"Das Dings, das Rückenmuskeln macht"

28. April 2008, 13:58
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Die Kinderkraftkammer-Krux: Kids, die ins Fitnesscenter gehen, brauchen es nicht

Wien - "Bist du aufgewärmt?" Raffael wirft Miguel einen Blick zu: "Das ist wichtig." Miguel nickt: "Ja." Aufwärmen ist wichtig. Schließlich ist das hier kein Spaß - man hat ein Ziel:

Muskeln. Große Muskeln. Und ein bisserl ärgert sich Miguel ohnehin, dass er nicht dorthin darf, wo Muskeln wirklich wachsen: zu den großen Geräten. Zu den Hanteln. Zu den Gewichten, die so schwer sind, dass sogar dem Papa die Adern anschwellen: Dort, bei den Männern, sagen die siebenjährigen Zwillinge, würden sie lieber trainieren. Echte Männer an echten Geräten - mit echten Männermuskeln.

Boxen, da braucht man Kraft

Aber mit sieben ist man Kompromisse gewohnt. Darum werkeln die Buben eifrig in ihrem Bereich: "Hier trainiere ich den Rücken. Das da ist für die Arme", erklärt Miguels Freund Aaron (ebenfalls 7): "Ich will boxen, da braucht man Kraft." Aarons Ernsthaftigkeit wird da nur vom Enthusiasmus getoppt, mit dem sein Bruder Timo (5) auf "Yukari" strampelt.

Fitnessgeräte im Kleinformat

"Yukari" heißt der Kinderhometrainer. "Oskar" die Lat-Maschine (also das "Dings, das Rückenmuskeln macht"). Und "Tommy" stärkt die Brust: Die drei bunten Fitnessgeräte im Kleinformat sind Teil der Kid-Zone, die Helmut Klampfer in seinem "Lifestyle Palace" in Wien-Erdberg hat. Klampfer ist damit in Österreich einer der ersten Trimmer, die unter "Kinderbetreuung" mehr als ein Spielzimmer verstehen.

Kinder finden es cool

Das Angebot, erklärt der Unternehmer, "wird angenommen: Die Eltern trainieren stressfrei, die Kinder finden es cool." Schädlich sei es ja auch nicht, wenn Kinder an Kraftmaschinen "arbeiten". Freilich nur, "wenn ein geschulter Trainer ein Auge darauf hat, die Geräte kindgerecht sind - und es spielerisch bleibt".

Alarm bei Fehlhaltung

"Kindgerecht" heißt aber mehr als knubbelig-bunt. Weil falsche Haltung schwere Schäden verursachen kann, kontrollieren Sensoren Position und Sitz der Kids: Wenn etwas nicht passt, fiept ein Alarm. Und obwohl die Buben ehrgeizig sind, betont Klampfer, dass man "Kindern keine Trainingspläne machen muss. Sie bewegen sich, weil es Spaß macht". Solange es ihnen die Eltern nicht abgewöhnen.

Wie die Eltern, so die Kinder

Doch hier beginne das Dilemma von überfüttert/unterbewegt, sagt Klampfer: "Es sind ja nicht die übergewichtigen Couchpotatoes, die von den Eltern mitgenommen werden. Wer selbst Sport macht, achtet auch darauf, dass seine Kinder sich bewegen und gesund essen." Aber mittlerweile kämen "hin und wieder schon die anderen". Die, denen der Arzt sage, dass etwas geschehen muss, weil sonst etwas passiert - Eltern wie Kinder.

Diese Leute zu motivieren, nach ein paar frustrierenden Stunden (nebenan trainieren schwerelose Muster-Körper) nicht wieder auf die TV-Couch zu wechseln, gehört zu den schwersten Aufgaben jedes Trainers.

Herumtoben im Freien

Bei Raffael, Miguel, Timo und Aaron stellt sie sich nicht: "Ich mache Karate", trumpft ein Zwilling auf. "Ich Taekwondo", setzt sein Bruder fort. Auch Timo und Aaron sind stolz auf erste Kampfsport-Gürtel: Fitnesscenter, weiß Klampfer, bräuchten die vier nicht. "Das soll und darf Herumtoben und Spielen im Freien auch nicht ersetzen."

Die Kiddie-Kraftkammer ist trotzdem nicht nur "Zuwaag": Wer mit sechs spielerisch erlebt, wozu ein Fitnesscenter taugt, muss es mit 30 nicht erst lernen. Und schafft dann auch die großen, die "echten" Gewichte. Ganz cool & easy. Und nur darauf kommt es ja an.
(Thomas Rottenberg, DERSTANDARD, Printausgabe, 14.09.2007)

  • "Die Kinder finden es cool." Das Studio kann und soll Spielen und Toben im Freien aber nicht ersetzen.
    foto: christian fischer

    "Die Kinder finden es cool." Das Studio kann und soll Spielen und Toben im Freien aber nicht ersetzen.

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