Van der Bellen: "Ich brauche keinen Voggenhuber"

27. Februar 2008, 21:26
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Parteichef Van der Bellen kontert der parteiinternen Kritik an Gleichschaltung, Mutlosigkeit und rigidem Führungsstil

STANDARD: Manche Grüne vergleichen die eigene Partei bereits mit dem kriselnden Fußballnationalteam. Sind Sie der Pepi Hickersberger der Politik?

Van der Bellen:Der Situation des Nationalteams gilt mein Mitgefühl. Es ist nicht lustig, wenn du Misserfolge akkumulierst und nicht recht weißt, wie du weitermachen sollst. Aber wo soll da die Parallele zu den Grünen sein?

STANDARD: Auch Ihr Team gilt momentan als lahm. Der EU-Mandatar Johannes Voggenhuber kritisiert, es fehle Feuer.

Van der Bellen: Ich brauche keinen Voggenhuber, um zu erkennen, dass mir in diesem Jahr auch manchmal unbehaglich geworden ist. Und ich brauche auch keinen Voggenhuber, um eine Diskussion darüber einzuleiten, woran das liegt. Das habe ich bei der Klubklausur getan. Wenn Voggenhuber das nicht mitkriegt, soll er hin und wieder zu einer Sitzung kommen.

STANDARD: Im Fußball wird über einen Rücktritt des Teamchefs spekuliert. Und bei den Grünen?

Van der Bellen: Sarkastisch gesagt: Natürlich sind meine Tage gezählt. Alle meine Tage zähle ich. Unser Leben ist endlich, auch das berufliche.

STANDARD: Und was soll nun passieren?

Van der Bellen: Wir brauchen eine Phase der kritischen Selbstreflexion. So einfach ist es aber nicht, täglich interessant zu sein. Rede ich mir den Mund über Klimaschutz fusselig, murren Sie: ,Mein Gott, das kennen wir alles.‘

STANDARD: Vielleicht, weil die Grünen manchmal gleichgeschaltet wirken?

Van der Bellen: Kommt darauf an, woran man diese Kritik festmacht. Die Geschichte mit der angeblichen Sprachregelung per SMS ist lächerlich.

STANDARD: Verschiedene Grüne beten aber zu einem Thema mitunter die haargenau gleichen Sätze herunter.

Van der Bellen: Niemand ist verpflichtet, sich an die Worte zu halten, die wir als Infos aussenden. Wichtiger ist der Vorwurf, die Grünen seien übermäßig darauf bedacht, keine Fehler zu begehen. Wenn wir diese Strategie ändern sollen, brauchen wir einen toleranteren Umgang mit Fehlern. Darüber werde ich mit meinen Kollegen energisch reden.

STANDARD: Schreien jene, die heute die Mutlosigkeit anprangern, auch als Erste bei Fehlern auf?

Van der Bellen: Ich habe da ein traumatisches Erlebnis. In einem unkonzentrierten Augenblick habe ich auf eine Was-wäre-wenn-Frage zu Eurofighter und Studiengebühren einmal gesagt, bei Koalitionsgesprächen sei im Prinzip alles verhandelbar. Eine triviale Aussage. Aber dann habe ich mich vor jeder einzelnen Landesorganisation rechtfertigen müssen. Die haben sich einmal geärgert, ich neunmal.

STANDARD: Eine andere Kritik lautet: Die Führungsspitze agiere abgehoben, in einem geheimen Machtzirkel.

Van der Bellen: Wenn Johannes Voggenhuber die Führungsspitze einen „Hofstaat“ nennt, dann bezeichnet er deren Mitglieder als Hofschranzen. Das betrachte ich als bewusste Kränkung – oder als Ausdruck völliger Ahnungslosigkeit. Über den Unterschied zwischen Unterstellung und Gesprächskultur haben manche Grüne wirklich eine Diskussion nötig. Es gibt eine Unkultur, sachliche Kritik mit persönlichen Kränkungen zu verbinden. Der grüne Klub ist ein mittleres Unternehmen mit 80 Köpfen, das eine Struktur braucht und Leute, die – verdammt noch mal! – auch leiten müssen.

STANDARD: Der Innsbrucker Gemeinderat Gebi Mair erklärte, Nachwuchsgrüne würden aus Ängstlichkeit blockiert.

Van der Bellen: Gleich werde ich bleich, aber nicht vor Angst.

STANDARD: Sie versprachen bei der grünen Klubklausur, angriffiger zu werden. Wo wollen Sie denn losschlagen?

Van der Bellen: Ob es Ihnen passt oder nicht: Wir werden am Klimaschutz draufbleiben. Österreich ist da Schlusslicht, die Regierungsspitze kapiert nichts. Das zweite Thema ist Integration ...

STANDARD: Apropos: Sollen in Österreich mehr Moscheen gebaut werden?

Van der Bellen: Na sicherlich. Seit über hundert Jahren gibt es in Österreich die verbriefte Freiheit, sich zum muslimischen Glauben zu bekennen. Wieso sollte man jetzt keine Gebetshäuser bauen dürfen? Das ist doch absurd. Und natürlich soll eine Moschee auch ein Minarett haben. Die einzige Frage, die wegen des Anrainerschutzes Beachtung verdient: Ob der Gebetsruf via Lautsprecher erfolgt oder nicht.

STANDARD: Hat die ÖVP, die eine Wertedebatte lostreten will, damit nicht insofern recht, dass tradierte Wertvorstellungen die Integration oft behindern?

Van der Bellen: Durchaus. Aber ich bin nicht bereit, für so eine Diskussion die Kultur eines Hannes Missethon (Generalsekretär der ÖVP) als Ausgangsbasis zu nehmen.

STANDARD: Stichwort Schwimmunterricht: Manchmal werden muslimische Mädchen von den Eltern aus der Schule genommen, wenn sie mit Buben schwimmen gehen sollen.

Van der Bellen: Aus meiner Sicht spricht nichts dagegen, wenn Buben und Mädchen getrennt schwimmen. Aber die Mädchen müssen einen Schwimmunterricht erhalten. In den meisten Großstädten gibt es dementsprechende Arrangements.

STANDARD: Aber öffnet man damit nicht der Ungleichbehandlung die Tür?

Van der Bellen: Der wunde Punkt bei der Integration ist sicher die Frage der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Meine Frau hat als Volksschullehrerin Klassen mit 90 Prozent Zuwandererkindern unterrichtet. Einmal hat sich ein Sechsjähriger, sonst ein sehr liebes Kind, vor ihr wie ein Ballon aufgeblasen: „Du Frau! Ich Türkisch-Mann! Du mich nix ausschimpfen!“ Das Problem: Eine Lehrerin hat nur vier Jahre Zeit, gegenzusteuern. Deswegen treten die Grünen für einen verpflichtenden Kindergarten ab drei Jahren ein. Denn dort würden die Buben lernen, dass auch sie aufräumen müssen.

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Zur Person
Alexander Van der Bellen (63) ist seit 1997 Bundessprecher der Grünen und seit 1999 auch ihr Klubobmann im Parlament. Vor Kurzem kündigte er an, 2010 wieder als Spitzenkandidat bei der Nationalratswahl antreten zu wollen. (von Gerald John und Nina Weißensteiner/DER STANDARD, Printausgabe, 20.9.2007)

  • Alexander Van der Bellen kontert seinen Kritikern
    foto: standard/cremer

    Alexander Van der Bellen kontert seinen Kritikern

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