Heilsame Helligkeit

28. September 2007, 18:07
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Herbst und Winter können Depressionen auslösen, Forscher der Med-Uni Wien kamen der Ursache auf die Spur - die gute Nachricht: Lichttherapie hilft

Wien - Bald ist es wieder so weit: Das Wetter kippt ins Trübe, die Tage werden noch kürzer, Himmel und Landschaft hüllen sich immer öfter in tristes Grau. Besonders unangenehm ist der Übergang in die dunklere Jahreshälfte für Menschen mit saisonabhängigen Depressionen - kurz SAD.

Diese auch als Herbst-Winter-Depression bekannte Krankheit lähmt Antriebskraft und Lebensfreude. Nach vorsichtigen Schätzungen leiden in unseren Breiten mindestens ein bis zwei Prozent der Bevölkerung unter der schweren Form von SAD, rund ein Achtel zeigt "subsyndromale" Symptome.

Offensichtlich löst knappes Tageslicht das seelische Winterleiden aus. "In Nordskandinavien ist die Krankheitshäufigkeit viel höher", sagt der Psychiater Matthäus Willeit von der Medizinischen Universität Wien im Gespräch mit dem STANDARD. Aber warum spielt das Licht diese wichtige Rolle? Dieses Rätsel versuchen Willeit und Co zu lösen.

Schlüsselsubstanz bei der Entstehung vieler depressiven Erkrankungen ist nach bisherigen Erkenntnissen der Botenstoff Serotonin. Er dient an den Synapsen, also den Schaltstellen zwischen Nervenzellen, als Signalüberträger. Depressive Verstimmungen gehen oft mit Serotonin-Mangel einher. Ein solches Defizit beobachten Mediziner auch bei SAD-Patienten.

Um die Feinheiten der Serotonin-Steuerung tiefer zu ergründen, untersuchten die Wiener Forscher die Aktivität des Transportproteins 5-HTT, das die Verfügbarkeit von Serotonin in den Synapsen, und zwar sowohl im Blut von winterdepressiven Personen wie auch Probanden ohne Symptome, reguliert. Willeit und Koautoren fanden dabei heraus, dass bei SAD-Betroffenen eine "Hyperfunktionalität" des Proteins vorliegt, wie sie gestern in der Fachzeitschrift "Neuropsychopharmacology" berichteten. Es transportiert das Serotonin zu schnell aus dessen Einsatzbereich in den Synapsen heraus und verursacht so den besagten Mangel.

10.000-Lux-Lampe

Nach der ersten Probeserie behandelten die Experten die Testpersonen vier Wochen lang mittels Lichttherapie, konkret: 45 Minuten im Licht einer speziellen 10.000-Lux-Lampe. Die Auswirkungen waren verblüffend: Bei etwa zwei Dritteln der Depressiven zeigte das Protein 5-HTT eine deutlich reduzierte Tätigkeit. Das Wohlbefinden dieser Patienten besserte sich, ungefähr die Hälfte von ihnen wurde sogar symptomfrei.

Die Wiener Studie ist nicht nur ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Entschlüsselung des Serotonin-Haushalts, sondern zugleich ein beeindruckender Beleg für die Wirksamkeit der Lichttherapie, die in Österreich leider noch immer nicht von den Krankenkassen übernommen wird. In Willeits Abteilung behandelt man jährlich 100 bis 150 Patienten mit kostenlosen Leihgeräten. Nachsatz des Psychiaters: "Wir können damit jedoch bei Weitem nicht den Bedarf decken." (Kurt de Swaaf/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 20. 9. 2007)

  • Wiener Forscher brachten Licht in den Serotonin-Haushalt und konnten so erklären, wie helles Licht bei Winterdepression hilft.
    foto: androv-medical

    Wiener Forscher brachten Licht in den Serotonin-Haushalt und konnten so erklären, wie helles Licht bei Winterdepression hilft.

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