Das Web als kollektives Gedächtnis

18. September 2007, 20:47
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Der Softwareexperte A Min Tjoa im STANDARD-Interview über nutzloses Wissen und Methoden zur Datenfindung

Informatik ist die Basis für den Alltag. So lautet das Credo des Datenmanagement- und Softwareexperten A Min Tjoa, Co-Veranstalter der heute beginnenden "Woche der Informatik". Peter Illetschko sprach mit ihm über nutzloses Wissen und Methoden zur Datenfindung.

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STANDARD: Wie viele Mails erhalten Sie täglich?

Tjoa: Dreißig bis vierzig werden es schon sein, die für meine Arbeit in irgendeiner Form relevant sein könnten. Ich gestehe aber: Ich lese nicht alle. Manche lege ich einfach nur ab - um sie zu haben, wenn ich sie brauche.

STANDARD: Sie nützen ihren Speicherplatz voll aus?

Tjoa: Das macht ja jeder. Mittlerweile weiß man ja, dass kaum noch jemand Dateien löscht. Das Löschen nimmt einfach zu viel Zeit in Anspruch.

STANDARD: Aber der Speicherplatz, den sie da belegen, fehlt vielleicht anderen.

Tjoa: Speicherplatz kostet heute nur mehr sehr wenig. Deshalb werden Speicher ständig erweitert. Und jeder Internet-User sammelt eine Unmenge an Datenmaterial im Laufe seines Lebens an. Insgesamt ein Terabyte soll es pro User sein. Die Archive werden immer größer. Der Nachteil: Wenn man nichts mehr löscht, ist irgendwann einmal jede Minute unseres Lebens im Netz nachvollziehbar. Das Web wird zum kollektiven Gedächtnis. Sie kennen vielleicht das Projekt "My Life Bits": Der IT-Wissenschafter Gordon Bell leitet es im Selbstversuch. Dabei geht es um die Frage, inwieweit ein Leben vollständig aufgezeichnet werden kann.

STANDARD: Und funktioniert das?

Tjoa: Er ist mit Kamera unterwegs, auf Fotos und Filmen wird über Global Positioning System festgehalten, wo und wann er die Aufnahmen machte. Um derartige Aufzeichnungen zu machen, muss man aber kein Großprojekt wie dieses umsetzen: In der Autoreparaturwerkstatt kann man mir heute ganz genau sagen, wie oft ich gestern Fehlzündungen hatte. Über das Handy können Sie Gespräche und bekanntlich auch Aufenthaltsorte nachvollziehen.Internet-Provider können protokollieren, auf welche Sites Sie gesurft haben. Zum Glück gibt es da eine rechtliche Basis, die dieses Überwachungsszenario weitgehend verhindert.

STANDARD: Nehmen wir einmal den positiven Fall, dass man andere am eigenen Wissen aktiv teilhaben lassen will. Welche Lösungen gibt es da?

Tjoa: Wir arbeiten an semantischen Lösungen. Wie schaffe ich den Kontext und die Indexierung für das Wiederfinden der Daten? Wir haben auch mit automatischen Klassifikationen gearbeitet, das heißt Dateien nach Erkennungsmerkmalen gruppiert, zum Beispiel Musik von Mozart. Am schwierigsten ist die Klassifikation bei Jazz, weil es da so viele unterschiedliche Stile gibt. Es gibt aber auch zahlreiche andere Methoden, um Inhalte leicht zu finden. Das Anwachsen der Datenmengen macht derartige Tools notwendig, um das für mich relevante Wissen vom für mich weniger wichtigen Wissen zu trennen.

STANDARD: Welche Parameter muss ich ansetzen, um zu wissen, was nutzlos ist? Wird nicht sehr viel nutzloses Wissen verbreitet?

Tjoa: Hans Magnus Enzensberger hat einmal gemeint, dass Erasmus von Rotterdam etwa 20 Bücher wirklich gut kannte. Eine durchschnittliche Friseurin heute hat sicher quantitativ mehr "Wissen". Vielleicht nicht über Details der Bibel, aber vieles über für uns banalere Inhalte, wie etwa das Shampoo von Madonna. Was wir sicher haben: ein weitaus reichhaltigeres Wissen als noch vor zwanzig Jahren. Das macht uns auch offen für fremde Kulturen. Wer wusste vor zwanzig Jahren schon, was Sushi ist?

STANDARD: Sie wollen aber jetzt nicht behaupten, dass die Informationstechnologien dazu beigetragen haben, dass wir heute ins japanische Restaurant gehen?

Tjoa: Natürlich nicht nur. Durch Informationstechnologie wurde aber der Wissenstransfer verstärkt. Viele Menschen glauben immer noch, dass Informatik studieren nur Programmieren oder Software entwickeln heißt. Kein Mensch, der das nicht will, sollte je Informatik studieren. Er sollte sich aber auch mit dem besprochenen Wissenstransfer beschäftigen.

STANDARD: Die Woche der Informatik, die ihr Kompetenzzentrum Secure Business Austria mitveranstaltet, soll ja genau dafür ein Bewusstsein schaffen, dass Informatik mehr sein kann als Programmieren. Ist das noch nötig?

Tjoa: Ja, das ist nötig, dafür gibt es hierzulande und auch anderswo in Europa viel zu wenig Bewusstsein. Es geht hier um die Schlüsseltechnologie des 21. Jahrhunderts, nicht nur um meinen PC zu Hause oder am Arbeitsplatz. Ohne Informatik gibt es keine Optimierung von Ampelschaltungen, keine Tageszeitung, keine Computertomografie. Auch an den Unis wird mehr gemacht als Programmieren. Es gibt Unternehmensprozesssteuerung, Bilderkennung oder künstliche Intelligenz innerhalb der Informatik. Daran denkt kaum jemand, wenn er vom Fach spricht. Wir müssen da offensiver informieren und nicht warten, ob sich jemand für Informatik interessiert, sondern die richtigen Studenten für den richtigen Zweig der Informatik heranholen. (DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)

Zur Person
A Min Tjoa (54) wurde in Surabaya in Indonesien geboren. 1966 flüchtete die Familie Tjoa nach Österreich, seither lebt er hier. Der Vorstand des Institutes für Softwaretechnik und Interaktive Systeme und des Institutes "Integriert Studieren" an der TU Wien war Mitinitiator des E-Commerce Competence Centers und ist Obmann des Kompetenzzentrums Secure Business Austria.

Zu seinen Schwerpunkten zählen Daten- und Wissensmanagement, Software Engineering, Semantic Web und Informationssysteme für Menschen mit besonderen Bedürfnissen. Seit 2006 ist er auch Co-Leiter des Arbeitskreises E-Governance. Tjoa ist verheiratet und hat vier Kinder. (pi)

  • Programmieren sei zwar die Basis der Informatik, das Studium habe aber wesentlich mehr zu bieten, sagt der TU-Wissenschafter A Min Tjoa.
    foto: der standard/fuchs

    Programmieren sei zwar die Basis der Informatik, das Studium habe aber wesentlich mehr zu bieten, sagt der TU-Wissenschafter A Min Tjoa.

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