Die allzu schöne Leere

14. September 2007, 21:51
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Wozu braucht die Welt die Menschen? Ginge es nicht besser auch ohne uns? Je ernüchternder die Zeiten, desto üppiger blühen die Träume und Visionen von einer posthumanen Zukunft

Am Wiener Stephansplatz sinniert Jonas über die Zukunft, die nahe wie die ferne: "Er dachte an den 4. September. An jenen in zwei Wochen. Und an jenen in tausend Jahren. Es würde kein Unterschied zwischen den Tagen bestehen, kein nennenswerter jedenfalls. Er hatte einmal gelesen, wenn es der Menschheit glückte, sich selbst auszurotten, würden nur hundert Jahre verstreichen, bis keine Spur ihrer Zivilisation mehr vorhanden sei. Am 4. September in tausend Jahren würde also all das von ihm verschwunden sein."

Eines Morgens ist Jonas aufgewacht und war allein auf der Welt. Langweilig wie ihm ist, erfüllt er sich einen lang gehegten Wunsch: Er besorgt sich einen roten Alfa Spider und rast mit Höchstgeschwindigkeit über die verlassene Autobahn. Später - wenig Erfreuliches ist geschehen - gelangt er schlaflos nach England.

Jonas, der Held in Thomas Glavinics grandiosem Nachtstück Die Arbeit der Nacht, gehört zur Spezies der letzten und allerletzten Menschen. Hätte ihn der Autor statt durch den Eurotunnel nach Paris geschickt, hätte Jonas vielleicht im 2. Stock des Louvre im Saal 51 Gefallen an zwei Bildern von Hubert Robert (1733- 1808) gefunden. Das erste zeigt die Grande Galerie, so wie sie sich den Besuchern 1796 präsentierte, im zweiten Bild scheint der Maler eine Zeitmaschine bestiegen zu haben. Seine "Imaginäre Ansicht des Louvre als Ruine" zeigt die Sammlung in ihrem wahrscheinlichen Zustand in 2000 Jahren. Die Bilder sind verschwunden, das Dach ist eingestürzt, die Skulpturen liegen in Trümmern.

Der archäologisch-futurologische Blick Roberts wäre ganz nach dem Geschmack von Ronald Wright. Eine "wissenschaftliche Romanze" nennt der englische Schriftsteller seinen Sciencefiction-Roman Die Schönheit jener fernen Stadt. Sein Held, der Archäologe Dr. David Lampert, ist ein klassischer Zeitreisender. Mit der Zeitmaschine von H. G. Wells besucht er London im Jahr 2500, nunmehr ein tropischer Dschungel, von der Menschheit sind allerdings nur noch "ein paar degenerierte Reste" übrig, die anderen dahingerafft vom Creutzfeldt-Jakob-Virus. In Cormack McCarthys Roman Die Straße schließlich wandeln Vater und Sohn einsam im Aschenregen durch die USA, bedrängt von kannibalischen Überlebenden einer unbestimmten Katastrophe. Die düstere Endzeitphantasie des Texaners wurde zu Jahresbeginn mit dem Pulitzerpreis ausgezeichnet.

Ob bei Glavinic, Wright oder McCarthy oder gar in Michel Houellebecqs Die Möglichkeiten einer Insel: So viel schrecklich-schöne Zukunft gab es schon lange nicht. Überleben ist hier offenbar nur noch ein erzähltechnisches Erfordernis.

Noch einen Schritt weiter geht der amerikanische Wissenschaftsjournalist Alan Weisman. In Die Welt ohne uns hat sich der Homo sapiens im evolutionären Mensch-ärgere-dich-Nicht quasi selbst geschlagen und spekuliert als Kiebitz über den weiteren Verlauf der Partie ohne ihn. Was bleibt vom Menschen, wenn einmal ordentlich Gras über seine Sache gewachsen ist? Auf lange Sicht nicht allzu viel: Plastik zum Beispiel. Seit dem Zweiten Weltkrieg hat der Mensch rund 110 Milliarden Kilo Kunststoffe erzeugt, die Evolution hat bislang keine Mikroorganismen erfunden, die in der Lage wären, die persistenten Polymere zu verdauen. "Polyethylen lässt sich biologisch in keinem vernünftigen Zeitraum abbauen", sagt der Kunststoffexperte Tony Andrady am Research Triangle in North Carolina. Acryl, Plexiglas, die Reste von Plastiktaschen werden, von Sediment bedeckt, bis ans Ende der Tage in der Erde lagern oder in pulverisierter Form durch die Ozeane treiben.

Mit kindlicher Angstlust verfolgt Weisman die Schwundstufen des Humanen, auf einer Weltreise des Verschwindens zeichnet er das Bild einer Welt ohne Menschen nach. Was wäre, fragt Weisman halb jubelnd, halb trauernd, wenn die Menschen plötzlich verschwunden wären? Zur Beantwortung der Frage hat Weisman dutzende Wissenschafter wie Andrady aus den unterschiedlichsten Disziplinen befragt. Mit dem Modus des Untergangs hält sich Weisman nicht lange auf, das Gedankenexperiment könnte morgen beginnen, etwa in einem plötzlich entmenschten Manhattan: Zunächst bricht Wasser die harte Schale der Stadt auf, ohne die 753 Pumpen der New Yorker U-Bahn wird die Stadt binnen Kurzem geflutet, die Lexington Avenue stürzt ein und wird zum Flussbett. Gewaltige Feuerstürme, angefacht von explodierenden Gasleitungen und Blitzeinschlägen, fegen über die Stadt hinweg. Im Wechsel der Gezeiten platzen Asphalt und Beton, erste Pionierpflanzen, Feldklee und Gelbkraut siedeln sich in den Rissen an, Giftefeu rankt sich an den Mauern empor.

Nach 200 Jahren beginnt die Herrschaft des Waldes, die Wolkenkratzer stürzen infolge der ständigen Unterspülung ein, Hirsche, Bären und Kojoten streichen durch die Ruinen. Die Hunde zahlen den Preis für ihr Nahverhältnis zum Menschen und sterben aus. Wie im Übrigen die Kakerlaken und Ratten, Pferde und Rinder. Sie erfrieren oder verhungern, werden verdrängt und gefressen. Die Katzen finden dagegen in den neuen Singvögel- und Eichhörnchenpopulationen der Wälder ausreichend Nahrung und überleben das nächste Jahrtausend. Während die Natur alle Spuren der Zivilisation an der Oberfläche langsam tilgt, liegt im Hafenbecken unter einer dicken Muschelkruste die Freiheitsstatue, chemisch etwas verändert, aber auch nach tausenden Jahren noch gut erkennbar. Freilich: nur noch für die Fische.

Es ist eine öde und unbehauste letzte Welt, die Weisman beschreibt, aber sie ist auch - Unterpfand für den globalen Bestsellererfolg des Buches - paradiesisch schön. Und wie bei jeder Utopie sind auch die Fundamente von Weismans Luftschlössern fest in der Gegenwart verankert. Mit Gott hat Weisman nichts am Hut, seine Menschenleere ist jedoch religiös getönt. Wie jede Utopie ist sie zugleich "Seufzer der bedrängten Kreatur wie sie Geist geistloser Zustände ist" (Karl Marx). In der Genesis ist der Garten Eden genau verortet. Er liegt zwischen den Flüssen Pischon, Gichon, Chidekel und Perat, bevor ihn die schlangengläubige Eva und der schwachsinnige Adam verlassen mussten, um fortan erbschuldig die Erde zu beackern. Noch Christoph Kolumbus hat sich ernsthaft auf die Suche nach dem irdischen Paradies begeben und es zu lokalisieren versucht. Bekanntlich vergeblich (er fand nur Amerika), und spätere Gelehrtengenerationen begannen, statt auf der Raum- auf der Zeitachse zu recherchieren.

Seit dem 18. Jhd. liegt die Anderwelt zumeist in der Zukunft, in einer neuen, anderen, manchmal sogar besseren Gesellschaft, die in ihrer abgrundtiefen Differenz zur Gegenwart das Jetzt des Lesers charakterisiert. Die Diagnosen fallen unterschiedlich aus. In Louis Sébastian Merciers Das Jahr 2440 erkundete 1770 erstmals ein Langzeit-Schläfer die Zukunft, er stößt auf eine neue aufgeklärte Bildungsgesellschaft, in der Vernunft und Toleranz herrschen. In Sleeper wird Woody Allen als Miles Monroe 200 Jahre nach Mercier ganz andere Erfahrungen machen.

Auch die religiösen Paradiesvorstellungen sind einem steten kulturellen Wandel unterworfen. Im Koran ist das Paradies ein gepflegter, überaus zivilisierter Ort. Jeder Bewohner besitzt ein Schloss, das siebzig Paläste mit je siebzig Zimmern umfasst, Gold, Teppiche, Edelsteine und, nicht zuletzt, ganze Heerscharen ewig jungfräulicher Huris. Im christlichen Mittelalter prägten klösterliche Vorstellungen das Bild vom Paradies: von außen eine geschlossene Stadt mit goldenen Mauern, innen ein herrlicher Garten. Das bevorzugte Modell ist das himmlische Jerusalem. Im Barock ist es der französische Garten, der die Sehnsucht stillt, mit dem Fortschritt der Aufklärung erscheint Eden zusehends als Raum der unberührten Natur, einer imaginierten Wildnis vor dem Menschen.

Kein Anfang freilich ohne Ende, wie die von Hans Petschar herausgegebene Geschichte von Alpha und Omega vermerkt: Die Visionen vom Paradies, ob dies- oder jenseitig, sind stets an die Apokalypse gekoppelt. Jahrzehntelang dominierte dabei die Atomangst die Schreckensvision vom Ende, seit Kurzem erscheinen die apokalyptischen Reiter eher miniaturisiert in viraler Form, der Ausgang des Kampfes bleibt zusehends ungewiss: Verhinderte noch ein beherzter Dustin Hoffmann in Outbreak die finale Pandemie, ist im Horror-Schocker 28 Weeks der Rage-Virus, dem die gesamte Bevölkerung Englands zum Opfer fällt, unbesiegbar. Menschen werden nach Austausch von Körperflüssigkeiten augenblicklich zu Untieren, den Rest erledigt die US-Army mit Code Red. Ein Drehbuch wie von Ulrich Horstmann unter LSD.

Aber geht's nicht auch ohne uns, scheinen Eventualbiologen wie Weisman zu fragen. Die neuen Mieter in Adornos Grand Hotel Abgrund entspannen sich und genießen den schönen Ausblick auf eine Welt ohne Menschen. Es scheint, als habe der Zeitgeist zu Beginn des 21. Jahrhunderts ein wenig an der Uhr gedreht: Statt fünf Minuten vor, ist es plötzlich fünf nach zwölf.

Dabei: So viel technischer Fortschritt hat es schon lange nicht gegeben. Die Nasa macht wieder Fahrt, Gentechnologen versprechen das Ende des Sterbens, und eine fröhliche, marktwissenschaftlich organisierte Biowelle schwappt in die Regale der Supermärkte und ins Bewusstsein zumindest der Wohlhabenderen. Selbst hartgesottene Kapitalisten wie Bill Gates, Warren Buffett und Richard Branson wandeln sich zu Philanthropen und verschreiben sich gemeinsam mit der Politik dem Projekt der Weltsanierung. Sogar das Rauchen wird verboten.

Doch mit dem Rettenden wächst auch die Gefahr. Die rezenten Futurologen wie Weisman scheinen allerdings des ewigen Warnens müde, und vielleicht ist gerade das die effektivere Strategie. Sie sind gleichermaßen ernüchtert vom Weltgeschehen und immer noch trunken von der Sehnsucht nach Schönheit. Die Kombination ist unterhaltend. In gewissem Sinn ist ihr dunkel romantischer Blick auf die Zukunft nicht moralisch, sondern ästhetisch. Die Welt ohne Menschen wird nicht mehr mit Empörung, sondern mit interesselosem Wohlgefallen registriert. Ein mögliches Ende wäre nicht verquere List der Vernunft, sondern bloß Schicksal.

In Wien, wo Glavinics einsamer Held Jonas am Stephansplatz seinem Ende entgegenblickt, wo die Welt auf kein' Fall mehr lang steht, wo der Paradiesgarten immer schon nur ein Paradeisgartl war, hielt sich auch das Bedauern über ihren Verlust immer schon in Grenzen. Wohl lässt Jura Soyfer seinen Lechner Edi am Ende einer rasanten, maschinenstürmenden Fahrt durch die Weltgeschichte zu seiner Fritzi sagen: "Auf uns kommt's an", doch im Ohr bleiben eher die pessimistischen Melodien von Karl Kraus abwärts: "verdrossen grunzt das sonnenschwein / der erdball soll verbrennet sein", heißt es bei Ernst Jandl entspannt, "die grüne pest des grases frisst / noch jeden der mensch gewesen ist".

Der Wein allerdings, der - dem bekannten Lied zufolge - sein wird, wenn wir nicht mehr sein werden, wird, so prophezeit uns die Wissenschaft, ungenießbar sein. Wie alles vom Menschen veredelte Gemüse und Obst werden die Trauben ohne ihn verwildern, klein und hässlich werden. Also wenn Ihnen sonst kein Grund einfällt ... (Ernst Strouhal /ALBUM/ DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.09.2007)

Zur PersonErnst Strouhal ist Kulturwissenschafter. Er unterrichtet an der Universität für Angewandte Kunst. Von ihm erschien zuletzt Rare Künste im Springer Verlag.
  • Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht". Roman. Hanser. München/Wien 2006. 
Cormack McCarthy: "Die Straße". Roman. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 2007. 
Hans Holländer: "Der archäologische Blick und die Zeitmaschine". 
In: Bild und Zeit. Tagungsband der Ludwig- Maximilians-Universität. Fink. München 2007. (i. E.) Ulrich Horstmann: "Das Untier. Manuscriptum". Waltrop/Leipzig 2005. 
Michel Houellebecq: "Die Möglichkeit einer Insel". Roman. DuMont. Köln 2005. 
Hans Petschar (Hrsg.): "Alpha & Omega. Geschichten vom Ende und Anfang 
der Welt". Springer. Wien/New York 2000. 
Jura Soyfer: "Der Lechner Edi schaut ins Paradies". Werkausgabe Bd. II. 
Hrsg. v. Horst Jarka. Deuticke. Wien 2002. 
Alan Weisman: "Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde". 
Piper. München/Zürich 2007. 
Ronald Wright: "Die Schönheit jener fernen Stadt". dtv. München 1998.
    foto: standard/robert newald


  • Thomas Glavinic: "Die Arbeit der Nacht". Roman. Hanser. München/Wien 2006.
  • Cormack McCarthy: "Die Straße". Roman. Rowohlt. Reinbek bei Hamburg 2007.
  • Hans Holländer: "Der archäologische Blick und die Zeitmaschine".
  • In: Bild und Zeit. Tagungsband der Ludwig- Maximilians-Universität. Fink. München 2007. (i. E.) Ulrich Horstmann: "Das Untier. Manuscriptum". Waltrop/Leipzig 2005.
  • Michel Houellebecq: "Die Möglichkeit einer Insel". Roman. DuMont. Köln 2005.
  • Hans Petschar (Hrsg.): "Alpha & Omega. Geschichten vom Ende und Anfang
  • der Welt". Springer. Wien/New York 2000.
  • Jura Soyfer: "Der Lechner Edi schaut ins Paradies". Werkausgabe Bd. II.
  • Hrsg. v. Horst Jarka. Deuticke. Wien 2002.
  • Alan Weisman: "Die Welt ohne uns. Reise über eine unbevölkerte Erde".
  • Piper. München/Zürich 2007.
  • Ronald Wright: "Die Schönheit jener fernen Stadt". dtv. München 1998.

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