der schönste Tag der Woche: Pawlowsche Reflexe

15. September 2007, 00:00
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Gusi bei der Nudeltruppe und in der Regenhaut beim Papst und reflexionsartige Diskussionen zu Halbmonden, Minaretten und Kopftüchern

Dass das Leben als Bundeskanzler einmal derart hart werden würde, hat sich der kleine Fredi in seiner Sandkiste in Ybbs sicher auch nicht gedacht. Nehmen Sie nur das vergangene Wochenende. Da musste sich Gusenbauer vom Papst in der Hofburg wie ein Firmling die Leviten lesen lassen und am Schluss auch noch brav applaudieren. Kein Wunder, dass er anschließend gleich nach Klagenfurt ins neu erbaute Stadion flüchtete, um Trost bei der österreichischen Fußballnationalmannschaft zu suchen. Und was fand er? Eine Nudeltruppe, die an diesem Abend nicht einmal gegen die Schweizer Garde gewonnen hätte. In Mariazell hieß es für Gusenbauer dann wieder: rein in die Regenhaut und dem Papst schön artig die Reverenz erweisen, damit man in "Radio Maria" nur ja keine schlechte Nachrede hat. Die Gefühlslage Gusenbauers am Papst-Wochenende dürfte in etwa jener entsprochen haben, die Joan Aiken in ihrem Roman Die Kristallkrähe wie folgt auf den Punkt bringt: "Was ist das Leben? Ein Schlag ins Gesicht mit einem nassen Handtuch."

Machen wir von Mariazell einen kurzen Abstecher nach Bad Vöslau, wo sich am kommenden Mittwoch die dortige FPÖ-Ortsgruppe anschickt, die Naturgesetze außer Kraft zu setzen. Laut Mondkalender sollte an diesem Tag zu später Stunde zwar auch über Bad Vöslau der Halbmond aufgehen, allerdings nur, wenn die FPÖ ihren Kampfruf nicht in die Tat umsetzt, der da lautet: "Keinen Halbmond über Bad Vöslau!" Wir sind gespannt und harren der Dinge. In der Zwischenzeit trösten wir uns mit dem Sprichwort: "Wenn der Finger auf den Mond zeigt, betrachtet der Trottel den Finger." (Gilt natürlich auch für den Halbmond.)

Die Reaktionen von FPÖ, BZÖ und Teilen der ÖVP auf Stichworte wie "Halbmond", "Minarett" oder "Kopftuch" (nicht zu verwechseln mit unserem "Kopftiachl") bestätigen jedenfalls jene Forschungsergebnisse, mit denen der russische Nobelpreisträger Iwan Petrowitsch Pawlow bereits vor 100 Jahren Aufsehen erregte. Pawlow, dessen Geburtstag sich am 14. September zum 158. Mal jährt, erforschte an Hunden jenes Phänomen der konditionierten Reflexe, die man heute auch bei vielen Politikern beobachten kann. Ein Stichwort wie "Moschee" genügt dann schon, um die Sekretion von Speichel und anderen Verdauungssäften auszulösen und die entsprechenden Meldungen folgen zu lassen.

Aber Reflexe, wie sie Pawlow erforschte, können nicht nur durch Worte, sondern auch durch Gerüche ausgelöst werden. Bei mir ist es so, dass ich jedes Mal, wenn ich einen Haarfestiger rieche, sofort in eine Extrawurstsemmel beißen möchte. Der Grund: Als Kinder bekamen wir einmal in der Woche, und zwar am Samstag um drei Uhr am Nachmittag, just immer dann unsere über alles geliebten Extrawurstsemmeln serviert, wenn sich meine Mutter und meine Großmutter gegenseitig die Haare eindrehten und dabei derart viel Haarfestiger verwendeten, dass dieser Geruch bis ans Ende meines Lebens mit dem gleichzeitigen Verzehr von Extrawurstsemmeln verbunden sein wird.

Da ich jetzt ohnehin schon abgeschweift bzw. abgeschwiffen bin, darf ich noch daran erinnern, das es am 15. September 1830, also vor exakt 177 Jahren, im Zuge der Eröffnung der Strecke Liverpool–Manchester zum ersten tödlichen Passagierunfall der Eisenbahngeschichte kam. Das Opfer war der Unterhausabgeordnete William Huskisson, der von einer Lokomotive mit dem klingenden Namen "The Rocket" erfasst und tödlich verletzt wurde. Immerhin noch besser, als vom EC 569, "Wifi Karriere-Express", überfahren zu werden. (Kurt Palm, ALBUM/DER STANDARD/Printausgabe, 08./09.09.2007)

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    foto: michaela mandl
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