"Richard Wagner ist ein Stofftier"

27. September 2007, 19:25
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Zwei Ausstellungen sind – Sammlung Essl und Galerie Krinzinger – ab Donnerstag dem deutschen Künstler Jonathan Meese gewidmet – Im STANDARD-Interview

Standard: Der Begriff "Demut" spielt in Ihrem jüngsten Schaffen eine große Rolle – auch in "Fräulein Atlantis", der Ausstellung, die Sie gerade für die Sammlung Essl in Klosterneuburg kompiliert haben. Wie würden Sie Demut definieren?

Jonathan Meese: Dinge passieren lassen. Liebe. Respekt. Transparenz. Revolution. Diktatur. Tierbabys. Mutter, Mädchen, Milch. Kekse. Wahnsinn. Locker sein, gute Laune haben. Spaß, Spiel, Freude, Frohlocken. Nebenbei machen ...

Standard: Und was hieße vor dem Hintergrund dieser Antwort der Begriff "Assoziation"?

Meese: Man könnte "Assoziation" sagen. Man könnte aber auch "Stoffwechsel" sagen, "Blutrauschen" oder "Atmen".

Standard: ... Vorgänge, auf die man keinen Einfluss hat.

Meese: Aber ohne Alternative. Zur Atmung hat man keine Alternative. Also muss man weiter atmen.

Standard: Wie verhält sich dazu ein Kunstsammler wie Karlheinz Essl?

Meese: Der soll mitspielen im Spiel der Diktatur der Kunst. Ihm wird befohlen, demütig zu sein und von sich abzusehen. Das ist der Befehl: Spiele ohne Ritual, ohne Nostalgie!

Standard: Sind Sammler ohne Nostalgie denkbar? Sammler wollen ja etwas bewahren.

Meese: Man spielt im Sandkasten der Kunst mit irgendwelchen Sachen rum. Man lässt die liegen oder schmeißt die von sich. Und dann kommt der Sammler und nimmt das, was da rumliegt, mit. Im Grunde beachtet man den, wie er da am Rand der Sandkiste steht, gar nicht. So eine Bronzeskulptur von mir, die passiert einfach, die stellt sich beim Spielen selbst her. Dann platziert man die irgendwo, und, schwupp, da kommt einer und nimmt sie. Das kann ein Sammler sein, eine Mutter, ein Freund. Es kann auch die Natur sein, die einfach zugreift. Viele Skulpturen wurden vom Wüstensand mitgenommen.

Standard: Bezieht sich Demut dann auch auf Kunst, die vor einem schon gemacht wurde?

Meese: Demut ist allumfassend. Wie Kuscheln mit einem Stofftier, und dann streicheln, schlafen ... Richard Wagner ist so ein Stofftier. Der hat so viel geweint für uns in seinem Leben. Da können wir ihn doch mal ganz fest drücken.

Standard: Was wären denn weitere Stofftiere für Sie?

Meese: Nietzsche, meine Mutter, Scarlett Johansson, bitte so oft es geht!, John Galliano. Weil die auch so viel geweint haben für uns, vielleicht weil sie zu wenig gedrückt wurden in der Realität, oder zu viel. Und in der Kunst kann man die immer drücken.

Standard: Sie haben da etwa Fotos mit Klaus Kinski ...

Meese: Da nimmt man Kinski einfach mit, wie Reisegepäck, wie Kekse, etwas völlig Normales. Kinski ist ja nichts Spezielles, der ist normal. Normal demütig sein ganzes Leben lang. Deshalb hat er auch 1365 Herzinfarkte gehabt.

Standard: Was soll jetzt so ein Satz? Ist Ihnen der gerade eingefallen?

Meese: Nein. Gut, vielleicht hatte Kinski auch nur 76 Herzinfarkte, aber es ist bekannt, dass er permanent einen Stromschlag ausgefasst hat, weil sein Herz so heftig gepumpt hat. Durch Demut und Hingabe. Wobei man Demut nicht mit Devotion und Unterwürfigkeit verwechseln sollte. Politische Systeme zerbröseln. Links oder rechts – das ist alles dasselbe. Wir haben Könige gehabt, wir haben Führer gehabt, Philosophen haben wir gehabt, und jetzt ist eben das dran, was noch nicht da war, und das ist die Kunst – die einzige Machtform, die wirklich spannend sein könnte.

Standard: Da käme eine Sache an die Macht, die frei ist ...

Meese: ... von Emotion. Kunst ist emotionslos. Die interessiert sich nicht für mich. Wie ein Vulkanausbruch. Wenn ich zu nah am Kraterrand stehe, habe ich die Konsequenzen zu tragen. Aber ansonsten tut der Vulkan mir nichts. Der ist nicht gut und nicht böse zu mir. Das sehe ich als Chance: Endlich von etwas regiert werden, das uns nicht meint.

Standard: Welche Rolle spielt in diesem Ihrem Kosmos Kritik?

Meese: Für die Kunst grundsätzlich überhaupt keine. Für Menschen mag sie von Interesse sein, aber einer Bronzeskulptur ist es egal, wie ich zu ihr stehe. Ob ich ein Kind bin, ein Tier, ein Stuhl, ob ich sie gut finde oder schlecht – das interessiert die nicht.

Standard: Aber Sie interessiert, dass Sie sie gemacht haben?

Meese: Wenn ich sie einmal gemacht habe, ist mir das nachher fast egal. Das soll hinaus in die Welt, soll die Propaganda entfalten für die Macht der Kunst, jemand soll das in Obhut nehmen. Dann hat es nichts mehr mit mir zu tun. Der Kunst ist egal, ob ich talentiert bin, groß bin, etwas gelernt habe oder nicht. In der Kunst kann ich durch den Mount Everest durch hinter die Sonne kriechen und mich hinterher auch noch abknallen, und es passiert nichts, außer dass es erlebt wird.

Am Anfang habe ich ja noch gedacht, dass man Kunst lernen kann. Irgendwann hab ich’s aber aufgegeben. Prüfungen zum Beispiel: Warum soll ich mir sagen lassen, dass Bilder, die ich eigentlich ganz geil finde, jetzt bessere oder schlechtere Noten bekommen und ob etwas geht oder nicht? Ich sehe ja, dass es geht.

Standard: Und Sie dienen also der Kunst?

Meese: Ich mache Arbeit, die keine Arbeit macht. Ich diene keinem Menschen, sondern einer Sache, und wenn diese Sache irgendwann einmal regieren würde, dann wären alle Probleme gelöst. Dann würde man instinktiv, wie Tierbabys, genau die Dinge tun, die man tun muss. Davon haben wir uns lange Zeit verabschiedet, weil es ja nur mehr um Individualität geht, um Geschmack. Ich hab lange Haare, du hast kurze, deshalb bist du besser – so wird argumentiert. Das wird hochgerechnet zu Religionen, zu politischen Systemen, und meistens geht es nur um Geschmack. Nabelbeschau und Selbstverwirklichung: um jeden Preis!

Standard: Und um Marktwert? Man muss viel bezahlen, um ein Bild von Ihnen in Obhut nehmen zu können. Viele Menschen können das nicht.

Meese: Müssen sie auch nicht. Kunst muss noch viel, viel teurer werden, bis zum Overkill, damit sich das ad absurdum führt und Demut die neue Währung wird. Im Wirtschaftssystem der Zukunft wird mit Demut und Instinkten gehandelt. Ich werde Milch bekommen, indem ich lächle. Eine bestimmte Handbewegung bedeutet: Auto. Nasenbewegungen: Haus.

Standard: Aber wer soll bei solchen Gedankenspielen mitspielen? Wohl nur eine Elite.

Meese: Es wird keine Alternative geben. Wir erleben gerade die letzten Zuckungen des "eigenen Maßstabs". Wenn wir wieder rituallos losspielen: Spielen kann jeder.

Standard: "Rituallos" spielen: Geht das überhaupt?

Meese: Wenn wir den Dalai Lama anbeten: nein. Der bietet Rituale an. Da geht es wieder um Geschmack und "innere Werte" Dabei gibt es gar nichts Inneres mehr. Das haben wir längst abgegeben.

Standard: An wen?

Meese: Weiß ich nicht.

Standard: Was ist so verwerflich an Ritualen?

Meese: Ein Ritual, das ist Versteinerung. Tierbabys haben keine Rituale. Die schnüffeln einfach rum.

(Markus Mittringer und Claus Philipp, DER STANDARD/Printausgabe, 20.09.2007)

>>>Maler, Bildhauer, Berserker

Maler, Bildhauer, Berserker

"Fräulein Atlantis" nennt Jonathan Meese seine Soloshow in der Sammlung Essl. Warum, erklärt er folgendermaßen: "Fräulein Atlantis ist eine Raketenabschlussplattform der Totalkunst. Diese Rakete wird mit dem Erzöl ,Demut' betrieben, und der Boden der Zukunft wird rattenscharf klargemacht."

Gezeigt werden Werke aus der Sammlung - das Essl Museum besitzt mit rund 40 Arbeiten die zurzeit größte Privatsammlung von Arbeiten des 1970 in Tokio geborenen deutschen Künstlers von Weltruf -, inszeniert in einer Kulisse aus Bühnenbildern, Leinwänden und Skulpturen. Das Herzstück bildet eine Maschine, die Klangströme von Karlheinz Essl jr., der Jonathan Meeses Stimme als Material nutzt, nach oben leitet. Jonathan Meese hat bei Franz Erhard Walther in Hamburg Kunst studiert. Er lebt und arbeitet in Berlin. Parallel zeigt die Galerie Krinzinger Jonathan Meeses Interpretation von "Don't call us, we call you." (mm, DER STANDARD/Printausgabe, 20.09.2007)

  • "Ich lerne Macht": Jonathan Meese in der Sammlung Essl in Klosterneuburg. "Kunst, das ist die einzige Machtform, die wirklich spannend sein könnte."
    foto: christian fischer

    "Ich lerne Macht": Jonathan Meese in der Sammlung Essl in Klosterneuburg. "Kunst, das ist die einzige Machtform, die wirklich spannend sein könnte."

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