"Zum Beten braucht man keine Moschee"

24. September 2007, 16:48
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Erol User, türkischer Großunternehmer und Eigentümer des Fußballclubs Fenerbahce Istanbul, hält den Glauben für Privatsache

Erol User, türkischer Großunternehmer und Eigentümer des Fußballclubs Fenerbahce Istanbul, hält den Glauben für Privatsache. Muslime im Westen müssten sich den dortigen Sitten anpassen. Erol User hat gemeinsam mit der Havard University ein sogenanntes Abraham-Projekt gestartet. "Abraham wird in allen drei Religionen genannt. Daher laden wir zu unserem ,Pfad des Abraham' alle Interessenten ein. Das erste Treffen war im Geburtsort Abrahams in Urfa in der Südosttürkei und ging nach Hebron, wohin er gezogen ist. Wir hoffen auf einen Dialog der Abrahamitischen Religionen."

In Österreich gibt es eine politische Bewegung gegen Moscheen, in muslimischen Ländern oft gewaltsame Demonstrationen gegen angebliche westliche Beleidigungen. Dialoge wie in Waldzell sind schön, erreichen aber die Straße kaum. Was denkt User darüber? "Ich bin als Mann des Dialogs geboren, meine Mutter ist jüdischer Abstammung und mein Vater ein Muslim. Zu den Demonstrationen sage ich: Ein Muslim kann auf allen Plätzen beten. Man braucht keine Moscheen zum Beten. Darum sollen wir das auch nicht für einen politischen Kampf verwenden." Das ist eine bemerkenswert liberale Einstellung. User: "Ich sage zu allen muslimischen Freunden, dass man auch ohne Minarett beten kann. Man kann an allen Plätzen beten, denn man spricht mit Gott. Da kann niemand wissen, was man betet. Religion ist ein Dialog zwischen dem Menschen und Gott. Man braucht nicht Symbole zeigen, um zu beten. Ich bin Muslim, aber ich kann auch in einer Kirche eine Kerze anzünden, weil Symbole nicht die Realitäten ändern."

User ist auch international politisch ziemlich aktiv, und erzählt mit Stolz, dass er auch zu einem Prayer-Breakfast bei Präsident Bush geladen ist. Er ist skeptisch, was die Chancen eines EU-Beitritts für die Türkei betrifft. Seinen Landsleuten in Westeuropa gibt er einen Ratschlag, den viele als provokativ empfinden werden: "Wenn man in einem Land lebt, muss man sich auch der Kultur dieses Landes anpassen und nicht auf offenen Plätzen mit dem Turban herumlaufen. Ich glaube auch nicht, dass es richtig ist, auf der Straße ein Kopftuch zu tragen. Man braucht nicht die eigene Religion demonstrieren. Das ist etwas, das man mit Gott zusammen macht, nicht als Show-Material. Wenn ich als Muslim in einem anderen Land lebe, muss ich nicht Symbole wie den Turban oder das Kopftuch vorzeigen. Das kann ich zu Hause tun." (rau/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)

Video: Das Interview führte Hans Rauscher in Waldzell. Produziert von Century Productions.
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