Sporteln auf Krankenschein

12. Oktober 2007, 16:59
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Einzigartiges Wiener Projekt gegen "Schreibtisch-Leichen" - Frauen in Rudolfsheim-Fünfhaus sterben durchschnittlich um 2,5 Jahre früher als im "Nobelbezirk" Döbling

Mit einer in Österreich bisher einzigartigen Aktion will die Wiener Gebietskrankenkasse bewegungsfaulen Couch-Potatoes und "Schreibtischleichen" zuleibe rücken. In zwei "Risikobezirken" übernimmt die Kasse für ein Jahr die Kosten für Sportkurse - Von Karin Krichmayr

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Wien – "Ein bissl mehr Bewegung könnte nicht schaden." Diesen Satz bekommen Patienten beim Arztbesuch wohl öfter zu hören, als ihnen lieb ist. Bei 30 Wiener Ärzten ist künftig mit diesem Hinweis das Gespräch noch nicht zu Ende: Jene Ärzte, die an dem Pilotversuch in den Bezirken Favoriten und Rudolfsheim-Fünfhaus teilnehmen, werden ihren Patienten gleich einen konkreten Vorschlag machen, wie sie sich körperlich betätigen können – auf Krankenschein.

1000 verschiedene Sportkurse

1000 verschiedene Sportkurse in ganz Wien werden bei dem in Österreich bisher einzigartigen Projekt "Bewegt gesund" angeboten, um Zivilisationskrankheiten wie Übergewicht, Diabetes und erhöhten Blutdruck vorzubeugen. Die Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK) zahlt allen Versicherten ab 18 Jahren, die zu einer Vorsorgeuntersuchung in Favoriten oder Rudolfsheim-Fünfhaus gehen und Risikofaktoren aufweisen, einen Bewegungskurs. Maximal 35 Euro pro Semester werden zugeschossen – was laut WGKK "in den allermeisten Fällen kostendeckend" ist.

Niedrigere Lebenserwartung in "Risikobezirken"

Die Wahl der traditionellen Arbeiterbezirke, in denen das Projekt startet, kommt nicht von ungefähr: Der 10. und der 15. Bezirk zählen für die Krankenkasse zu den "Risikobezirken". Ein hoher Anteil an Migranten, geringere Bildung und niedrige Einkommen sind auch verantwortlich für eine niedrigere Lebenserwartung. Laut WGKK-Obmann Franz Bittner sterben Frauen in Rudolfsheim-Fünfhaus um 2,5 Jahre früher als in "Nobelbezirken" wie Hietzing oder in Döbling. "Es werden Kurse empfohlen, die auch für Leute geeignet sind, die jahrelang Couch-Potatoes und Schreibtischleichen waren", erläutert WGKK-Sprecherin Gabriele Pflug gleich vorweg. Wassergymnastik, Pilates, Yoga und asiatische Kampfsportarten sind wenig schweißtreibend und gelenkschonend – und somit auch für bewegungsentwöhnte Menschen vertretbar.

Pilotprojekt für ein Jahr

Bis zu zwei Semester lang kann die Bewegung auf Krankenschein in Anspruch genommen werden, nach einem Jahr wird das Pilotprojekt, das noch in diesem Monat starten wird, evaluiert. Die Teilnehmer werden zu einer Kontrolluntersuchung eingeladen, wobei die Krankenkasse auf Verbesserungen nicht nur bei den Laborwerten, sondern auch in der Einstellung und bei den Lebensgewohnheiten hofft. "Viele müssen Bewegung erst wieder lernen", sagt Pflug. Deswegen sind die Trainer angehalten, darauf zu achten, dass die Teilnehmer nicht nach dem ersten Schwitzen wieder aufgeben. Die WGKK hofft, rund 200 Menschen pro Semester zu erreichen.

Anstieg von Zuckerkranken

Mit der Aktion soll dem "metabolischen Syndrom" zu Leibe gerückt werden, welches auf Übergewicht und Bewegungsmangel zurückzuführen ist, sich durch erhöhte Blutdruck und -fettwerte bemerkbar macht und Hauptursache für Diabetes ist. Geschätzte 400.000 Österreicher sind zuckerkrank, wobei laut Diabetesbericht ein drastischer Anstieg von Neuerkrankungen in der Gruppe der 35-44-Jährigen zu verzeichnen ist. Im Jahr 2006 gab es allein in Wien 700.000 Verordnungen von Antidiabetika – was die WGKK 16 Millionen Euro kostete. (DER STANDARD Printausgabe 20.9.2007)

  • Wassergymnastik ist nur eines von vielen Sport-angeboten, das die Krankenkasse  mit bis zu 35 Euro finanziert. Schwitzen ist da jedenfalls keine Ausrede.
    foto: standard

    Wassergymnastik ist nur eines von vielen Sport-angeboten, das die Krankenkasse mit bis zu 35 Euro finanziert. Schwitzen ist da jedenfalls keine Ausrede.

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