"Näher geht's nicht"

20. September 2007, 16:20
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Vierzig Jahre "musikprotokoll": Der Intendant des Festivals Christian Scheib im STANDARD-Interview über Traditionen, zeitgenössisches Musikschaffen und Publikumsbewegungen

STANDARD: Das heurige Motto lautet, angelehnt an der steirischen herbst: "nahe genug - Die Musik und das Unmittelbare. Vom Nähen und Kochen, vom Liegen und Lieben, vom Radio- und vom Musikhören." Wird das musikprotokoll jetzt häuslich und gemütlich, mit einer Spur Selbstironie?

Scheib: Wir machen das alles wirklich, es wird also genäht, gekocht, gelegen und vielleicht ja auch geliebt. Das hat sicherlich einen Hauch Biedermeierlichkeit - zugleich, wenn die Nähe zu groß wird, aber auch einen sehr bedrohlichen Aspekt. Daneben gibt es zudem noch eine strukturelle, den Produktionsprozess selbst thematisierende Interpretation von "nahe genug". Neue Musik entsteht normalerweise ja durch eine Kette verschiedenster Instanzen, die von Komponisten über Verlage bis zum Interpreten reichen. Diese Mittelbarkeit wollten wir durch eine Unmittelbarkeit ersetzen, also durch Leute, die alle diese Instanzen nicht haben oder brauchen. Im strukturellen Sinn bedeutet dies: Näher geht's nicht.

STANDARD: 1997, beim 30-jährigen Jubiläum, wurde die "Tradition des permanenten Aufbruchs und Risikos" hervorgehoben. Gilt das heute noch?

Scheib: Die Schritte, die das musikprotokoll in den letzten Jahren gegangen ist, setzen einerseits die Tradition von Uraufführungen für Ensembles oder Orchester fort, wir versuchen zugleich aber auch - heuer mit der Hilfe von Susanna Niedermayr als Co-Kuratorin - dorthin aufzubrechen, wo wir noch nie waren. Heuer, da wir das Thema Nähe aufgreifen, integrieren wir etwa mit den "AlphaLiegen" des Wiener Künstlers und Wahrnehmungsforschers "sha" Wahrnehmungen, die mit einer ganz anderen Art von akustischer Vorstellung arbeiten. Ich verfolge seine Arbeiten schon seit Jahren, und heuer passt sein Konzept auch gut in unser Thema.

STANDARD: Ist die Rezeption ein wesentlicher Bestandteil des Konzepts, anders als etwa eine Partitur, die primär von der Produktionsseite ausgeht?

Scheib: Ich denke hier nur von der Rezeptionsseite. Musik passiert nur dort, wo sie rezipiert wird. Zuvor ist sie eine Idee oder eine Absicht.

STANDARD: Wie sieht es hier dann mit dem Werkbegriff aus?

Scheib: Ein Werk ist ohne Rezeption ein Werk, aber eben nicht Musik. Wenn man die musikprotokolle der letzten Jahre betrachtet, sieht man schon an der Tatsache, dass sehr viele Projekte ohne Werk darunter waren, wie wichtig mir die Rezeption ist. Ich bin Konstruktivist: Wirklichkeit entsteht dort, wo sie wahrgenommen wird. Ein Werk ist für mich nur dann interessant, wenn ich über die Rezeption nachdenke. In Bezug auf die Kunst, aber auch in Hinsicht auf die sich ständig verändernden Schnittstellen von Gesellschaft und Kunst finde ich die Reflexion über die Rezeption sehr wichtig.

STANDARD: Die Palette der musikalischen Mittel hat sich in der Zeit Ihrer Intendanz stark erweitert. Es gibt Konzerte, Performances, szenische Projekte, Installationen, Improvisation, Konzeptkunst etc. Besteht hier nicht die Gefahr, auf zu vielen Hochzeiten zu tanzen?

Scheib: Gott sei Dank besteht diese Gefahr! Nichts wäre langweiliger, als zu versuchen, ohne sie auszukommen. Diese Vielfalt hat fast schon einen ideologischen Hintergrund. Es gibt so viele Festivals, die in ihrem Selbstverständnis nichts anderes sind als eine Art Servicebetrieb für eine bestimmt Art von Community. Ich wollte aber immer, dass das musikprotokoll - auch unter der Gefahr der Überforderung - so funktioniert, dass die Leute, die ein Streichquartett hören, sich auch in einem ganz anderen ästhetisch-gesellschaftlichen Kontext wiederfinden.

STANDARD: Ist es gelungen, dem Publikum die Ohren zu öffnen?

Scheib: In den ersten Jahren gab es hier noch große Widerstände, etwa weil das Publikum, das 1997 im Grazer Kongress Ensemblemusik hörte, sich kaum mit jenem im Teatro, wo mit elektronischen Soundfiles gearbeitet wurde, mischte. In den letzten Jahren hat sich das aber geändert, es hat sich eine Art Schnittmenge aus neugierigen und offenen Ohren gebildet. Es war auch ein Lernprozess, zum Beispiel dahingehend, in welchen Räumen man arbeitet, um etwa soziale Klischees zu vermeiden.

STANDARD: Gibt es seit 1995 einen roten Faden, eine Art Entwicklung?

Scheib: Ein Festival so lange zu kuratieren hat Vor- und Nachteile. Das musikprotokoll versucht seine ästhetische Offenheit zu bewahren und mit dem Wort Experiment in einer möglichst offenen Form umzugehen. Für traditionelle Formen ist dies sicherlich schwerer. Denn so offen meine ästhetischen Überzeugungen auch sind, so sind sie eben doch Überzeugungen, die mit sich bringen, dass manches eben nicht stattfindet.

STANDARD: Tabus?

Scheib: Ich muss hier trennen. Es macht einen großen Unterschied, welche Musik mich persönlich beeindruckt und welche Strömung ich grundsätzlich für interessant halte. In meiner täglichen Zeitton-Reihe auf Ö1 soll jede wie auch immer sich ereignende stilistische Tendenz reflektiert und gespielt werden. Anders verhält es sich bei einem dreitägigen Festival, das wiederum Teil eines Festivals ist, das sich der Tradition des Experimentierens und des Neuen verpflichtet fühlt. Hier macht es keinen Sinn, Musik zu spielen, deren Wert darin liegt, dass man mit längst etablierten Formen mehr oder weniger virtuos umgeht.

STANDARD: Neue Musik ist nach wie vor eine Randerscheinung im etablierten Konzertbetrieb. Wie kann sich das ändern?

Scheib: Hier muss ich widersprechen. Ich bin davon überzeugt, dass sich in den letzten fünfzig Jahren wohl noch nie so viele Menschen hörenderweise mit aktueller Musik beschäftigt haben wie heute. In praktisch jeder Stadt gibt es ständig Konzerte mit Neuer Musik, mit den unterschiedlichsten Ansätzen. Ich bin Produzent einer Radioreihe, die täglich eine Stunde Neue Musik sendet. Laut Radiotest haben wir dabei jedes Mal 15.000 bis 20.000 Zuhörer. Ich möchte wissen, ob der österreichische Fußball so viele Zuschauer hat. Wir müssen vorsichtig sein, in unserem Denken über die angebliche Isoliertheit der Neuen Musik nicht jene Klischees fortzusetzen, die wir aus früheren Jahrzehnten geerbt haben. (Interview: Robert Spoula / SPEZIAL / DER STANDARD, Printausgabe, 20.09.2007)

Zur Person
Christian Scheib
ist Redakteur für Neue Musik bei Ö1 und seit 1995 Programmdirektor des musikprotokolls im steirischen herbst.
  • Christian Scheib, Chef des musikprotokolls beim steirischen herbst, will keinen Servicebetrieb für bestimmte Communitys, sondern soziale Klischees vermeiden.
    foto: standard/ andy urban

    Christian Scheib, Chef des musikprotokolls beim steirischen herbst, will keinen Servicebetrieb für bestimmte Communitys, sondern soziale Klischees vermeiden.

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