Ein Festival ohne Eigenschaften

18. September 2007, 18:21
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Das Festival der Gegenwartskünste geht heuer in sein 40. Jahr: Doch die offizielle Freude darüber wird wohl auch wieder nur eine protokollarische sein

Graz – Früher feierte man die runden Geburtstage des steirischen herbstes, wenn dieser wieder einmal mehr oder weniger glücklich vorüber war. Also den zehnten im Jahr 1978, den 20. im Jahr 1988, und so weiter.

Wenn man nun aber den Vierziger eines Festival, das 1968 erstmals stattfand, schon im Jahr 2007 feiert, so zeugt das von einer gewissen Unruhe, als stünde zu befürchten, dass es den steirischen herbst im kommenden Jahr am Ende gar nicht mehr geben könnte.

Wenn dieser krasse Extremfall auch ausgeschlossen werden darf, so ist dennoch festzustellen, dass die offizielle Steiermark zu ihren Festivals schon immer ein zwiespältiges Verhältnis hatte.

Dieses datiert nicht erst seit Beginn des steirischen herbstes, sondern es reicht viel weiter zurück. Zumindest bis zum Jahr 1947. Da fanden nämlich erstmals die Grazer Sommerspiele statt, mit denen die britische Besatzungsmacht in der Steiermark den Salzburger Festspielen Paroli bieten wollten, die auf Initiative der US-Besatzer schon seit dem Jahr 1945 stattfanden.

Es mag ein merkwürdiger Zufall sein, dass Albert Moser, der seine Laufbahn als Präsident der Salzburger Festspiele (1983–1985) abschloss, bis er 1961 auch als Generalsekretär der Grazer Sommerspiele (und des Musikvereins für Steiermark) fungierte. Dass diese Grazer Sommerspiele nicht in jenem Ausmaß reüssieren konnten, wie dies von ebenso offizieller wie naiver Seite erwartet wurde, hatte zwei Gründe: Es krankte am ausreichenden Budget und an geeigneten Schauplätzen.

Obwohl Dirigenten mit klingendem Namen wie Karl Böhm und Volkmar Andreae in Graz gastierten, war bald klar, dass diese Grazer Sommerspiele mit ihrer Salzburger Konkurrenz nicht mithalten konnten. Dies umso mehr, als man vor allem das Schauspielprogramm, aber auch das Opernprogramm im Freien stattfinden ließ und sich von den meteorologischen Bedingungen auf leichtfertige Weise abhängig machte.

Festival neuen Stils

So führten die Grazer Sommerspiele bis zum Jahr 1968 ein von der Kulturpolitik immer weniger goutiertes Schattendasein. Im gleichen Jahr entschloss man sich, die unter dem Namen Trigon schon eingeführte Dreiländer-Biennale der zeitgenössischen Kunst aus Österreich, Italien und Jugoslawien mit der ebenfalls schon bestehenden Steirischen Akademie und dem vom Forum Stadtpark veranstalteten Literatursymposion zu einem Festival neuen Stils, dem steirischen herbst, zu bündeln und durch das vom ORF neu gegründete und finanzierte musikprotokoll zu ergänzen.

Neben der kühnen Vision, die Hanns Koren, damals für die kulturpolitischen Geschicke der Steiermark zuständig, hatte und auch verwirklichte, waren es wohl auch finanzielle Erwägungen, die für diese Neugründung den Ausschlag gaben. Es wurde nicht nur das Budget der Sommerspiele, die mit Friedrich Cerha und dem Ensemble "die reihe" schon seit dem Jahr 1966 markante Akzente zu setzen vermochten, dem steirischen herbst zugeführt, sondern auch für Trigon, Steirische Akademie und Literatursymposion gab es eigene Budgets, die nur umetikettiert zu werden brauchten.

Dieser finanztechnisch zweifellos erfolgreiche Schachzug führte allerdings dazu, dass sich in den Hirnen der Politiker die Überzeugung festsetzte, der "herbst" und das ganze moderne Zeug, das er im Programm hat, dürfe, wenn schon nicht gar nichts, so doch nur ganz wenig kosten.

An diesem Vorurteil, das auszusprechen natürlich niemand wirklich den Mut hat, leidet der steirische herbst auch heute noch. Mehr noch, er wird letztlich auch noch dafür verantwortlich gemacht, dass er nicht besser ist, als die Finanzen es ermöglichen. Insgeheim hält man dem steirischen herbst überdies vor, dass er keine Quoten macht, auch wenn man im gleichen Atemzug Exklusivität und Modernität von ihm einfordert.

Geburt der styriarte

Kein Wunder, dass im Jahr 1983 Hans Georg Fuchs, damals Wirtschaftslandesrat der Steiermark und außerdem Vorsitzender des "herbst"-Präsidiums, verschiedene Persönlichkeiten des steirischen Kulturlebens in sein Büro bat und mit dem Wunsch nach einer Veranstaltungsreihe konfrontierte, die endlich das große Publikum und vor allem viele Touristen nach Graz brächte.

Auch wenn dieser Wunsch, der in der Folge zur Gründung des styriarte-Festivals führte, nicht unbedingt als Misstrauensäußerung gegenüber dem steirischen herbst zu deuten war, so lag es doch auf der Hand, dass dieser "herbst" mittelfristig (und wie sich nun im Nachhinein herausstellt: auch längerfristig) kein ausreichendes Budget zu erwarten hatte. Auch die Gründung eines alle zwei Jahre stattfindenden regionalen Festivals, wie es der amtierende steirische Kulturlandesrat Kurt Flecker erst kürzlich ins Leben gerufen hat, zeugt nicht unbedingt von der felsenfesten Überzeugung, dass der steirische herbst das einzige Festival seines Vertrauens ist.

Bevor man ein Festival ausreichend budgetiert, gründet man in regelmäßigen Abständen ein neues. Die Grazer Sommerspiele mussten dem steirischen herbst weichen, und dem steirischen herbst sind mit der styriarte und dem neu gegründeten regionalen Festivals zwei, wenn schon nicht künstlerische, so doch budgetäre Konkurrenten erwachsen. Dies kann auf den Zustand des Programms und seiner Gestalter nicht ohne Folgen bleiben.

Auf der einen Seite soll es brisant sein bis zum Skandal, den Politiker und andere Offizielle immer wieder einmahnen. Andererseits aber soll der Skandal nicht zu arg sein. Es ist eine Wasch-mir-den-Pelz-und-mach-mich-nicht-nass-Gesinnung, die von den Verantwortlichen immer erwarten, dass sie wissen, wie weit sie zu weit gehen dürfen. Doch dies alles soll vor einem möglichst großen Publikum stattfinden. Dass ein Festival unter diesen Vorgaben Gefahr läuft seine Eigenschaften zu verlieren, bis es keine mehr hat, stört dabei niemanden.

Der finanzielle Aufwand, gegenwärtig 3, 2 Millionen Euro, ist für ein solches Festival durchaus verkraftbar. (Peter Vujica /DER STANDARD, Printausgabe, 19.09.2007)

Zur Person
Peter Vujica
war von 1982 bis 1989 Intendant des steirischen herbstes.
  • Zwei Skandale, welche in vielen "herbst"-Beobachtern markante Adrenalinschübe auslösten: ein "herbst"-Plakat ...
    foto: steirischer herbst

    Zwei Skandale, welche in vielen "herbst"-Beobachtern markante Adrenalinschübe auslösten: ein "herbst"-Plakat ...

  • ...und Hans Haackes durch einen Brandanschlag vernichtete Nachbildung der von den Nazis verkleideten Mariensäule.
    foto: steirischer herbst

    ...und Hans Haackes durch einen Brandanschlag vernichtete Nachbildung der von den Nazis verkleideten Mariensäule.

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