Minimalistische Erfrischungen einer Legende

18. September 2007, 17:49
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Erinnerungen an frühe Tage des postmodernen Tanzes, heiter, ironisch, sinnlich: US-Choreografin Trisha Brown kommt ins Tanzquartier Wien

Vorher gastierte sie am vergangenen Wochenende in Budapest.

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Mit einer Auswahl aus ihren Early Works, die ab Donnerstag auch im Tanzquartier Wien zu sehen sein werden, gastierte die Choreografin Trisha Brown am Wochenende im Budapester Performance Space Trafo. Brown – das ist eines der längst legendären Mitglieder des New Yorker Judson Dance Theater, das in den Jahren 1962 bis 1964 den postmodernen Tanz begründete. Zu der losen Gruppe gehörten auch Yvonne Rainer, Steve Paxton und Lucinda Childs.

Getroffen hatte man sich ab 1960 bei einem Choreografie-Workshop, der auf Einladung von John Cage in Merce Cunninghams Studio stattfand.

Darin ging es um das Forcieren von demokratischen Ideen und spielerischen bis mathematischen Methoden im Tanz. Das Erzählerische der Moderne à la Martha Graham wurde abgelehnt. Die Postmodernen interessierten sich eher für Intensitäten und nannten ihre Aufführungen "concerts".

Mehrmals Gast in Wien

Im Jahr 1970 gründete Trisha Brown ihre Tanzcompany, die das Werk der Künstlerin bis heute international präsentiert. In Wien war Brown mehrmals zu Gast, darunter 1994 bei ImPulsTanz zusammen mit Steve Paxton, wo die beiden auch eine gemeinsame Choreografie vorstellten. Im Jahr darauf gastierten zwei Gruppenarbeiten in Wien, und während der Kooperation von Wiener Festwochen und ImPulsTanz "tanz2000.at" zeigte die Choreografin drei Arbeiten, darunter auch eine, die von Robert Rauschenberg ausgestattet war.

Wenig überraschend, dass Brown – wie auch Yvonne Rainer, die im Oktober ebenfalls im Tanzquartier gastieren wird – zur documenta12 eingeladen wurde, wenn auch leider nicht kontextualisiert mit jüngerer zeitgenössischer Choreografie, die ohne die Einflüsse der Judson-Künstler ihren großen Aufbruch der 90ern nicht hinbekommen hätte. In Kassel waren unter anderem Browns choreografische Installation Floor of the Forest (1970) und Zeichnungen, die Brown 1999 und 2007 angefertigt hatte, zu sehen.

Minimalismus

Der Gegenwartstanz beschäftigt sich heute stark mit der Aufarbeitung seiner historischen Zusammenhänge. Mit Rückblicken und Rekonstruktionen wird intensiv Vergewisserungsarbeit geleistet. Erst jetzt wird der Entwicklungslinie von Dada, Bauhaus, Fluxus bis zu den Postmodernen und Konzeptualisten systematischer nachgegangen und über Wiederveranschaulichung reflektierbar gemacht.

Das Programm, mit dem die Trisha Brown Dance Company in Budapest auftrat und nun auch nach Wien kommt, fügt sich in diese Zeitströmung. Die sechs Early Works (1970–1974) der 1936 geborenen Choreografin sind minimalistisch und konzise. Accumulation ist ein kurzes Duett, in dem zwei einander gegenüberstehende Tänzerinnen nach einem bestimmten Muster eine Bewegung wiederholen, dann eine zweite anfügen, beide wiederholen, eine dritte dazunehmen und so weiter. Die Musik stammt von The Grateful Dead: Uncle John’s Band. In der Installation Floor of the Forest, die wie ein "Stück" in diesen Abend eingeflochten ist, hängen sich zwei Tänzer in Kleidungsstücke, die auf in einen horizontalen Rahmen gespannte Seile gefädelt sind. Die Körper versinken unter die Oberfläche des Rahmens und tauchen wieder auf, um in andere Hosen oder Pullis zu schlüpfen. Spannend wird es, wenn man sich als Zuschauer unter den Rahmen legt, was durchaus erlaubt ist.

Bei allem Minimalismus sind Browns Miniaturen keineswegs lapidar, sondern von einer in Bezug auf die spektakulären Aufmärsche des konventionellen Tanzes heiteren Ironie und Sinnlichkeit. Das wird besonders in Spanish Dance sichtbar, zu Bob Dylans Version von Gordon Lightfoots Song Early Morning Rain, in dem fünf Tänzerinnen das Stereotyp des "spanisch Tanzens" an die Wand fahren.

Browns präzise konzeptuelle Arbeiten der 70er-Jahre bieten einen kurzweiligen Einstieg in die emotionalen Ebenen des Minimalismus im Tanz und sind auch deshalb so frisch wie damals. Das Budapester Publikum hat diese Early Works jedenfalls mit Begeisterung aufgenommen. (Helmut Ploebst aus Budapest, DER STANDARD/Printausgabe,18.09.2007)

  • Tanz gegen Stereotype des "spanischen Tanzes": ein sehr spezieller "Spanish Dance", 1973 choreografiert von Trisha Brown.
    foto: tristan valés

    Tanz gegen Stereotype des "spanischen Tanzes": ein sehr spezieller "Spanish Dance", 1973 choreografiert von Trisha Brown.

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