Nicht wirklich objektiv

4. Juli 2007, 18:00
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Dass Neonazi-Typen mit Strache in der Brigittenau demonstrierten, überraschte nicht. Schlimm zu sehen war, wie rasch und gern "Normalos" mitbrüllten

Es war am Donnerstag. Da rief irgendwer an und fragte, ob ich ganz durchgeknallt sei: Wie ich dazu käme, öffentlich und als telefonischer Vor-Ort-Erzähler auf Puls-TV zu sagen, dass ich gar nicht so viel kotzen könne, wie mir gerade schlecht sei. Wo, fragte der namenlose Anrufer, denn da meine Objektivität bliebe?

Ich legte auf. Weil ich manche Diskussionen nicht führe. Nicht mit Leuten, die selbst anonym bleiben. Und – und das ist wichtiger – weil mir immer noch schlecht war. Und das einzige, was mich beruhigte war, dass es der Kollegin von der Presse, dem Kollegen vom Kurier und vielen anderen Journalisten, denen ich da auf der Demo in der Brigittenau begegnet war, wohl nicht besser ging.

Moschee-Ade

Wir waren auf der Moschee-Ade-Demo gewesen. Und jeder von uns hatte sein ganz persönliches, grausiges Erlebnis gemacht: So unterschiedlich die Bits & Pieces waren, schien der Schock bei allen aus demselben Eindruck zu resultieren: Wir sahen, dass und wie es funktioniert. Wir spürten, dass es wieder passieren kann. Wir lernten, wie leicht sich Geschichte wiederholen kann. Und wie wenig es braucht, um das, was wir für Fundamente der Zivilisation halten, als hauchdünne, leicht abzukratzende Firnis, zu enttarnen.

Das lag gar nicht so sehr an den vielleicht 100 deklarierten Neonazis und ihrem "Nationaler Widerstand"-Gebrüll: Solche Figuren kennt und erkennt man. Mit denen wird die Polizei fertig – aber was tut man mit denen, die sich im Windschatten diesen Parolenbrüller plötzlich trauen? Wieder trauen?

Akustische Verschiebung

Das "Jud, stell dich da rüber, dein Transport kummt a no" hatte ich (und der Agenturfotograf neben mir) noch von einem Normalo-Grüppchen am Gehsteig den daneben stehenden "Thor Steinar"-Jackenträgern zuzuschieben versucht. Aber dann, als der Zug marschierte, klappte das nicht mehr.

Nicht nur aus meiner Perspektive: Der Kuriermann erzählte von "der Fetzen ist zum Putzen da, der gehört nicht auf den Kopf"-Rufen. Die Frau von der Presse von braven Bürgern, die fröhlich eindeutige Aufkleber auf ihren Jacken trugen. Und anderen, die auch keinerlei Anstalten machten, da eine Trennlinie zu ziehen. Ich war still: Ich hatte einen Kloß im Hals.

Stinkefinger

Da war der Skin gewesen, der sich wie ein Kreisel mitten auf der Straße gedreht hatte und den aus den Fenstern schauenden türkischen (oder woher auch immer stammenden) Familien beidarmig den Stinkefinger gezeigt hatte. Und aus einem einzigen Fenster (oder einem Lokal) war mit starkem Akzent der Ruf "He, was soll das denn alles?" gekommen. Als Antwort auf diese "Provokation", brüllte ein Mann – ein ganz normaler, mittelgroßer, mittelalter, mittelblader Wiener -, der drei, vielleicht vier Meter neben mir ging, einen (wohl) türkischen Geschäftsmann, der da auf der Schwelle seines Ladens stand und dem Treiben zusah an: "Komm raus, wenn du dich traust."

Der Türke zuckte zusammen und machte einen Schritt ins Geschäft zurück. Ich blieb vor der Tür stehen. Vermutlich vor Schreck. Oder weil meine Beine nicht einmal durch die Gehsteigkante getrennt auf gleicher Höhe mit dem Mann bleiben wollten. Jedenfalls ganz bestimmt nicht, weil ich da ein Zeichen von Zivilcourage setzen wollte. Aber vielleicht sah es ja so aus, als wolle ich verhindern, dass der unauffällige, ganz normale Bürger (der auch noch gut einen halben Kopf kleiner war als ich) ins Geschäft hineinkäme.

"Was haben wir denn getan?"

Der Geschäftsmann sagte nur einen Satz: "Der Mann kauft fast jeden Tag bei mir ein." Es klang so, als wolle er sich und mich beruhigen. Dann wiederholter er den Satz. In einem anderen Tonfall: "Der kauft fast jeden Tag bei mir ein." Er sah mich an: "Verstehst du das? Was haben wir denn getan?" Eine junge Frau, die dem Demozug am Gehsteig entgegengekommen war, stand so fassungslos da wie ich – aber sie konnte immerhin stammeln: "Das hatten wir schon. Es hat so und hier begonnen." Dann begann sie zu weinen.

Später sagte ich dann öffentlich übers Stadtfernsehen, dass ich gar nicht so viel kotzen könne, wie mir immer noch schlecht sei – und wurde von einem Anonymus telefonisch gerügt. Vermutlich war ich ja wirklich nicht objektiv. Aber damit habe ich echt kein Problem. (Thomas Rottenberg, derStandard.at, 17.9.2007)

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