Der neue Präsident Ernest Koroma verspricht einen Neuanfang - Ein Kopf des Tages
Versicherungsagenten sind nicht unbedingt Menschen, denen man stets ein besonderes Charisma nachsagt - das Selbstverständnis von Ernest Koroma ist ein ganz anderes: Der frühere Versicherungsfachmann und neue Präsident von Sierra Leone sieht sich selbst als "die Stimme einer Generation von jungen visionären Führern, voller Hoffnung und neuer Ideen für die zukünftige Entwicklung" des Landes, so jedenfalls die offizielle Biografie.
Die Mehrheit der Wähler dürfte ihm das geglaubt haben: Die Stichwahl gegen den Kandidaten der Regierungspartei, Solomon Berewa, hat der bisherige Oppositionsführer von der APC (All People's Congress) mit 54,6 Prozent der Stimmen gewonnen. Beobachter sind sich einig, dass er das auch seinem untadeligen Ruf verdankt: Der 53-Jährige gilt als unbescholten, nicht bestechlich und als einer, der auf das Volk hört. Trotzdem kommt der Sieg nicht unüberraschend: Bei den Wahlen vor fünf Jahren fuhr er gegen den bisherigen Präsidenten Ahmad Tejan Kabbah nur knapp 20 Prozent ein.
Das westafrikanische Land will der zweifache Familienvater in Zukunft "wie ein Unternehmen führen". Eine einfache Zeit steht ihm nicht bevor: Er muss die grassierende Korruption in den Griff bekommen und die Arbeitslosigkeit senken - beides Themen, die zur Niederlage der bisherigen Regierungspartei beigetragen haben. Sierra Leone ist trotz Rohstoffreichtums das zweitärmste Land der Welt; rund zwei Drittel der Bevölkerung sind arbeitslos.
Einen harten Kampf gegen die Korruption hat Koroma bereits angekündigt; ebenso eine neue Wirtschaftspolitik, die sich stärker auf die Förderung der lokalen Wirtschaft konzentrieren soll - anstelle staatlicher Verträge mit internationalen Diamantenfirmen. "Wir wollen eine Verschiebung weg vom Bergbau, hin zur Landwirtschaft und dem Tourismus", lautet die Vorgabe des neuen Staatschefs. Auch die Infrastruktur will er ausbauen. Strom und Wasser sind in Teilen des Landes immer noch Mangelware.
Daneben muss Korona aber auch die aufgeheizte Stimmung im Land wieder beruhigen. Anhänger seiner APC und jene Berewas gingen während des Wahlprozesses mehr als einmal mit Macheten, Messern und Knüppeln aufeinander los. Und schon vor der Veröffentlichung der Ergebnisse sprach die Verliererpartei von Ungereimtheiten und davon, den Sieg der Gegner nicht anerkennen zu wollen.
Koroma hat deshalb angekündigt, parteiübergreifend arbeiten zu wollen. Kritikern, die auf die zweifelhafte Bürgerkriegsvergangenheit der APC verweisen, hat er mit einer Entschuldigung den Wind aus den Segeln genommen. Um eine weitere Polarisierung zu vermeiden, stand zuletzt auch eine Regierung der nationalen Einheit im Raum. (Julia Raabe/DER STANDARD, Printausgabe, 19.9.2007)