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23. September 2007, 19:13
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Eröffnungskonzert des Brucknerfestes mit dem Gewandhausorchester Leipzig

Linz – "Wenn ich etwas Bedeutungsvolles zu sagen habe, muss ich doch vorher Atem schöpfen", meinte Anton Bruckner in Verteidigung der Pausen zwischen den Satzgliedern der 2. Sinfonie. Das war noch vor den später erfolgten Straffungen der Partitur, denen hunderte Takte und Experimentierfreude zum Opfer fielen. William Carragan rekonstruierte diese "Erstfassung", die Riccardo Chailly für die Eröffnung des Brucknerfestes auswählte, das gleichzeitig als "klassische Klangwolke" einige tausend Zuhörer im Donaupark verfolgten.

Es ist immer wieder verblüffend, wie Bruckner mit seinen Kanten, eigenwilligen harmonischen Schichtungen, Wiederholungen und Zäsuren auch die Ausführenden forderte, wie sehr er sich an den Rand der traditionellen Formen und zuweilen auch darüber hinauswagte. Dass dieser solitäre Personalstil heute offenbar leichter fassbar ist, zeigte der Jubel am Ende des finalen Klangrausches, den Chailly mit dem grandios aufspielenden Gewandhausorchester Leipzig entfachte.

In den beiden ersten Sätzen noch sehr auf Schönklang und weiche Linien bedacht, rückte er das Adagio in unmittelbare Mahler-Nähe und eröffnete mit dem fulminanten Finale den ganzen Kosmos Bruckner’scher Kühnheiten und Verrücktheiten im wörtlichen Sinn. Ein wenig experimentiert hatte auch der 14-jährige Mendelssohn Bartholdy mit dem Konzert für Violine, Klavier und Orchester in d-Moll aus dem Jahr 1823, das erstmals in der großen, von ihm selbst erstellten Orchesterfassung zu hören war: Abarbeiten an Mozart und anderen Vorbildern, Stilübungen und Virtuosität hieß die Devise.

Herausgekommen ist ein hübsches, reichlich langes und stellenweise mit einigem Esprit ausgestattetes Jugendwerk, das durchaus seinen berechtigten Platz in den Konzertsälen finden kann, wenn es mit derartiger Lust und Dynamik interpretiert wird wie von Frank-Michael Erben (Violine), Bernd Glemser (Klavier) und den prächtig aufgelegten MusikerInnen des Orchesters. (Reinhard Kannonier, DER STANDARD/Printausgabe,18.09.2007)

  • Der klassische Teil der Klangwolke mit Geiger Frank-Michael Erben – zu sehen auch im Donaupark.
    foto: brucknerhaus

    Der klassische Teil der Klangwolke mit Geiger Frank-Michael Erben – zu sehen auch im Donaupark.

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