Hymne an die Tanzmaus

14. September 2007, 20:56
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Im Tanzquartier Wien rettet Fritz Ostermayer die Choreografie mit dem Tanz- und Singstück "Rettet die Mäuse..."

Wien – Fritz Ostermayer hat der Menschheit und der Mausheit etwas Gutes getan. Der Österreicher, Radiomoderator (FM4), Musiker, DJ, Autor, und Performer eröffnet die neue Saison des Tanzquartier Wien mit dem Tanz- und Singstück Rettet die Mäuse oder Conducting Kafka While Whistling Against Interpretation.

Typisch für den Verfasser des elektrisierenden Standardwerks Gott ist ein Tod aus der Steckdose (1994) ist, dass er Franz Kafka als Folie vor den eigentlichen Referenzborn dieses wertvollen Werks montiert – und das kann nur das berühmte Ballett Der Nussknacker sein. Kafkas Erzählung Josefine, die Sängerin oder Das Volk der Mäuse verdeckt hier nahezu perfekt _E.T.A. Hoffmanns Geschichte vom Nussknacker und Mäusekönig. Geschickt verwandelt Ostermayer den König in eine jugendliche Mäuseprinzessin, die im wirklichen Leben unter dem Label Soap&Skin schöne Indiemusik produziert.

Mit Rettet die Mäuse knüpft der Neo-Choreograf an sein Frühwerk an, lenkt seine Forschung über die Auswirkungen des Steckdosenstroms auf den Körper um in Richtung bioelektrischer Impulse innerhalb des Körpers, indem er einen kleinen Diskurs über das Tourette-Syndrom in das Stück einflicht. Im Nussknacker-Ballett, das ja Ende September von der Staatsoper in einer Neufassung vorgestellt wird, symbolisieren die kleinen Nager das unheimliche Unbekannte.

Ostermayer konzentriert sich ganz auf diesen gesellschaftlichen Maus-Underground, jedoch nicht ohne auf eine Anspielung auf den Nussknacker zu verzichten. Basteln doch "Baumeister" Hans Schabus und sein Geselle fishy (Fa. Felix K., Tanz- und Mausefallen Bau AG) während des gesamten Stücks im Hintergrund an der größten Mausefalle der Welt. Davor tanzen Sabina Holzer und Virginie Roy-Nigl hingebungsvoll die Rollen von Strandmäusen, der Performer Frans Poelstra entsteigt einem Sarg und huldigt der "Schutzpatronin der Pölster, Steppdecken und Tuchenten" Yvonne Rainer, Christoph Grissemann und Alfred Schefberger frönen in Theorie und Praxis einem romantisch beleuchteten Haartanz.

Choreografische Spenden für diese subversive Hommage an das Tanzquartier kommen von Barbara Kraus und Chris Haring. Besonders pfiffig: der Tanz der Mannschaft der Freiwilligen Feuerwehr Schattendorf, dem Geburtsort von Ostermayer und Haring.

Geschickt ist hier der Bezug zum Schattendorfer Prozess, der bekanntlich im Juli 1927 zum Brand des Wiener Justizpalastes führte, versteckt. "Choreografie", postuliert Fritz Ostermayer in diesem ikonischen Meisterwerk des post-postdramatischen Theaters, "muss Leben retten." Und, zu Beginn: "Das muss ein positives Stück werden." Letztere Forderung wird vor allem durch das Hundeballett "Biskotti, Hugo und Mimi" eingelöst. Denn der Hund lässt das Mausen lebenslang.

Das Moderieren lässt Ostermayer nicht immer, und er kassiert dafür auch Ohrfeigen auf der Bühne. "Hat Pina Bausch schon Leben gerettet?", fragt der Künstler. In das Ausbleiben der Antwort füllt sich eine von der Schauspielerin Melita Jurasic hingebungsvoll vorgetragene These:

"Nur ein leerer Künstler ist ein guter Künstler." Und hier liegt der Sinn von "Rettet die Mäuse": Das Kafka-Dirigieren im Pfeifen gegen die Interpretation ist – unter expliziter Schirmherrschaft von Giorgio Agamben – eine Geste in Richtung des Künstlers als gesellschaftliche Leerstelle. (Helmut Ploebst /DER STANDARD, Printausgabe, 15./16.09.2007)

Wh.: Am Samstag 15.9. um 20.30 Uhr im TQW/Halle G.
  • Vorsicht, dieser Mann ist wild, auch als Choreograf: Fritz Ostermayer.
    foto: hörmannseder/tqw

    Vorsicht, dieser Mann ist wild, auch als Choreograf: Fritz Ostermayer.

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