Theater der Jugend-Chef: "Habe getobt und gebettelt"

27. September 2007, 18:55
21 Postings

Erhält er von der Politik nicht mehr finanzielle Unterstützung, könnte dies das letzte Jahr des TdJ sein, prophezeit dessen Leiter Thomas Birkmeir im STANDARD-Gespräch

Wien – Seit 1999, damals wurden u. a. auch dem Volkstheater und der Josefstadt vom Bund die Gelder geschmälert, ist dem Theater der Jugend (TdJ) kontinuierlich ein finanzieller Mehrbedarf erwachsen – der 2008 scheinbar 894.000 Euro betragen wird, wie der künstlerische Leiter des Theaters in der Neubaugasse, Thomas Birkmeir (43), vorrechnet. Zusammengekommen sei diese Summe durch Inflation und Lohnkostensteigerungen auf der einen Seite, beharrliches Zuwarten der Politik auf der anderen. "Ich bin immer wieder zu allen Seiten zu Kreuze gekrochen", sagt Birkmeir, "habe getobt und gebettelt, habe es liebevoll versucht – es hat nichts genützt!"

Ein Paradoxon scheint parallel dazu der, wie die Saisonbilanz ergab, große, wohl auch einträgliche Erfolg des Hauses in der vergangenen Spielzeit zu sein: positive Abschlusszahlen, eine Auslastung von 92 Prozent und mit 300.000 verkauften Karten (130.000 davon aus anderen Häusern zugekauft) eine Eigenfinanzierung von 43 Prozent.

Ob denn da nicht das Signal erscheine, es gehe auch so, da sich das Haus offenkundig selbst finanziert? Nun ja, was müsse man denn tun, um Aufmerksamkeit zu erhaschen, fragt Birkmeir: "Muss man ein Theater erst durch schlechte Auslastungszahlen, durch miese Produktionen an die Wand fahren, dass man gefördert wird?" Besser doch, wie bisher, durch Erfolg punkten.

Kein "armes Theater"

2008 aber hieße es Endstation, so die apokalyptische Voraussicht: Noch enger schnallen ließe sich der Finanzgürtel nicht ("Wir haben in der Vergangenheit personell so viel gespart: Wenn mir jetzt im Winter ein Bühnentechniker an Grippe erkrankt, hätte ich Schwierigkeiten, die Aufführung zu machen."), Eigenproduktionen wolle man nicht einsparen ("Lieber gehe ich noch auf der Mariahilfer Straße betteln, als dass ich hier ,armes Theater‘ für Kinder mache") und weniger zu spielen wäre "absurd", da genügend Besucherinteresse vorhanden wäre, um, im Gegenteil, auch noch sonntags zu spielen.

Jegliche Hoffnung liege nun in der "Weitsicht" von Kulturministerin Claudia Schmied. Planung auf längere Sicht habe vonseiten des Bundes in den vergangenen Jahren nicht stattgefunden, von Kulturstadtrat Mailath-Pokorny und Schmied habe Birkmeir nun positive Annäherungsimpulse bemerkt. Jegliches andere, distanzierte, kalkulierende Fortfahren wäre "ungesund" für die Kulturlandschaft Wien.

"Wenn wir als Theater nicht mehr funktionieren können, bricht ein wichtiger Generator auch für die Stadt weg", meint Birkmeir. Nämlich, wie das vom TdJ nun schon "über Generationen" in die Menschenköpfe gesetzt worden sei, die Vermittlungsaufgabe, "dass man ins Theater geht und dass das eine fruchtbare Auseinandersetzung sein kann." Bleibt also der Bildungsauftrag: "Theater gegen Komasaufen", hatte Birkmeir bei der Pressekonferenz zum Saisonstart propagiert, eine Aufgabe, die er, der durchaus eine Schiller’sche Auffassung des Theaters als moralische Anstalt vertritt, sinnvoll im Gelingen sieht: Werte vermitteln, Handwerkszeug zum Problemelösen mitgeben.

Weswegen es ihn auch nicht interessiere, ein "Erwachsenenhaus" zu leiten. Für Kinder zu arbeiten sei beglückender, da diese "keine Bildungsspießer" seien und "ich hier in jungen Köpfen der Erste bin, der ihnen mit Theater begegnet". (Isabella Hager /DER STANDARD, Printausgabe, 19.09.2007)

Weitere Meldung: >>>Dem "Theater der Jugend" fehlen knapp 900.000 Euro

Dem "Theater der Jugend" fehlen knapp 900.000 Euro

Wien - Das Theater der Jugend (TdJ) sieht sich wegen seiner Ansicht nach zu geringen öffentlichen Förderungen finanziellen Problemen ausgesetzt. Wie der Standard heute (Mittwoch) berichtet, fehlen 894.000 Euro. "Sofern die Förderung auf der gleichen Höhe wie seit 2000 bleibt, kann für die Saison 2008/2009 nicht geplant werden", bestätigte TdJ-Leiter Thomas Birkmeir auf Anfrage der APA. Allerdings gebe es derzeit "positive Zeichen sowohl von Bund als auch Stadt über die Erhöhung der Subvention"

Seit 1999 seien die Kosten des TdJ gestiegen. Grund seien Inflation, Lohnkostensteigerungen und die passive Haltung seitens der Politik. Birkmeir wird im "Standard" mit den Worten "Ich habe getobt und gebettelt, habe es liebevoll versucht - es hat nichts genützt" zitiert. Trotz positiver Bilanz der vergangenen Spielzeit (Auslastung: 92 Prozent und 43 Prozent Eigenfinanzierung) könne man weitere Einsparungen nicht vertragen. Dennoch habe Birkmeir nicht vor, die Produktion eigener Stücke aufzugeben oder weniger zu spielen. Gerade auch im Hinblick auf den Bildungsauftrag sei das TdJ, oftmals erster Berührungspunkt des jungen Publikums mit Theater, von großer Wichtigkeit. (APA)

Nächste Premiere: "Das Geheimnis der verzauberten Stimme" am 9. 10.
  • "Muss man ein Theater erst an die Wand fahren, dass man gefördert wird?", fragt Thomas Birkmeir.
    foto: standard/ regine hendrich

    "Muss man ein Theater erst an die Wand fahren, dass man gefördert wird?", fragt Thomas Birkmeir.

Share if you care.