Alle Lehrer in einen Bundes-Topf

18. Februar 2008, 08:58
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Das österreichische Schulsystem braucht nicht mehr Geld, sondern weniger Bürokratie - Der Bund soll alle Lehrer zentral verwalten - Die Bildungsministerin stimmt den Empfehlungen des IHS zu

Wien – Nicht genügend. Hätte das IHS nicht eine ausführliche verbale Beurteilung des österreichischen Bildungssystems vorgelegt, sondern eine Note vergeben, dann hätten die Studienautoren ganz ans untere Ende der Skala gegriffen. „Ausgaben hoch und Ergebnisse mittelmäßig“, fasste der Chef des Instituts für Höhere Studien (IHS), Bernhard Felderer, die Ergebnisse der von Bildungsministerin Claudia Schmied (SPÖ) in Auftrag gegebenen, 194 Seiten starken „Ökonomischen Bewertung der Struktur und Effizienz des österreichischen Bildungswesens und seiner Verwaltung“ bei der Präsentation am Montag zusammen – fügte aber gleich hinzu: Am Geld liegt das nicht vorrangig.

„Wir empfehlen keine Ausgabenerhöhung, ohne dass es genaue Reformvorstellungen für ein effizienteres Bildungssystem gibt.“ Empfohlen hat Felderer etwas anderes: „Der geeignete Ort, um über die Reform des Schulwesens zu reden, ist der Finanzausgleich.“ Dort sollte der Bund gleich einmal daran gehen, alle Lehrer in die Bundesverantwortung zu holen, empfiehlt die von IHS-Bildungsforscher Lorenz Lassnig geleitete Gruppe. Ähnliches fordert auch der Rechnungshof. Felderer: „Die Personalverwaltung soll zentral an den Bund gehen.“

Laut IHS-Chef leidet Österreichs Schulsystem an einem „im internationalen Vergleich sehr hohen Anteil für Personalkosten“. Eine „effiziente Reform“ könnte im Pflichtschulbereich aber ein „Einsparpotenzial von 10 bis 12 Prozent“ holen. „Kostentreibende Faktoren“ seien „Klassenwiederholungen, Stundenplan-Erstellung, das merkwürdige Zulagensystem in der Lehrerentlohnung“, so Felderer. Wenn in Österreich ein Lehrer auf zehn Schüler komme, es aber trotzdem Klassen mit 35 Schülern gebe, „dann zeigt das Managementfehler.“

Defekte Bürokratie

Die Studienautoren nennen die österreichische Schulverwaltung „extensiv bürokratisch“, sodass „die Bezeichnung mit ,Autonomie‘ nicht gerechtfertigt erscheint“. Das System sei in sich „defekt“ mit „echten organisatorischen Fehlkonstruktionen“. Landes- und Bezirksschulräte zählt IHS-Chef Felderer dazu. Sie seien ersatzlos zu streichen. Felderer will zwei starke Pole im Schulwesen: zentral den Bund und lokal die jeweilige Schule mit viel mehr Autonomie, Elternmitsprache und regelmäßigen, externen Prüfungen. Das Geld an die Schulen soll nach dem Muster „je mehr Schüler, umso mehr Geld“ verteilt werden. Ministerin Schmied sagte zum IHS-Plan für eine Bundes-Lehrerzentrale: „Mir wäre das schon sehr recht, weil man den Lehrereinsatz viel besser steuern könnte“. Als anderes Beispiel für ineffizientes Management nannte Schmied die getrennte Raumbewirtschaftung von Bundes- und Landesschulen an einem Standort, die es unmöglich mache, auf Kapazitätsengpässe flexibel zu reagieren. Bildungsökonomisch zu hinterfragen sei auch die frühe Trennung in Hauptschule und AHS-Unterstufe.

Felderer wollte dazu zwar „kein eindeutiges Plädoyer“ für die Gesamtschule abgeben, sagte aber: „Wir dürfen keine Gruppe liegen lassen, das tun wir jetzt zu einem gewissen Grad.“ Die IHS-Studie kritisiert explizit, dass „die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und sozialen Umgebungsfaktoren für die Leistungserbringung im Bildungswesen nicht beachtet werden“, aber genau sie, „insbesondere der familiäre Hintergrund der SchülerInnen sind für die Gerechtigkeit und Chancengleichheit von wesentlicher Bedeutung“. (Lisa Nimmervoll/DER STANDARD Printausgabe, 18. September 2007

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    Klassenwiederholungen und das Zulagensystem für Lehrer kosten dem österreichischen Schulsystem besonders viel.

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