"Hellgrau, mittelgrau, dunkelgrau"

5. Oktober 2007, 17:01
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Dorotea Rebmann, Expertin für Wirtschafts­kriminalität über typisch Österreichisches bei Wirtschaftsgaunerei und über fließende Grenzen zwischen Kreativität und Kriminal

STANDARD: Waren Sie schon beim Bawag-Prozess?

Rebmann: Nein. Ich werde auch nicht dort sein – eine Zeitfrage. Ich war aber bei einem großen Wirtschaftsverfahren Sachverständige, beim WEB-Prozess. Ich weiß, was da abläuft.

STANDARD: Aber es ist immerhin der größte Wirtschaftsprozess der Zweiten Republik.

Rebmann: Natürlich interessiert er mich, so wie jeden in diesem Berufsstand.

STANDARD: Weil einer Ihrer Berufskollegen angeklagt ist?

Rebmann: Die Öffentlichkeit differenziert nicht. Es ist "der Wirtschaftsprüfer", der da auf der Anklagebank sitzt. Das schadet uns allen, egal, ob der Mann wirklich etwas falsch gemacht hat oder nicht – was gar nicht so leicht zu beweisen sein wird. Aber die Bawag ist etwas Besonderes, ein Teil der Seele des Österreichers.

STANDARD: Gibt es in der Wirtschaftskriminalität eigentlich etwas typisch Österreichisches?

Rebmann: Es gibt unterschiedliche Wahrnehmungen: Ein Schweizer findet es vielleicht völlig unvorstellbar, dass man ein Haus baut ohne Architekten oder ohne Rechnung für einzelne Ziegel. Das ist für ihn halbkriminell. Auf der anderen Seite sehen Schweizer gewisse Steuervergehen gar nicht als Straftat. Es gibt aber in Österreich immer noch eine geringere Wahrnehmung, was Bilanzdelikte angeht. Sie kommen laut Statistik weniger oft vor – aber ob sie wirklich seltener sind als anderswo?

STANDARD: Woher kommt das?

Rebmann: Das Bewusstsein für Corporate Governance, für das, was man tut und was nicht, ist verschoben.

STANDARD: Werden die jüngsten Skandale und Affären hier etwas bewirken?

Rebmann: Ich habe keine Kristallkugel. Es ist nur traurig, dass es so weh tun muss. Mit jedem Skandal verändert sich das Bewusstsein – tatsächlich. Korruption ist heute ein Thema, das man zumindest einmal ansprechen kann.

STANDARD: Wie war das früher?

Rebmann: Vor zehn Jahren hat es das in der Wahrnehmung der Menschen nicht gegeben. Das sehen auch meine Kollegen in der normalen Abschlussprüfung. Wenn man gegenüber einem Vorstandsmitglied früher "fraud" nur erwähnt hat, haben diese extrem allergisch reagiert und gefragt, wie wir uns erdreisten könnten, solche Fragen zu stellen. Heute ist das kein Problem mehr.

STANDARD: Ihre Profession heißt "Forensic Accounting", übersetzt: "kriminalistische Wirtschaftsprüfung". Im Lichte der jüngsten Ereignisse wird über die Praxis der Aufwertungsgewinne bei Immobilienfirmen diskutiert. Wo ist die Grenze zum Bilanzfrisieren?

Rebmann: Da kommen Sie in eine Diskussion, die an die Grundfesten des Accountings geht. Die IFRS-Richtlinien (International Financial Reporting Standards, seit 2003 in der EU anzuwenden, Anm.) gehen nun einmal davon aus, dass es einen realen Wert gibt. Das ist der, um den ein Gebäude verkauft würde. Schwierig wird es einfach dann, wenn aus irgendwelchen Gründen ein Druck besteht, bestimmte Werte ausweisen zu müssen.

STANDARD: Wenn die Bilanz gut aussehen muss, um Aktionäre zufrieden zu stellen. Wo ist die Grenze zur Fälschung?

Rebmann: Da gibt’s kein Weiß und kein Schwarz. Da gibt’s hellgrau, mittelgrau, dunkelgrau. Man kann immer nur sagen, ein Wert ist plausibel oder nicht: er ist richtig oder falsch. Spannend würde es dann werden, wenn man merkt, dass auf Gutachter Druck ausgeübt wurde.

STANDARD: Was tut man dann?

Rebmann: Korrespondenzen und Dokumente suchen und nachschauen, ob dem Druck nachgegeben wurde. Beim Bewerten hat man große Ermessensspielräume, es ist eine Wissenschaft. Aber wenn ein Parameter in einem Jahr plötzlich ausreißt, muss man die eine oder andere Frage stellen.(Leo Szemeliker, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.9.2007)

ZUR PERSON: Dorotea Rebmann ist Partnerin der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Pricewaterhouse Coopers (PWC) in Österreich.
  • Dorotea Rebmann, Spezialistin für "Forensic Accounting und Investigations".
    foto: standard/urban

    Dorotea Rebmann, Spezialistin für "Forensic Accounting und Investigations".

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