Ordnung in der Stadt vor 200 Jahren

18. September 2007, 20:04
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Adressbüros als Vorläufer der Internet-Suchmaschine: Ein Projekt über die Entstehung von Ordnungssystemen in der Stadt des 18. Jahrhunderts

Hausnummern und Adressbüros: Erstere sind heute allgegenwärtig, Letztere längst verschwunden, haben aber in den Internetsuchmaschinen digitale Nachfahren. Ein Projekt über die Entstehung von Ordnungssystemen in der Stadt des 18. Jahrhunderts.

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Beim Partysmalltalk erntet Anton Tantner gelegentlich ein verwundertes Lächeln, wenn er von seiner Passion erzählt. Der Wiener Historiker erforscht die Geschichte der Hausnummern. Sich mit Dingen zu beschäftigen, die uns so selbstverständlich und unentbehrlich scheinen, wirkt zunächst skurril.

Bei ihrer Einführung im Habsburgerreich in den Jahren 1770/71 hießen sie "Konskriptionsnummern". Der Krieg mag zwar nicht der Vater aller Dinge sein, aber die Hausnummern hat er gezeugt. In Wien wurden sie mit roter, in vielen anderen Teilen des Habsburgerreiches mit schwarzer Farbe auf die Hauswände oberhalb der Tür gepinselt. Sie waren Teil eines neuen Rekrutierungssystems mittels dessen die Obrigkeit wehrfähige Männer lückenlos erfassen wollte. Gegen diese staatliche Kontrolle regte sich gelegentlich heftiger Widerstand und die Nummern wurden "mit Koth verschmehret".

Auch der Adel war pikiert, da ihre Burgen und Palais mitnummeriert wurden, ein gleichmacherischer Nebeneffekt also. Das Kaiserhaus ging freilich mit gutem Beispiel voran: Sowohl die Hofburg in Wien als auch der Hradschin in Prag erhielten die Nr. 1. Die Häuser von Juden - sie waren nicht wehrpflichtig - wurden mit römischen statt arabischen Ziffern versehen. Dieses Äquivalent zum gelben Stern auf der Kleidung betraf vor allem die böhmischen Länder und findet sich noch im 19. Jahrhundert.

Tantners Zugang ist kein lokalhistorischer, sondern inspiriert von Michel Foucaults Frage nach Techniken der Registrierung und Identifizierung. Von dem französischen Epistemologen stammt auch der Hinweis, die Geschichte der staatlichen Überwachung und Gewaltmonopolisierung an kleinen Dingen wie der Entwicklung der Karteikarte zu verfolgen. Die Hausnummer ist ein ähnlich wirkungsmächtiges Detail.

Trotz allem Misstrauen gegen ihre Erfassung haben die Bürger sich die Hausnummern nach einiger Zeit angeeignet. Erleichterten sie doch die Orientierung ungemein, obwohl sie dafür gar nicht gedacht waren. Freilich gab es bereits vor deren Einführung ein Leitsystem: Jedes Haus hatte einen Namen, der manchmal auf einem Schild aufgemalt war. In der Praxis hat das einigermaßen funktioniert, problematisch war aber die Namensgleichheit. Wer in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts in Wien und seinen Vorstädten das Haus "Zum goldenen Adler" suchte, hatte die Auswahl zwischen 29 Adressen!

Zentrale Anlaufstelle

Da war eine Anlaufstelle notwendig. In seinem neuen Forschungsprojekt beschäftigt sich Tantner mit den "Europäischen Adressbüros in der Frühen Neuzeit". Sie hießen Fragamt oder Adresscomptoir und waren Umschlagplätze für Informationen, die sich nicht auf Wegbeschreibungen zu Ärzten, Advokaten und Ämtern beschränkten. Dort wurden Waren angeboten und nachgefragt, Nachrichten deponiert und Arbeit angeboten. Das Eintragen und Abrufen der Informationen in den Registern war in der Regel kostenpflichtig.

Tantner sieht in den Adressbüros Vorläufer der Internet-Suchmaschine. Ja, das sei zugespitzt und er möchte auch keine teleologische Linie vom Fragamt zu Google ziehen. Aber die Assoziation sei dennoch gerechtfertigt: Das 1750 in London gegründete Universal Register Office etwa warb damit, die "Welt zusammen an einen Platz zu bringen".

Adressbüros sind schon gut erforscht: Da sie bestens mit Informationen versorgt waren, veröffentlichten sie häufig Anzeigenblätter und Zeitungen. Tantner interessiert sich daher weniger für die Publikationen, sondern vielmehr dafür, was etwa im Berliner "Adress-Hauß" (gegr. 1689) passierte. Mit welchen Techniken wurden Informationen wie Immobilienpreise und Mitfahrgelegenheiten verwaltet und weitervermittelt? Wer arbeitete im Wiener "Frag- und Kundschaftsamt" (gegr. 1707) und wer waren die Kunden? Und was geschah noch in Théophraste Renaudots Bureau d'Adresse, des wohl ersten Adressbüros überhaupt, das ab etwa 1630 in Paris für ein gutes Jahrzehnt florierte.

Hier wurden auch Kurse in Recht und Theologie angeboten, und arme Kranke warteten in den Räumlichkeiten darauf, von Ärzten gratis eine Diagnose gestellt zu bekommen. Immer montags fanden öffentlich zugängliche "Conférences" statt, bei denen Themen wie Feuer oder die Ursache aller Dinge von etwa hundert Teilnehmern diskutiert wurden. Renaudot, ein Schützling Richelieus, edierte die Transkripte dieser Sitzungen in zahlreichen Bänden und wollte damit, wenn der Vergleich erlaubt ist, eine gedruckte Fassung von Wikipedia erstellen, in dem das gesamte Wissen der Zeit versammelt ist.

Lediglich Religion und Politik wurden ausgespart. Diese Protokolle bieten einen Einblick in frühneuzeitliche Weltbilder und Diskussionskultur. Und die Adressbüros als gesamteuropäisches Phänomen machen deutlich, dass die Wurzeln der Informationsgesellschaft Jahrhunderte zurückreichen und als Keimzellen einer bürgerlichen Öffentlichkeit fungierten. (Oliver Hochadel/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)

  • Häuserordnung in Prag: Franz Kafkas Arbeitsort, die ehemalige Arbeiterunfallversicherung.
    foto: der standard/tantner

    Häuserordnung in Prag: Franz Kafkas Arbeitsort, die ehemalige Arbeiterunfallversicherung.

  • Ein Fundstück aus der Wiener Steindelgasse (oben) und eine geschichtsträchtige Hausnummer, jene vom Freud-Haus (unten).
    foto: der standard/tantner

    Ein Fundstück aus der Wiener Steindelgasse (oben) und eine geschichtsträchtige Hausnummer, jene vom Freud-Haus (unten).

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    foto: der standard/tantner
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