Gott sei Dank - für die Evolution

18. September 2007, 20:28
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Vertreter der Evolu­tionstheorie und jene der Schöpfungslehren der Religion sind neuer­dings wieder bemüht, miteinander ins Gespräch zu kommen

Zwischen der Evolutionstheorie der Wissenschaft und den Schöpfungslehren der Religion vertieften sich in den vergangenen Jahren die Abgründe. Neuerdings sind Vertreter von hüben wie drüben aber wieder bemüht, miteinander ins Gespräch zu kommen und Brücken zu schlagen.

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"Die Debatte Wissenschaft versus Religion ist zu Ende!", Das behauptet zumindest Craig Mello, Medizin-Nobelpreisträger 2006. Der Grund für seinen etwas überraschenden Befund: Ein Buch mit dem Titel Thank God for Evolution!, das zwar erst im Oktober offiziell in den USA erscheinen wird, aber schon jetzt für heftige Zustimmung sorgt. Nicht nur bei Mello.

Voll des Lobs für das Buch von Reverend Michael Dowd ist zum Beispiel auch John Mather, Nasa-Chefwissenschafter und Physiknobelpreisträger 2006 ("Das Universum brauchte 13,7 Milliarden Jahre, um dieses wunderbare Buch zu produzieren") oder Lee Hartwell Nobelpreisträger für Medizin 2001.

Die ganze Liste der Lobpreisungen findet sich auf der Homepage zum Buch (thankgodforevolution.com), wo das Manuskript als PDF auch gratis verfügbar ist. Doch sind diese Vorschusslorbeeren tatsächlich gerechtfertigt? Ist da einem Prediger tatsächlich gelungen, das vorgeblich Unversöhnliche zu versöhnen - nämlich den Glauben an einen Schöpfergott und die Evolutionstheorie?

Thank God for Evolution! kommt jedenfalls zu einem günstigen Zeitpunkt, zumal in den USA. Denn in den vergangenen Jahren haben sich die Fronten zwischen den Anhängern verschiedener Spielarten kreationistischer Schöpfungslehren und der Naturwissenschaft vertieft (s. Interview).

Vorkämpfer

Der radikalste Vorkämpfer auf der einen Seite ist der Evolutionsbiologe und Oxford-Professor Richard Dawkins. Der "Papst" der Atheisten führt mit seinem gerade auch auf Deutsch erschienen Buch Gotteswahn (Ullstein Verlag), aber auch der zweiteiligen Channel-4-Fernsehdokumentation "The Root of All Evil?" (also: "Die Wurzel alles Bösen?", im Internet ebenfalls gratis erhältlich) den "Kreuzzug" gegen die Religionen ganz allgemein und gegen die Kreationisten im Besonderen an.

Diese Vertreter unterschiedlich radikaler religiöser Schöpfungslehren stehen auf der anderen Seite - und waren in den letzten Jahren auch nicht gerade untätig. Vor allem in den USA starteten die evangelikalen Christen eine Offensive, um ihre Idee des "Intelligent Design" - also die Idee eines intelligenten Planers, der für die Schöpfung verantwortlich ist - als "wissenschaftliche" Alternative zur Evolutionstheorie in Stellung zu bringen - auch und zumal im Biologieunterricht in den Schulen.

In Europa nahmen die Auseinandersetzungen auch etwas an Heftigkeit zu: In Italien, Serbien, Polen oder der Türkei gab es Vorstöße gegen die Evolutionstheorie im Schulunterricht. Und der im Juli 2005 in der New York Times veröffentlichte Text von Kardinal Schönborn ("Finding Design in Nature"), der die Evolutionstheorie als Ideologie abtat, tat sein Übriges.

Ende der Debatte?

Und nun also soll ein Ende der Diskussionen zwischen Wissenschaft und Religion absehbar sein? Noch dazu wegen eines Buches, das in Form einer Predigt gehalten ist und neben Gott auch die Evolution preist?

Ulrich Körtner ist in beiden Punkten skeptisch. Der evangelische Theologe hat gerade gemeinsam mit Marianne Popp, seiner naturwissenschaftlichen Kollegin von der Uni Wien, einen interdisziplinären Sammelband mit dem Titel Schöpfung und Evolution - zwischen Sein und Design (Böhlau Verlag) herausgegeben.

Die Beiträge dokumentieren die ganze Bandbreite der theologischen und naturwissenschaftlichen Zugänge zum Themenkreis und verschweigen die Differenzen nicht.

Größter gemeinsamer Nenner der ansonsten durchaus kontroversen Stellungnahmen: Die Autoren grenzen sich von der Theorie des "Intelligent Design" und einer "Schöpfungstheologie" ab, die hinter die kritische Philosophie von Imanuel Kant zurückfällt, so Körtner. Womit die aktuellen Lehrmeinungen des Vatikans bzw. des Wiener Erzbischofs zur Frage "Evolution und Schöpfung" zumindest implizit kritisiert werden.

Körtner tritt im Gespräch mit dem Standard aber grundsätzlich für Dialoge zwischen den beiden Seiten ein, deren Basis die Hermeneutik sein müsse - also sachgerechte methodische Deutungen und Interpretationen der jeweiligen Positionen. Von Dowds Buch hält Körtner entsprechend wenig: "Das ist ein unreflektierter Mischmasch aus Pantheismus und Evolutionstheorie." Der Preis dieser seltsamen Melange sei, dass wichtige Fragen ausgeblendet werden - wie die nach der Rolle des Zufalls oder der "Gerichtetheit" der Evolution.

Auch Peter Schuster ist ein Anhänger des Gesprächs. Der theoretische Chemiker von der Uni Wien und Präsident der Österreichischen Akademie der Wissenschaften war der einzige Naturwissenschafter, der im Vorjahr an der Papst-Tagung in Castelgandolfo über Schöpfung und Evolution teilnahm, deren Vorträge nun in Buchform erschienen.

Schuster, der nächste Woche bei der Jahrestagung der Österreichischen Physikalischen Gesellschaft in Krems über das Thema sprechen wird, hält wenig von voreiligen Versöhnungen. Zugleich findet er aber, dass die Rolle etwa des Zufalls in der Debatte "emotional völlig überschätzt" werde, wie er auf Standard-Nachfrage erklärt: "Denn dabei werden die wichtigen ,Spielregeln', nach denen sich die Evolution vollzieht, gerne übersehen." Und mit Bestimmtheit müsse er wiedersprechen, wenn die Evolutionstheorie von Kirchenseite als "Ideologie" bezeichnet wird.

Für weitere Diskussionen - auch nach dem Erscheinen von Thank God for Evolution! - ist also durchaus gesorgt. (Klaus Taschwer/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)

  • War die Entstehung und Entwicklung des Kosmos und des Lebens bloß blinder Zufall? Oder steckt ein Plan dahinter? Die Debatte darum jedenfalls lebt.
    illustration: der standard/fatih aydogdu

    War die Entstehung und Entwicklung des Kosmos und des Lebens bloß blinder Zufall? Oder steckt ein Plan dahinter? Die Debatte darum jedenfalls lebt.

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