Innovationen abseits von Patenten

18. September 2007, 21:28
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Bei Verteilung öffentlicher Innovationsfördermittel hat noch immer die Sachgüterproduktion die Nase vorn - mit Grafik

Im Dienstleistungssektor werden zwar zwei Drittel der Wertschöpfung in Österreich erwirtschaftet, in der Verteilung öffentlicher Innovationsfördermittel schlägt sich dieser Anstieg aber (noch) nicht nieder. Dort hat noch immer die Sachgüterproduktion die Nase vorn.

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Am weitesten vorn ist der Softwaresektor. Unternehmen dieser Branche haben eine deutlich höhere Wahrscheinlichkeit, innovativ zu sein, weisen eine höhere Kooperationsneigung auf als Unternehmen anderer Wirtschaftssektoren und haben obendrein gute Chancen, auf Fördergelder.

In Österreichs Technologie- und Förderpolitik hat sich diese Erkenntnis, die seit rund zwei Wochen auch in einer von Joanneum-Research erstellten Studie nachlesbar ist, noch nicht wirklich herumgesprochen. Dort regiert, was die Vergabe der Fördermillionen betrifft, noch immer der an der klassischen Innovationsbranche Sachgüterindustrie orientierte Verteilungsschlüssel. Natürlich liegt das auch an einer Interdependenz zwischen Sachgütererzeugung und Dienstleistung: Wo es keine Industrie gibt, kann sich auch keine blühende Dienstleistungslandschaft entwickeln.

Außerdem bringt knapp ein Fünftel aller Unternehmen, deren Hauptaktivitäten in der Sachgütererzeugung liegen, auch Dienstleistungsinnovationen hervor. Gleichzeitig bringt rund ein Fünftel aller Dienstleistungsunternehmen auch Produktinnovationen auf den Markt.

Dass Unternehmen der Sachgütererzeugung häufiger Innovationsaktivitäten durchführen, als Dienstleistungsunternehmen, evident: 58 Prozent der Produktionsbetriebe sind innovationsaktiv, wie der sperrige Fachterminus heißt, während es nur 48 Prozent der Dienstleistungsbetriebe sind.

Nicht nur Patente

Der deutlichste Unterschied zwischen den beiden Sektoren besteht laut den Studienautoren Andreas Schibany, Martin Berger, Gerhard Streicher und Helmut Gassler allerdings darin, "dass Dienstleistungsunternehmen häufiger Neuerungen in der Unternehmensorganisation durchführen (52 Prozent) als Industrieunternehmen", wo es nur 46 Prozent sind. Konkret geht es dabei um Wissenmanagement, Arbeitsorganisation oder kooperative Beziehungen zu anderen Unternehmen. In der Verteilung öffentlichen Förderungen schlägt sich diese Innovationskraft der Dienstleistungsbranche allerdings (noch) nicht nieder, denn 43 Prozent der Industriebetriebe profitieren von öffentlichen Innovationsförderungen, während es bei den Dienstleistern nur ein Viertel schafft.

Gemeinsam ist den Betrieben beider Sektoren nur, dass Mittelknappheit als wichtigstes Innovationshemmnis beklagt wird. Fairerweise anzumerken ist, dass das Ausbleiben von Innovation nicht immer negative Ursachen haben muss, es kann auch einfach daran liegen, dass es am Markt keinen Bedarf an entsprechenden Produkten gibt.

Mit dem Beitrag des Dienstleistungssektors zum Bruttoinlandsprodukt (BIP) korreliert die Verteilung der Fördergelder für Forschung und Entwicklung (F&E) übrigens ganz und gar nicht, schließlich der Tertiärsektor erwirtschaftet bereits zwei Drittel des BIP (68 Prozent der gesamten Wertschöpfung), was knapp unter dem Schnitt der EU-12 liegt. Bei marktmäßigen Dienstleistungen, also exklusive öffentliche Verwaltung, Gesundheits- und Erziehungswesen, bringt es Österreich immerhin auf 47 Prozent.

Von neun auf 15 Prozent gestiegen ist seit 1995 auch der Anteil der Dienstleistungen an den Unternehmensausgaben für F&E, während der kombinierte Anteil der Hightech-Industrien (Luft- und Raumfahrtindustrie bis Instrumentenbau) auf 39 Prozent leicht zurückgegangen ist. Zum Vergleich: In den USA fiel der kombinierte Anteil von 48 auf 40 Prozent zurück.

Innerhalb des Dienstleistungssektor entfielen 2004 auf die Wirtschaftszweige F&E (390 Mio. Euro) und unternehmensnahe Dienstleistungen (272 Mio. Euro) rund 70 Prozent der F&E-Ausgaben insgesamt. An dritter Stelle liegt mit 113 Mio. Euro bereits der Softwaresektor. "Die Dynamik dieses Sektors legt den Schluss nahe, dass die Technologie- und Förderpolitik diesem Sektor verstärkt Aufmerksamkeit zukommen lassen muss und eine zu starke Konzentration auf die Sachgüterproduktion nicht mehr zeitgemäß ist", bringt Andreas Schibany von Joanneum Research den Sukkus der Studie auf den Punkt. Und findet sich damit punktgenau in den von der OECD eingemahnten Reformen. Dazu gehört nicht nur ein neuer Geldverteilungsschlüssel, sondern insbesondere Deregulierung der Netzindustrien (Bahn, Post, Gas) und im Handel. Und: Unternehmensgründungen fördern, mehr Risikokapital bereitstellen. (Luise Ungerboeck/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)

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