Soziales Wirtschaften meint mehr - Plädoyer für eine Öffnung der Debatte

1. Oktober 2007, 15:27
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Wenn man heute auf die Suche nach Formen des sozialen Wirtschaftens geht, muss man mit der Gleichsetzung, Wirt­schaft ist Markt­wirtschaft, brechen - Von Adalbert Evers

Als ich von der Künstlergruppe WochenKlausur zur Teilnahme an einer Debatte zum sozialen Wirtschaften und hier vor allem zu Möglichkeiten lokal zu handeln (think global act local…) eingeladen wurde, da hatte ich nicht vermutet, dass sich diese Debatte mit so großer Ausschließlichkeit auf Fragen der Rolle von Zins und der Möglichkeiten von Regionalwährungen konzentrieren würde. Ich möchte mit meinem Beitrag auf einige andere Bedeutungen hinweisen, die soziales Wirtschaften heute hat, nicht nur weil ich sie für wichtig halte und mich seit Jahren damit beschäftige, sondern auch aufgrund einer gewissen Skepsis gegenüber dem möglichen Bedeutungsgewinn von regionalen Währungen u. ä.

Wenn man heute auf die Suche nach Formen des sozialen Wirtschaftens geht, dann muss man allerdings mit einer Gleichsetzung brechen, die nicht nur von Neoliberalen vertreten wird: Wirtschaft ist Marktwirtschaft. Tatsächlich wirtschaften aber auch Familien und Privathaushalte (man nennt das "moralische Ökonomie"); der Staat wirtschaftet, speziell auch als Sozialstaat (mit eigenen Krankenhäusern, Wohnungsbaugesellschaften, kommunalen Betrieben bei Wasser, Energie, Verkehr…). Und last not least hat man in der Gesellschaft in den letzten 150 Jahren zahlreiche Formen anderen Wirtschaftens gefunden. Auf diesen letzten Punkt will ich mich konzentrieren. Was haben wir da?

  • Altehrwürdige Einrichtungen: Genossenschaften z. B.; sie spielen seit jeher und immer noch eine große Rolle; aber auch Wohlfahrtsverbände wie die Caritas, die ebenfalls über Jahrzehnte zu Sozialwirtschaftsunternehmen eigener Art geworden sind
  • Mit 1968 und den Folgen entstand in den verschiedensten Bereichen eine ganze Welle von neuen Kultur- Umwelt und Sozialprojekten, bei denen - zum Teil mit erklärtem Anspruch, zum Teil ganz beiläufig - anders gewirtschaftet wird; das gilt übrigens auch für die vielen Beschäftigungsbetriebe, die quer durch Europa versuchen, in Bereichen von allgemeinem Nutzen wenigstens vorübergehend Arbeits- und Einkommensmöglichkeiten zu schaffen
  • "68" hatte aber auch Auswirkungen auf die traditionellen Elemente einer "économie sociale" (wie man in Frankreich treffend dazu sagt); oft waren sie ja darauf geschrumpft, lediglich für ihre Klientel zu sorgen, ohne dass darüber hinaus noch ein Reformfunke schlug –arrangiert mit der Macht, der sie immer ähnlicher geworden waren (man denke nur an Raiffeisen). Eine neue Generation von Managern und Sozialunternehmern weiß aber heute um die Widersprüche zwischen sozialen und kulturellen Ansprüchen und den Zwängen eines wirtschaftlichen und politischen Umfelds, das seine Prioritäten durchsetzen will und für die Chancen des anderen Wirtschaftens von "sozialen Unternehmen" kein Gespür hat.

Es geht also nicht nur um die Zukunft einer Handvoll von Sozialinitiativen, Bürgerstiftungen, Alternativgenossenschaften etc., sondern um einen sehr großen Bereich von Umwelt-, Sozial-, und Kultur-Wirtschaftseinrichtungen. Sie alle haben gemeinsam, dass Überschüsse zu erwirtschaften nur ein Ziel neben anderen ist. Je nach sozialer Einbettung und unmittelbar mitbestimmenden Gruppen und Interessenten, sind diese oder jene „Sachziele“ (so die Ökonomensprache) sozialer, kultureller und ökologischer Art gleichrangig. Sie sind andere Organisationsformen des Wirtschaftens, bei denen das "Soziale" nicht nur über den Wettbewerb um Kunden in die Organisation einfließt.

Ein Blick in die Zeitungen informiert darüber, was hier und heute die bedrohlichen Entwicklungen für diese real existierenden Formen sozialen Wirtschaftens sind. Die EU, viele Regierungen und Fachleute kennen nur noch eine Form des Wirtschaftens – markt-wirtschaftliche Konzepte, die durchwegs allen anderen Unternehmensformen als überlegen angesehen werden. So hält man in der Regel private Unternehmen, die staatlich reguliert werden, auch bei sozialen Aufgaben für die beste Alternative. "Gemeinwirtschaftliche" öffentliche Betriebe und Genossenschaften/Anbieter der Wohlfahrtsverbände als alternative Partner haben eine harte Zeit. Sozial- und Kulturprojekte werden auf Nischen der Nothilfe und der Bedienung von Spezialgruppen verwiesen, die wirtschaftlich nicht von Interesse sind.

Gibt es angesichts dessen nicht eine Menge Themen und Aufgaben für eine Debatte zu sozialem Wirtschaften? Wie kann man die beim Wort nehmen, die sich zwar als Sozialunternehmen bezeichnen, aber wo eine eigenständige lokal und sozial sensible Agenda kaum noch auszumachen ist? Wie viel ist der Gemeinde in ihrem Sozialhaushalt die Unterstützung der Arbeit lokaler Kultur-, Umwelt- und Sozialinitiativen wert? Werden sie als wirtschaftlich wertvoll anerkannt? Erlaubt der gegenwärtige Umgang mit ihnen Entwicklung oder nur Überleben?

Gegenwärtig wird hinter allem Gesellschaftlichem und Sozialem das Ökonomische entdeckt – wir sprechen von Ökonomismus. Das macht es um so notwendiger, Handlungs- und Wirtschaftsformen zu denken und zu stärken, bei denen es um eine Resozialisierung von Ökonomie geht. Es gibt viel soziales Wirtschaften vor Ort, es ist bedroht und man kann in vieler Hinsicht lokal etwas dafür tun. Sollte das nicht in der weiteren Debatte berücksichtigt werden?

Zur Person
Adalbert Evers wurde 1948 geboren. Er studierte an der Technischen Universität Aachen von 1967 bis 1973, wo er dann zehn Jahre lang als Universitätslektor arbeitete. 1983 wurde er an das Europäische Zentrum für Wohlfahrtspolitik und Sozialforschung in Wien berufen, als Leiter der Abteilung "Care Policies and Services". Seit 1993 ist er Professor für Vergleichende Gesundheits- und Sozialpolitik an der Universität Gießen. Zahlreiche Veröffentlichungen zur Sozialstaatsentwicklung international.
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    Die Künstlergruppe WochenKlausur lädt zur Erinnerung an das Freigeld-Experiment von Wörgl ExpertInnen zum "Kettendiskurs" - Adalbert Evers antwortet Stephan Schulmeister.

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