Ein Laptop für jeden Volksschüler

16. September 2007, 18:39
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Eigentlich für Entwicklungsländer konzipiert, will das Unterrichtsministerium die "One Laptop Per Child"-Initiative auch an Österreichs Schulen ausprobieren

Auch Österreich will sich an der Initiative "One Laptop Per Child" (OLPC) des "IT-Gurus" Nicholas Negroponte beteiligen und Erfahrungen mit dem "100-Dollar-Laptop" im Unterricht sammeln. Ab Anfang 2008 sollen rund 100 Kinder in vier Volksschulklassen ihren eigenen Laptop zum Lernen bekommen, erklärte Aaron Kaplan, Begründer und Obmann von OLPC Austria, dem Standard.

Erfahrungen

Vor wenigen Monaten gründete Kaplan den Verein OLPC Austria zur Unterstützung des internationalen Projekts, aber auch, um damit in Österreich Erfahrungen zu sammeln. Rund ein Dutzend Personen sind dafür in Österreich aktiv und ehrenamtlich tätig.

"Die erste Frage von OLPC Cambridge" - dem Sitz des internationalen Vereins bei Boston - "war, warum wir ein Projekt für Entwicklungsländer in einem entwickelten Land starten wollen", erzählt Kaplan. "Aber wenn Entwicklungsländer sehen, dass es in entwickelten Ländern klappt, dann sind sie überzeugt, dass es gut sein muss." Man wolle demonstrieren, dass es "kein billiger Schrott ist, sondern das Beste, was es in diesem Bereich gibt", sagt Kaplan, der am Technikum Wien über Betriebssysteme lehrt und einer der "Funkfeuer"-Initiatoren war, einem experimentellen Funknetz für Onlinezugang.

170 Dollar

Der "100-Dollar-Laptop" (derzeit kostet das Gerät rund 170 Dollar, höhere Stückzahlen sollen bis Ende 2008 dazu führen, das Preisziel zu erreichen) wurde im Hinblick auf die Benutzung durch Kinder und die Umweltbedingungen von Entwicklungsländern gebaut: überaus robust, schlag- und spritzwasserfest, mit einem Display, das auch im Sonnenlicht exzellent zu lesen ist, der Möglichkeit, über einen kleinen angeschlossenen Handgenerator das Gerät wieder aufzuladen, und einem Mesh-Funknetzwerk, bei dem jeder Laptop mit jedem anderen ein Netz und so seine eigene Infrastruktur bildet. Die Software, die weltweit entwickelt wird, soll sowohl von der OLPC-Initiative als auch von weiteren Open-Source-Communities kommen.

Software und Funktechnik machen den Laptop vom Start weg zu einem Werkzeug gemeinsamen Arbeitens: Auf dem Display sieht man jederzeit, wer (und welche Informationsquellen) sich im Umfeld befinden. Und jedes Programm, jedes Dokument, an dem jemand arbeitet, kann gleichzeitig von anderen bearbeitet werden, wenn es zum gemeinsamen Gebrauch freigegeben wird, erklärt Simon Dorner, der als Grafiker und Webdesigner bei OLPC Austria mitmacht.

"Neue Arten des Lernens zu finden"

"Neue Arten des Lernens zu finden" sei der Grund und das Ziel, warum jedes Kind seinen eigenen Laptop haben soll, erklärt Kaplan. Als Beispiel erzählt er von einer Klasse mit Zehnjährigen, die mithilfe von Software zur Simulation des freien Falls und unter Anleitung ihrer Lehrerin selbst dem Gesetz der Schwerkraft auf die Spur kommt: durch Experimente mit unterschiedlich schweren Körpern, die von einem Schuldach fallen gelassen und mit Video und Stoppuhr beobachtet werden, um anschließend mit der Simulationssoftware Bild um Bild analysiert zu werden, um zu verstehen, wie die Schwerkraft wirkt.

Dynamisch

"Bei Naturwissenschaften wird Lernen durch Software gut unterstützt, aber wie das zum Beispiel bei Sprachen oder Musik geht, das wollen wir herausfinden", beschreibt Kaplan. Das Projekt sei "dynamisch und kann in viele Richtungen gehen, die Verwendung des Laptops kann dann in Österreich ganz anders aussehen als in anderen Ländern."

Auch den Prozess der Entwicklung von Lernsoftware wolle man in Gang setzen, sagt Dorner. Dazu veranstaltet OLPC Austria einen weltweiten "activity challenge", einen Wettbewerb zur Erstellung von Lernsoftware - Sponsoren für Preise werden noch gesucht.

Für die heimischen Laptops hat Helga Schmidt von OLPC Austria eine coole Tasche designt (Bild) - die Schnittmuster-Software ist auf dem Gerät.

Für den Unterrichtssektor sei die Open-Source-Idee besonders interessant, erklärt Kaplan, da dadurch die Kosten für Softwarelizenzen sinken. Open Source öffne eine größere Plattform zur Entwicklung geeigneter Programme, die leicht weitergegeben und weiterentwickelt werden können.


Österreichische "One Laptop Per Child"-Initiative: Obmann Aaron Kaplan, Simon Dorner mit "XO".

Vorrangig sei jetzt die Suche nach Schulklassen, die sich an dem Pilotprojekt beteiligen wollen, idealerweise mit Lehrern, "die eine Brücke zwischen der Informatik und dem pädagogischen Konzept schlagen können" (Kaplan). (Helumt Spudich, Der Standard, Printausgabe 15.9 .2007

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    foto: der standard /spudich
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