"Entschuldige, Du bist Nebel für mich"

17. September 2007, 19:03
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Am Stand vom Karmelitermarkt, in dem der "Trautmann" gedreht wurde, führt Besitzerin Gorica Tubic das Regiment

"Wie haben keine Hauben und kein Kapperl – aber dafür ein gutes Bapperl", lautet der Werbespruch am Stand von Frau Gorica Tubic. Doch Frau Tubic vom Leopoldstädter Karmelitermarkt ist nicht nur für ihr "Bapperl", diese gegrillten und gebackenen Hühner bekannt – sondern auch aus dem Fernsehen.Selten ist ein Krimischauplatz so einfach zu finden. Schon bei der ersten Runde auf dem Markt sehen wir den Geflügelstand und wissen: Das müsste er sein. Ob hier vielleicht der "Trautmann" gedreht worden sei, fragen wir – und schon kommt wie aus der Fernsehkiberer-Pistole geschossen: "Sind S’ auch von der Filmbranche?"

 

Für acht Folgen war das "Trautmann"-Team bei ihr, berichtet uns die fröhlich-freundliche Frau Tubic. Im Film ist ihr Stand das Lokal der Ehefrau des korrupten Politikers Ferdinand Grün-steidl, Hilde Grünsteidl, dargestellt von Beatrice Frey. Hier kam auch der Trautmann selber oft vorbei, dem Wolfgang Böck seine unvergleichliche Persönlichkeit verliehen hat. Und natürlich der Grünsteidl selbst, verkörpert von Erwin Steinhauer.

Glück gehabt

Wir haben Glück. Ausnahmsweise ist nicht viel los im Geschäft – und die Kunden haben bei Frau Tubic absoluten Vorrang. "Früher sind manchmal Freunde gekommen und wollten plaudern. Da hab ich gesagt: Entschuldige, du bist Nebel für mich. Ich kann mich nicht konzentrieren auf dich." Die paar Kunden, die jetzt hereinkommen, kann aber auch ihre Angestellte bedienen. Ein "Dobre dan – ciao, ciao" bekommen sie trotzdem von der Chefin mit auf den Weg. Freundlich muss es hier zugehen und gesittet. "Im Geschäft bin ich Gesetz", lautet der Grundsatz der resoluten Standbesitzerin. "Einmal hab’ ich sogar einen Polizisten rausgeschmissen. Der war in Zivil, hat zu viel getrunken und war schrecklich laut. Dreimal hab ich ihn gewarnt und dann gesagt, jetzt muss er gehen. Zwei Jahre war er dann nimmer da – aber jetzt sind wir beste Freunde."

Frau Gorica Tubic ist gebürtige Serbin. Sie kam bereits 1973 nach Österreich. Hier hat es ihr "am ersten Tag gleich gefallen – ich fahr’ sicher nimmer zurück. Ich hab’ mich auch nie als Ausländerin gefühlt hier". Natürlich ist sie inzwischen längst österreichische Staatsbürgerin. "Vor 15 Jahren hab’ ich diesen Stand hier übernommen", berichtet sie uns. "Ist nicht leicht verdientes Geld." Von 7 bis 20 Uhr ist sie im Einsatz. "14 Jahre schleppen – dann geht man halt zum Arzt", lacht sie. "Reich werd’ ich hier nicht – aber dafür lass ich mein Geld wenigstens da. Im Winter war ich immer eine Woche auf Urlaub, im Sommer drei Tage. Anders geht’s nicht." Aber obwohl sie kaum Gelegenheit hat, im Ausland ihr Geld auszugeben, unterstützt sie daheim ihre Familie. Manchmal hat sie auch noch viel mehr geholfen: "Als bei uns Krieg war, hab ich im am Stephansplatz Schnitzel verkauft", um mit dem Erlös daheim der leidenden Bevölkerung helfen zu können.

Neue Kundschaft kommt ins Lokal. Eine Mischung wie im Trautmann. Ein Arbeiter, ein "Oranger" von der Müllabfuhr, einer mit "Peckerl", großzügig tätowiert. "Grillhendl mit Bier" bestellen sie. Wir gehen jetzt lieber – denn wenn Kundschaft kommt, werden wir für Frau Tubic ein bisserl nebelig. (Roman David-Freihsl/DER STANDARD – Printausgabe, 18.9.2007)

Teil 8 der Serie "Wiener Tatorte" - eine Spurensuche an Originalschauplätzen von Krimis, die in der Stadt Wien handeln.

Das Buch "Am Tatort" von Roman David-Freihsl und Christian Fischer erscheint am 19. September im Verlag Kremayr & Scheriau.

  • Freundlich, aber gesittet geht es zu bei Frau Gorica Tubic: "Im Geschäft bin ich Gesetz."
    foto: christian fischer

    Freundlich, aber gesittet geht es zu bei Frau Gorica Tubic: "Im Geschäft bin ich Gesetz."

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