Die Macht der Bazillen

3. Oktober 2007, 14:59
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Haben probiotische Lebensmittel tatsächlich eine gesundheits­fördernde Wirkung? Mediziner über das "Pro" und "Kontra" der "abwehrstärkenden" Laktobazillen

Haben lebende Bakterien, die Nahrungsmitteln beigemengt sind, gesundheitsfördernde Wirkung? Durchaus, sagt der Immunologe Eric Claassen, der Gastroenterologe Thomas Hinterleitner findet dafür keine Beweise. Die Debatte moderierte Karin Pollack.

DER STANDARD: Die Grippezeit beginnt. Probiotische Produkte, die bestimmte Arten von Milchsäurebakterien enthalten, versprechen die Stärkung der Abwehrkraft. Zu Recht?

Claassen: Immunabwehr ist ein komplexes System, deshalb muss man unterscheiden. Gegen Influenza können probiotische Produkte sicher nicht schützen, sie können lediglich das Immunsystem unterstützen. Vor allem bei älteren Menschen hat sich oft ein positiver Effekt gezeigt. In anderen Bereichen, etwa bei bestimmten Durchfallerkrankungen ist die Wirkung von Probiotika durch Studien untermauert.

Hinterleitner: Das Problem an solchen Aussagen ist die Frage, wie die eben angesprochene Unterstützung des Immunsystems bewiesen werden kann. Ich kenne keine Methode, mit der man die immunologische Antwort des Körpers messen könnte. Wie will man beweisen, dass jemand die Grippe dank Probiotika nicht bekommen hat?

Claassen: Gerade ist im British Medical Journal eine Studie erschienen, die eindeutig belegt, dass aber bei Durchfallerkrankungen nach Antibiotikatherapie, Probiotika die Zeit der Erkrankung um drei bis vier Tage verkürzen können. Da gibt es Evidenz.

Hinterleitner: Man muss zwischen Immunantwort und dem Effekt innerhalb des Darms unterscheiden. In meinem Verständnis ist das nicht dasselbe. Wenn Probiotika die Immunabwehr stärken, dann sollte das doch gegen Influenza oder Diarrhö gleichermaßen gelten.

Claassen: Vielleicht tun wir gut daran, diese beiden Felder auseinanderzuhalten, andernfalls wird es nämlich ziemlich schnell eine akademische Diskussion darüber, wie Immunabwehr funktioniert.

DER STANDARD: Wie wichtig ist ein gesunder Darm?

Hinterleitner: Extrem wichtig, denn der Darm ist neben der Haut und der Lunge das dritte Organ, das direkt mit der Umwelt in Kontakt kommt. Es gibt Moleküle, die besser nicht in den Körper kommen sollen.

Tun sie es doch, müssen die Kontrollstellen im Darm reagieren. Die Schwierigkeit am Darm ist, dass der Körper darüber einerseits Nährstoffe aufnehmen, andererseits aber auch jede Gefahr, die über die Nahrung kommt, erkennen muss.

Claassen: Aber wir wissen extrem wenig darüber, wie der Darm funktioniert. Man könnte ihn mit einer Blackbox vergleichen, deren interne Mechanismen nicht geklärt sind. Jeder Mensch hat zirka eineinhalb Kilogramm lebende Bakterien im Darm.

DNA-Untersuchungen haben ergeben, dass es sich um zirka 700 bis 1000 unterschiedliche Arten handelt, von denen wir lediglich 200 bis 300 kennen, weil nur diese sich auch außerhalb des Darms kultivieren und dadurch untersuchen lassen. Die Erkenntnisse der letzten Jahre haben aber gezeigt, dass Bakterien den Körper mehr beeinflussen, als man dachte.

Hinterleitner: Der Körper befindet sich normalerweise mit diesen Bakterien in einer Balance. Es ist ein Zusammenleben. Die wenigsten Bakterien verursachen Erkrankungen.

DER STANDARD: Warum ist diese Balance schwer zu untersuchen?

Hinterleitner: Weil sich diese Bakterien gegenseitig permanent beeinflussen. Bakterien sind lebendige Organismen, die in einer Art von hierarchischem System koexistieren und sich je nach Anforderungen verändern.

Es gibt dominante und weniger dominante. Nur die wenigsten lassen sich im Stuhl nachweisen. Werden sie isoliert, reagieren sie anders. Außerdem ist die Bakterienzusammensetzung von der Nahrung abhängig.

DER STANDARD: Das sind schlechte Voraussetzungen für Studien ...

Hinterleitner: Eine Möglichkeit ist es, zu beobachten, wie sich die Darmflora bei Antibiotika, die ja bestimmte Arten von Bakterien killen, verhält. Damit wird ein eingespieltes System aufgebrochen, daraus lassen sich Schlüsse ziehen.

Claassen: Aber der Umstand, dass Antibiotika enorme Mengen von Bakterien im Darm killen können und dann anderen die Möglichkeit geben, sich zu entwickeln, ist doch interessant. Antibiotika verursachen Durchfall.

Das beweist doch, dass die Balance im Darm zwischen der Darmflora und Faktoren von außerhalb wie etwa Stress miteinander in einer Wechselwirkung stehen. Probiotika führen erwiesenermaßen dazu, dass sich die Bakterienbalance schneller wiederherstellt.

DER STANDARD: Gibt es gute und weniger gute Probiotika?

Hinterleitner: Gut und schlecht sind in dieser Frage keine Kategorie. Wir wissen, dass Milchsäurebakterien natürlicherweise im Darm vorhanden sind. Wir nehmen ständig Bakterien über die Nahrung auf, und alles ist gut, solange es nicht krank macht. Viele Bakterien werden von der Magensäure gekillt. Der größte Unsinn ist die Vorstellung, dass sich zugeführte Bakterien wie Blumen im Darm ansiedeln lassen.

Claassen: Aber viele Patienten haben Probleme mit dem Darm, das ist eine Tatsache. Probiotika können helfen. Jeder sollte das einfach für sich herausfinden. Nur eines ist klar: Auch Ernährung spielt eine wesentliche Rolle. Wer statt Gemüse, Obst und Getreideprodukten immer nur Junkfood und viel weißen Zucker isst, dem helfen Probiotika sicher auch nicht.

DER STANDARD: Gibt es einen Konnex zwischen Probiotika und Allergien?

Claassen: Wir wissen, dass es einen Effekt auf Hautallergien und allergische Reaktionen der Atemwege gibt. Derzeit laufen über 26 Studien; in einer Metaanalyse hat Lynn McFarland dazu Ergebnisse geliefert. Die Kernaussage: Laktobazillen können die klinischen Symptome von Allergien unterdrücken.

Sie können nicht die Allergie an sich, sondern die Auswirkungen mildern. Eine definitiv interessante Arbeit ist auch die der Finnin Erika Isolauri, die 2002 einen Zusammenhang zwischen Probiotika und Allergien nachweisen konnte. Der Darm und der Rest des Kör-pers kommunizieren miteinander.

Hinterleitner: Aber wie, das lässt sich nicht einmal im Tierversuch nachweisen. Probiotika verschwinden einfach, sind nicht mehr im Stuhl nachweisbar. Als Verfechter der evidenzbasierten Medizin kann ich keine Beweise finden.

DER STANDARD: Gilt der Satz "Hilft's nichts, schadet's nichts"?

Hinterleitner: Das ist eine sehr simple Position, die mich als Wissenschafter nicht weiterbringt.

Claassen: Probiotika gibt es seit 75 Jahren, und es gibt keinen Hinweis darauf, dass sie jemandem geschadet hätten.

Hinterleitner: Betrachten wir die Sache aber doch einmal anders. Was ist mit den Menschen in der Dritten Welt. Dort gibt es keine ausgewogene Ernährung.

Claassen: Das ist das Afrika-Paradoxon. Man weiß, dass auch Kinder in Ägypten Allergien haben, aber sie zeigen keine klinischen Symptome, weil ihr Körper damit befasst ist, andere Krankheiten abzuwehren.

Hinterleitner: Genau. Das heißt also, dass bestimmte Krankheiten andere unterdrücken.

Claassen: Exakt. Wir leben in einer zu sauberen Umgebung, unser Körper bekommt gar nicht mehr die Möglichkeit, sich gegen bestimmte Erreger zu wehren. Nicht nur die Umgebung ist zu sauber, auch die Nahrung ist es. Darin wird die Ursache für Allergien vermutet. Wir in der westlichen Welt müssen also Wege in ein "natürlicheres Umfeld" finden. Bakterien sind entscheidend.

DER STANDARD: Lässt sich die Qualität von Probiotika einschätzen?

Claassen: Ein zentraler Punkt ist die Dosierung, die nicht unter einer Milliarde Bakterien pro Dosis liegen darf. In den Niederlanden sind insgesamt 29 Produkte auf dem Markt. Unsere Nahrungsmittelbehörde hat die gesundheitsfördernde Wirkung für drei Produkte - Activia, Vivit und Yakult - attestiert. Dafür mussten die Hersteller Dossiers vorlegen.

DER STANDARD: Gibt es so eine Zulassung auch in Österreich?

Hinterleitner: Nein, denn Probiotika sind Nahrungsmittel und keine Medikamente. Ohne Beweise dürfen Hersteller keine Heileffekte geltend machen.

Claassen: Es gibt den Trend zu Functional Food, also Lebensmitteln, die eine gesundheitsfördernde Wirkung versprechen. Um Wildwuchs zu vermeiden, hat die EU europäische Richtlinien für Functional Food erarbeitet. Sie sollen leeren Versprechungen Einhalt gebieten, ich halte das für einen wichtigen Schritt.
(Karin Pollack, DER STANDARD, Printausgabe, 17.09.2007)

  • Eric Claassen (50), niederländischer
Biologe und Mediziner
arbeitete als Immunologe
an der Universität
Rotterdam, wo er sich mit
Laktobazillen und Autoimmunerkrankungen
auseinandersetzte.
Später war
er Forschungsleiter am Institut
für "Animal Science
and Health" und an mehr
als 150 wissenschaftlichen
Arbeiten beteiligt. 2001 wurde
er Professor für Entrepreneurship
in Life Sciences
an der Uni Amsterdam. Er
arbeitet heute als Berater im
Bereich Life-Sciences. (pok)
    foto: cma

    Eric Claassen (50), niederländischer Biologe und Mediziner arbeitete als Immunologe an der Universität Rotterdam, wo er sich mit Laktobazillen und Autoimmunerkrankungen auseinandersetzte.

    Später war er Forschungsleiter am Institut für "Animal Science and Health" und an mehr als 150 wissenschaftlichen Arbeiten beteiligt.

    2001 wurde er Professor für Entrepreneurship in Life Sciences an der Uni Amsterdam.
    Er arbeitet heute als Berater im Bereich Life-Sciences. (pok)

  • Thomas Hinterleitner,(46) ist
Gastroenterologe an der
Med-Uni Graz.Seine Spezialgebiete:
Morbus Crohn
und entzündliche Darmerkrankungen.
Vor Kurzem
hat er mit seinem Kollegen
Christoph Högenauer die
Bedeutung des Darmbakteriums
Klebsiella oxytoca
beschrieben und im New
England Journal of Medicine
publiziert.Der gebürtige
Obersteirer hat mehrere
Forschungsaufenthalte in
den USA absolviert und arbeitet
seit 1995 an derMed-
Uni Graz. (pok)
    foto: med-uni, graz

    Thomas Hinterleitner,(46) ist Gastroenterologe an der Med-Uni Graz.

    Seine Spezialgebiete: Morbus Crohn und entzündliche Darmerkrankungen. Vor Kurzem hat er mit seinem Kollegen Christoph Högenauer die Bedeutung des Darmbakteriums Klebsiella oxytoca beschrieben und im New England Journal of Medicine publiziert.

    Der gebürtige Obersteirer hat mehrere Forschungsaufenthalte in den USA absolviert und arbeitet seit 1995 an derMed- Uni Graz. (pok)

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