Ballroom Dancing und der Bruch mit Konventionen

18. September 2007, 19:40
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Bei der "Same Sex Dance Competition" wird Österreich in den Hauptdisziplinen von vier Frauenpaaren vertreten - Die Co-Autorin von "Donauwalzer Damenwahl" dazu im Interview

Wien - 100 Paare aus acht Ländern werden am Samstag an der internationalen "Same Sex Dance Competition", dem einzigen gleichgeschlechtlichen Equality Tanzturnier Österreichs, teilnehmen. Österreich wird in den Hauptdisziplinen von vier Frauenpaaren vertreten. Das Tunier wird von einer gemeinsamen Plattform der Wiener homo-bi-trans Tanzcommunity, den Gruppen sistaDance, Resis.dance, Rainbow Dancers und Rosa's Tanzbar, organisiert. Hanna Hacker, Kulturwissenschafterin und Co-Autorin des Klassikers "Donauwalzer Damenwahl", wurde dazu von Kerstin Kellermann befragt.

dieStandard.at: Hat das gleichgeschlechtliche Tanzen mit dem Ausleben von Geschlechterrollen im Sinne der klassischen "Butch" und "Femme" zu tun, wie es in den 1920er Jahren üblich war? Mit dem Flair dieser Zeit?

Hanna Hacker: Im deutschsprachigen Raum ist das Bild der 20er Jahre, der berühmten "Lila Nächte" und der immer wieder verwendeten Illustrationen, stark in den Köpfen vertreten. Seitdem die Lesbenszene sich in den 80er Jahren ihrer Geschichte erinnert und bestimmte historische Momente wieder ausgegraben hat. Seit den 80ern erlebten das konventionelle und auch das gleichgeschlechtliche Tanzen ein Revival. Die Tatsache, dass Standardtanzen oder Ballroomtanzen international derartig boomen, bezieht sich aber nicht auf das Flair der 20er Jahre. Denn man muss zwischen "social dancing", dem Lernen bei Kursen, dem Breitensport und dem harten Leistungssport auf hohem Level, unterscheiden. Lernen, trainieren, ausüben findet in Österreich noch sehr stark in klassisch heterosexuellen Zusammenhängen und Choreografiestrukturen statt.

Die gleichgeschlechtlichen Paare haben daher immer ein bisschen die Mission zu zeigen, dass ihr Ausdruck von Persönlichkeit im Tanz ein bisschen anders sein könnte oder müsste. Was der Boom mit dem Aufleben von Geschlechtsrollen zu tun hat, fände ich eine spannende Frage. Es fehlt an Analysen. Denn in der Tat ist es im Tanzen ein wesentliches Moment zu entscheiden, bin ich "Leader" oder "Follower". Gleichgeschlechtliches Tanzen favorisiert auch sehr den "Role Change" auf höheren Niveaus.

dieStandard.at: Vom klassischen Tanzkurs her sind die Paar-Rollen ja sehr stark auf "Männchen" oder "Weibchen" verteilt... Schon dass die Frau aufgefordert wird und warten muss.

Hacker: Die meisten Frauen, die ich kenne, haben diese albtraumartigen Tanzschulerfahrungen. Dieser Horror gehört zum Standardgeplauder an der Bar bei gleichgeschlechtlichen Tanzkursen. Diese Erinnerungen wiederzubeleben, ist nicht die Motivation.

dieStandard.at: Warum werden dann so klassische Tänze wie Tango oder Salsa, die erotisch sehr stark von männlichen und weiblichen Rollen ausgehen, favorisiert? Ist das dann Persiflage oder ernst gemeint?

Hacker: Grundsätzlich könnte man fragen, was ist nicht heterosexuell, patriarchal, weiß und westlich geprägt. Man könnte auch fragen, wieso überhaupt klassischer Paartanz und nicht mehr Jazz oder Modern...

dieStandard.at: Rock'n Roll z.B. ist auch sehr sportlich, aber auch Paartanz...

Hacker: Ja, und gehoben und geworfen wird die Dame. Alle Ballroom-Tänze haben im Mainstream ein Narrativ des Hetero-Paares. Cha Cha Cha ist der sexy Flirttanz schlechthin. Tango Argentino kommt eigentlich aus der Tradition, dass Männer miteinander im Bordell tanzen, während sie warten, dass sie dran kommen... Samba oder Rumba kommen aus dem westafrikanischen und karibischen Raum und haben indirekt mit Widerstandskämpfen zu tun; Plantagenarbeiter und Sklaven, die ihre Rhythmen bewahren oder wieder beleben. Standard Tänze, vor allem der langsame Walzer, gelten als sehr britisch geprägt und haben unter anderem etwas mit dem Nationalismus der Zwischen-Kriegszeit zu tun - ordentliche Schritte im langsamen Walzer nach den britischen Regeln.

Equality Tanz, gerade weil wir nicht als Biomänner und Biofrauen tanzen, stellt schon einen Bruch mit diesen Konventionen dar. Es geht darum, sich den Tanz noch einmal neu anzueignen, z.B. während eines Tanzes die Rollen zu wechseln. Welche Geschichten erzählen die Choreografien, welche Erotik oder Flirtgeschichte vermitteln sie, wer erarbeitet so eine Choreografie... diese Fragen stellen sich bei den Fortgeschrittenen.

dieStandard.at: Wo liegt beim Tanzen die Tradition als Sportart?

Hacker: Seit den gleichgeschlechtlichen Eurogames 1995 in Frankfurt ist Ballroom Dancing eine regelmäßige Disziplin im westeuropäischen Raum. Die Eurogames finden jährlich statt, die GayGames alle vier Jahre im Olympiadenrythmus. Tanzen ist immer noch keine olympische Disziplin, die ausgetragen wird, man unterscheidet zwischen olympischen Sport und Disziplin. Der Tanz hat irrsinnig lang gekämpft, um anerkannt zu sein. In den Same Sex Meisterschaften ist es eine der am besten frequentierten Sportarten. In Europa ist vieles deutsch und niederländisch dominiert, und Schwarze TänzerInnen kenne ich nur bei US-amerikanischen Paaren. Obwohl man sich z.B. bei den Latin Tänzen am Männlichkeitsideal orientiert, gibt es viel Bemühen einen eigenen Ausdruck zu finden. Das ist harte Arbeit.

dieStandard.at: Bei der beliebten Fernsehserie "Dancing Stars" fragt man sich auch zum Teil, ob die Tanzchoreografien Persiflagen bestimmter Geschlechtsrollen sind. Gefällt dir die nüchterne und spröde Schweizer Jurorin Nicole Burns-Hansen? Oder diese Australierin Kelly Kainz, die alle anschreit und beim Eurovision Dance Contest in kurzer hellblauer Uniform mit Militärhaube getanzt hat, während ihr Ehegatte ganz weiblich in lauter flatternde Gewänder gekleidet war?

Hacker: Ja sicher, die Burns-Hansen hat schon was (lacht). Dancing Stars funktioniert auf der Popkultur Ebene. Österreich kopierte das Format von anderen Ländern auf der Medienebene. Die Rechnung geht auf, dass bestimmte Arten von Promis angeblich etwas tun können, was man eigentlich nicht kann. Es verkörpert den Wunsch in sechs Wochen Tanzen zu lernen, was in Wirklichkeit schwer möglich ist. Es wird eine Riesenmedienmaschinerie aufgefahren und es dreht sich die Kamera, damit man nicht sieht, wie sich das Paar dreht.

Es ist auch diese vom Tellerwäscher zum Millionär Saga. Sally Potter, die berühmte feministische Filmemacherin, strickte das gleiche Märchen. In ihrem Film "Tango Lesson" lernt eine Filmemacherin, eine sexuell und beruflich selbstständige Frau, in 12 Lektionen einen showreifen Tango. Der "Vienna Dance Contest" identifiziert sich nicht mit "Dancing Stars", aber es ist interessant, was es den Tanzschulen gebracht hat.

dieStandard.at: Gibt es außer dem wechselseitigen Führen noch andere Elemente der "Unterminierung von geschlechtlicher Identität", wie Hanna Höch das ausdrücken würde? Geht es um Unterminierung von Geschlechterrollen versus Ausleben von Erotik im Spielen der Rollen?

Hacker: "Butch/Femme" war das erste Modell, in dem weiblich sexuelles Begehren sichtbar wurde. Die "Butch" war die Figur der maskulinen lesbischen Frau, die historisch gesehen Begehren für sich beansprucht hat und die das zuerkannt bekam. Viele definieren es als ein Spiel, das man weiter führt, in dem das kulturelle Erbe der Gestaltung von Sexualität ausgelebt wird. Gebrochen wurde das ja durch die radikal feministische Position, die sagte, die Geschlechterrollen sind Ausdruck der Unterdrückung schlechthin und müssen aufgebrochen werden, was ja historisch auf großen Widerstand stieß. Und zum Streit zwischen Bewegungslesben und sog. Ursprungslesben führte. Mit dem Aufkommen von Queer als Ausdruck von Alltagsstilisierung, Lebensstil, Einstellung und Gestaltung von Sexualität und Geschlechterrollen ist ein Spiel mit "Butch" und "Femme" wieder in den Vordergrund getreten. Optisch sind unsere Tänzerinnen rollenmäßig überhaupt nicht ausgeprägt.

dieStandard.at: Bei manchen Frauen sieht es lustig aus, wenn die auf "Weibchen" machen wollen, aber totale Sportlerinnen sind. Wie muskulös Steffie Graf in Ballkleidern aussieht...

Hacker: Warum sind Frauen generell im Tanz so stark vertreten? Vom Ballett über Modern Dance hat das damit zu tun, dass es einer der wenigen Möglichkeiten und Bereiche war, in denen Frauen eingeräumt wurde, sich Kraft anzueignen und zu leben. Einen Sport zu machen und trotzdem als weiblich zu gelten.

dieStandard.at: Die Weiblichkeit auszudrücken, ist bei anderen Sportarten ja eher schwierig. Wenn man "unsere" Schifahrerinnen anschaut z.B., alle mit den gleichen Pudelmützen. Oder die Fußballerinnen sind auch gleich angezogen wie die Fußballer. Wie ging es dir eigentlich damit Österreich zu vertreten?

Hacker: Wie entkomme ich der Nation oder dem Antreten für eine Nation? Letztes Jahr machte ich ein bisschen Cheerleading beim Vienna Dance Contest. Das sollte schon für die österreichischen Paare sein. Peinlicherweise waren die Puscheln, die wir aufgetrieben haben auch noch rot und weiß. Aber die anderen bringen ja auch ihre Claqueure mit. Antreten für ein Land, okay, aber wo ist ein Raum dafür, das in Frage zu stellen?

dieStandard.at: Von wem wird Österreich vertreten und wer sind die WertungsrichterInnen?

Hacker: Es kommen internationale WertungsrichterInnen. WertungsrichterIn ist eine Qualifikation, da muss man Prüfungen machen und die ganz großen Verbände der Berufsgruppe sind beteiligt. Wenn du sehr hochrangig bist, kannst du unter Umständen Schwierigkeiten bekommen bei einem formal nicht anerkannten Tanzturnier zu werten. Die Tanzverbände regeln, was ein ordentliches Tunier ist. Es ist bei vielen Sportarten international ein Dilemma, dass die Sportverbände sagen, wenn Sie dort antreten, sind Sie nicht mehr Mitglied bei uns.

Es treten leider nur sehr wenig ÖsterreicherInnen an. Leider, weil es zeigt, dass die Tanzszene in Österreich nicht so groß ist, wie sie sein könnte oder sollte. Es treten in den Hauptdisziplinen nur vier österreichische Paare an, keine Männer. Es gibt im Moment kein österreichisches Männerpaar, das so gut ist, dass es antritt. Es gab ein sehr tolles Männerpaar, das in den Medien recht präsent war und sich heuer zur Ruhe gesetzt hat. Ein Brite und ein Pole, die schon lange in Österreich leben und weiterhin eine Webseite betreiben. In den Disziplinen "Standard" und "Latein" treten also vier Frauenpaare an.
(dieStandard.at, 18.9.2007)

  • In den Disziplinen "Standard" und "Latein" treten vier Frauenpaare aus Österreich an. (Foto: Pez Hejduk)
    foto: pez hejduk
    In den Disziplinen "Standard" und "Latein" treten vier Frauenpaare aus Österreich an. (Foto: Pez Hejduk)
  • Der "Vienna Dance Contest 2007" findet am Samstag, 22. September, im "Haus Muskath" (Liesinger Platz 3, 1230 Wien) statt. (Foto: Pez Hejduk)
    foto: pez hejduk
    Der "Vienna Dance Contest 2007" findet am Samstag, 22. September, im "Haus Muskath" (Liesinger Platz 3, 1230 Wien) statt. (Foto: Pez Hejduk)
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