zu einem Hurrikan auswachsen, auf ein Rekordhoch von 82,55 Dollar. Zuvor hatten die Ölkonzerne ihr Personal von den Bohrinseln abgezogen.

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Es war schon seit Längerem abzusehen, am Donnerstag war es soweit: Der Euro war erstmals seit seiner Einführung - als Buchgeld im Jahre 1999 und als Bargeld 2002 - mehr wert als 1,40 Dollar. Den letzten Kick gegeben hat dem Kurs der Gemeinschaftswährung, dass die US-Notenbank Federal Reserve wegen der aktuellen Finanzkrise die Zinsen erstmals seit vier Jahren gesenkt hat, und das viel stärker, als es Experten zuvor erwartet haben. So wurde der Abstand zwischen den Zinsen in den USA und jenen im Euroraum geringer, was wiederum bewirkte, dass Geldmittel weltweit aus dem Dollarraum abgezogen wurden. Ergebnis: Der Greenback verlor in Relation weiter an Wert.

US-Exporte sinken

In der europäischen Exportwirtschaft wird eigentlich über den Höhenflug des Euro gejammert, seit die Dollar-Europarität im Jahr 2003 erreicht wurde. Als die Marke von 1,20 Dollar überschritten wurde, war gar vom Ende der Exporte in die USA die Rede. Doch die Weltkonjunktur zog stark an, und der Anteil der österreichischen Ausfuhren in die USA hat sich in den vergangenen zehn Jahren auf sechs Prozent verdoppelt.

Dieser Trend ist vorüber. Wobei laut Wirtschaftstreibenden und Ökonomen nicht nur die direkten Ausfuhren in den Dollarraum, sondern auch indirekte Exporte betroffen sind: "Wir sind oft Huckepack mit den Deutschen unterwegs, beispielsweise als Automobilzulieferer", umreißt Christian Helmenstein, Volkswirt der Industriellenvereinigung die Lage. Eine Abschwächung des Dollars um zehn Prozent drücke das Wachstum um einen Viertelprozentpunkt.

Schmerzgrenze erreicht

"Jetzt ist die Schmerzgrenze wirklich erreicht", meint auch Michael Otter, stellvertretender Außenhandelsdelegierter in New York, im Gespräch mit dem Standard. Österreichs Exporteure seien zwar in lukrativen US-Nischen tätig, doch auch dort werde irgendwann der Preis schlagend. Im ersten Halbjahr sanken die Exporte in die USA um 8,5 Prozent. Rechnet man die Restitution der Klimt-Bilder aus der Statistik heraus, bleibt immer noch ein Minus von knapp vier Prozent.

"Die Aufträge gehen zurück, und die Konkurrenzfähigkeit sinkt. Das ist ein europaweites Problem", meint Jochen Pildner-Steinburg, Anlagenbauer und Chef der steirischen Industriellenvereinigung. Er sieht Betriebe - von Maschinenbauern über die Papier- bis zur Elektroindustrie - nicht mehr in der Lage, den schwachen Dollar abzufedern. Pildner-Steinburg: "Es ist zu befürchten, dass der Euro noch auf 1,50 Dollar steigt - auch wenn wir es nicht wahrhaben wollen." Der zum Teil günstigere Einkauf von Rohstoffen könne daran nur wenig ändern. Klein- und Mittelbetriebe hätten zudem wenig Möglichkeiten, die Mehrkosten durch eigene Währungsgeschäfte abzufangen.

Auch Wolfgang Welser, Chef der Welser Profile und Obmann der Bundessparte Industrie, ist überzeugt, dass die Dollarschwäche 2008 auf die gesamte europäische Exportwirtschaft durchschlägt. "Hier greift ein Zahnrad ins andere. Die 1,40 Euro je Dollar sind sicher noch nicht die Obergrenze." Sein eigener Konzern spüre den teuren Euro über Kunden, die in Dollar fakturierten und versuchten, den Preisdruck an ihn weiterzugeben.

Langfristige Verträge zur Absicherung

Pankl-Chef Wolfgang Plasser sichert sich durch langfristige Verträge ab. "Für die US-Kunden werden wir aber teurer." Der Neueinstieg in Rennsportteams mit wenig Budget werde immer schwieriger.

"Wir verlagern mehr Wertschöpfung in die USA, kaufen im Dollarraum zu", sagt Palfinger-Chef Wolfgang Anzengruber. "Aber die Konkurrenzfähigkeit gegenüber US-Anbietern sinkt." Der günstige Dollar sei zudem ein Zeichen für die schwächere US-Konjunktur. "Das ist der eigentliche Dämpfer."

Außenhandelsdelegierter Otter will aber nicht nur schwarzmalen: "Amerika ist noch immer ein hoch interessanter Markt."

Schwer tun sich die Ökonomen mit der Einschätzung der konjunkturellen Folgen von Finanzkrise und Dollarschwäche. IHS-Chef Bernhard Felderer hält es für "gut möglich, dass wir mit der Wachstumsprognose nicht nach unten gehen. Wir sind in Topform." Das Wifo wird auf jeden Fall leicht nach unten revidieren. An der Zinsfront bedeutet das Entspannung. Die Europäische Zentralbank wird angedachte Zinserhöhungen wohl verwerfen. (Verena Kainrath, Andreas Schnauder, Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.9.2007)

  • In der europäischen Exportwirtschaft wird eigentlich über den Höhenflug des Euro gejammert, seit die Dollar-Euro-Parität im Jahr 2003 erreicht wurde. Als die Marke von 1,20 Dollar überschritten wurde, war gar vom Ende der Exporte in die USA die Rede.
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    In der europäischen Exportwirtschaft wird eigentlich über den Höhenflug des Euro gejammert, seit die Dollar-Euro-Parität im Jahr 2003 erreicht wurde. Als die Marke von 1,20 Dollar überschritten wurde, war gar vom Ende der Exporte in die USA die Rede.

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