Extrawurst mit Akne: Adrian Orange

21. September 2007, 12:10
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Endlich ein neuer Gott! Er heißt Adrian Orange und veröffentlicht als solcher am Freitag sein titelloses Debütalbum - Wir sind hin und weg!

Sehen Sie ihn sich gut an. Von diesem jungen Mann, der hier in gängiger US-Landestracht in einer Badewanne kauert, kommt eines der besten Alben dieses Jahres. Der Jüngling mit dem extrawurstfarbenen Teint und den Aknemalen an seinen Wangen, der außer diesem Bild leider nur druckunfähige Fotos von sich in die Welt verschickt, auf denen er etwa in Blumenblüten beißt und ein wenig so aussieht wie ein B-Boy, der von der Heilsarmee eingekleidet wurde, ist mit seinen 21 Jahren schon so etwas wie ein "alter Hase". Immerhin hat Adrian Orange, so heißt unser neuer Gott, unter dem schon ein wenig Verdacht auf Verschrobenheit aufkommen lassenden Namen Thanksgiving zehn Alben veröffentlicht, seit er mit 15 die Schule Schule sein ließ und sich seit damals ausschließlich der Musik widmete. So steht's in seiner Biografie. Darin steht auch, dass er in Portland, Oregon, geboren wurde, und zwar um 4.20 Uhr am Morgen des 20. März 1986. Ja, so genau wollen wir über Götter Bescheid wissen!

Ohne Kenntnis seiner bisherigen Arbeiten als Thanksgiving, hinter denen wir ab jetzt aber wie die Bluthunde her sein werden, überrascht uns Adrian mit einem Album, das covermäßig aussieht wie eines dieser aktuellen Neo-Folk-Dinger, auf denen kunstvoll verwahrloste H-&-M-Hippies Musik machen, wie die Zeltplatznachbarn in Griechenland Ende der 80er-Jahre - was damals schon nur mit Mühe unblutig besprochen wurde. Aber der Eindruck täuscht.

Zwar musizieren bei dem seltsam benannten Projekt Adrian Orange & Her Band nicht weniger als 18 Leute, und fast alle singen, tögeln irgendeine Perkussion und blasen mindestens eine Tröte. Dementsprechend scheppert es hier, dass sich die Balken biegen. Trotzdem ist diese Musik voll herrlicher Melodien, Schönheit, Erhabenheit und Intimität zugleich. Auf Basis einer gegen Ende der Stücke oft vollkommen durchgeknallten Brass-Abteilung hören wir beherztes Leier-Soul-Georgel, ein charmant neben dem Rhythmus stolperndes Schlagzeug, dazu Adrians Gesang, der wahlweise an David Byrne (Talking Heads) oder Will Oldham alias Bonnie "Prince" Billy erinnert. Adrian Orange und sein Gefolge spielen so einen abenteuerlichen Bastard einer Volksmusik ohne dazugehöriges Land - wie man es etwa von Beirut kennt.

Diese seltsame, wahlweise nach Beerdigung und/oder Alkoholvergiftung in New Orleans klingende, also lässig funky groovende Musik, wird dann und wann Richtung Dub gedeutet, doch für das typische Kiffergenuschel ist Orange zu zappelig. Seine Stimme tremoliert zwar erregt, aber sie nervt nicht. Hier gelingt es bloß jemandem, in seiner eigenen Kunst bis hin zur Ekstase aufzugehen. Dabei hilfreich ist ein immer wieder einsetzender, vielköpfiger Chor, der dieser bei aller Hingabe doch kontrolliert hochgehenden Leidenschaft eine beseelte, ja, fast ist man geneigt zu sagen, himmlische Prächtigkeit verleiht.

Ja, prächtig ist diese Musik und schmutzig und verschwitzt und voller Liebe und Wahnsinn.

Man freut sich, dass sich das jemand zusammenfantasieren konnte - und dass diese fiebrige Vision dermaßen großartig aufgeht. Und zwar in all seiner sympathischen Unvollkommenheit. Aufgenommen wurde dieser Rohdiamant in Seattle, in einem Studio mit dem schönen Namen "Dub Narcotic Studio". Gut möglich, dass den dort an diesem Werk Beteiligten immer noch die Kinnlade nach unten hängt. Was für ein Album! (Karl Fluch, RONDO/DER STANDARD/Printausgabe, 21.09.2007)

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    promotionfoto: klein records / trost
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Adrian Orange & Her Band (K-Rec./Trost)
    cover: klein records / trost

    Adrian Orange & Her Band (K-Rec./Trost)

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